«Wir brauchen Belastungen»

Am 8. Mai ist der nationale Aktionstag Alkoholprobleme. Die Zahl alkoholabhängiger Menschen in der Schweiz wird auf eine Viertelmillion geschätzt. Wir reden zu diesem Tag mit Conrad Frey, Leiter der Psychiatrie Obwalden/Nidwalden (Pons) in Sarnen, über das Erkennen und Behandeln der Alkoholsucht.

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Conrad Frey: «Frauen sind in der Regel beziehungsorientierter, 
Männer ziehen sich stärker zurück.» (Bild: Marion Wannemacher)

Conrad Frey: «Frauen sind in der Regel beziehungsorientierter, Männer ziehen sich stärker zurück.» (Bild: Marion Wannemacher)

Die Psychiatrie Obwalden/Nidwalden in Sarnen bietet Menschen in Lebenskrisen oder mit psychischen Erkrankungen professionelle Hilfe. In welchem Masse betrifft dies auch Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit?

Conrad Frey: Suchtprobleme sind im medizinischen Alltag häufig. Bei uns wird bei rund einem Fünftel der stationär Behandelten als Hauptdiagnose eine Suchterkrankung gestellt. Dabei handelt es sich oft um eine Alkoholabhängigkeit. Suchtgefährdete Jugendliche, etwa «Kampftrinker», werden vermehrt an der Fachstelle für Gesellschaftsfragen begleitet.

Wann spricht man von einem problematischen Alkoholkonsum?

Frey: Wenn täglich oder nahezu täglich vier Standarddrinks (Männer: 40 Gramm Alkohol, Frauen 20 Gramm) getrunken werden, wird im Fachjargon von chronisch-risikoreichem Alkoholkonsum gesprochen. Wenn bis zum Kontrollverlust getrunken wird, jedoch nicht täglich, redet man von Rauschtrinken, was man heutzutage vor allem bei Jugendlichen kennt. Drittens gibt es das situationsunangepasste Trinken, welches dann mit grossen Risiken auch für die Mitmenschen verbunden ist – etwa im Strassenverkehr oder bei einer Schwangerschaft.

Hilft Alkohol gegen Stress?

Frey: Ja, klar. Alkohol ist angstlösend, entspannend und euphorisierend. Er wirkt unmittelbar auf die Gefühle von Unlust und Überbelastung. Es gibt jedoch eine Kehrseite der Medaille. Gerne geht vergessen, dass Alkohol unsere Gefühle auch negativ beeinflussen kann und das Denken, die Konzentration, die Aufmerksamkeit sowie die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Unter Alkohol entsteht ein trügerisches Gefühl, wir seien gut drauf. Objektiv ist das Gegenteil der Fall. Alkohol erhöht die Impulsivität, lässt uns schneller und unüberlegter handeln. Dabei gehen Einzelne grössere Risiken ein und gefährden sich selber oder andere damit. Wie im Strassenverkehr, wo man sich unter Alkoholeinfluss häufig überschätzt. Mit Alkohol werden soziale Unsicherheiten und Hemmungen leichter überwunden. Er hilft zwischenmenschliche Blockaden zu lockern.

Gegen ein Glas Wein bei einem Apéro ist aber nichts einzuwenden?

Frey: Nein, solange der Konsum massvoll bleibt und Alkohol nicht zum alleinigen «Heilmittel» zur Überwindung von Beziehungsstress und Unsicherheit wird. Ich sehe hier das Risiko, dass Alkohol als Problemlöser schnell zur Gewohnheit werden kann. Besser als unangenehme Gefühle mit Suchtmitteln zu überdecken wäre es, sie zuzulassen und zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Hat «Stress» in den letzten Jahren zugenommen, oder ist er verstärkt in das Bewusstsein gerückt (worden)?

Frey: Zu viel Stress wird meist als unangenehm, belastend und schädlich wahrgenommen. Zu wenig wäre jedoch auch ungünstig. Wir Menschen brauchen Belastungen und Herausforderungen, welche den Organismus positiv beeinflussen. In unserer hektischen Zeit wird oft von Stress gesprochen. Dabei geht vergessen, wie hart und belastend Lebensumstände schon früher waren. An Hunger zu leiden oder Kinder früh wieder zu verlieren, waren Belastungen, die wir heute kaum mehr ertragen müssen. Wir nehmen heute schneller Hilfe in Anspruch, wenn wir uns gestresst fühlen. Wir haben vor allem Stress durch das hohe Tempo der Veränderungen. Das Gefühl und die Möglichkeiten, selber über viele Aspekte im Leben bestimmen zu können, hat etwas Verlockendes – birgt aber auch ein hohes Stresspotenzial. Durch die vermehrte Individualität und Selbstverantwortung wird der Einzelne nicht nur durch Erfolg belohnt, ihm wird gesellschaftlich auch gnadenlos das Scheitern «angelastet». Viel Stress ist auch hausgemacht, wenn man etwa einen Blick darauf gibt, was alles neben der Arbeit, in der Freizeit, noch geleistet und konsumiert wird.

Lässt sich aufgrund Ihrer Erfahrung sagen, welche Situationen besonders oft Stressreaktionen hervorrufen?

Frey: Es sind in erster Linie zwischenmenschliche Konflikte und Beziehungsprobleme, die uns belasten. Dazu zählen auch neue Formen von Belästigungen über die elektronischen Medien. Auch die schulischen oder beruflichen Belastungen machen einen grossen Anteil aus. Bei Jugendlichen kann zusätzlich Gruppendruck Stress darstellen. Es sind jedoch selten nur einzelne Faktoren, sondern mehrere, die zusammenkommen. Alkohol ist in psychosozialen Krisen sowohl als auslösender Faktor wie als vermeintlicher Problemlöser oftmals ein Thema.

13 Prozent der Schülerinnen und 27 Prozent der Schüler im Alter von 15 Jahren trinken gemäss der aktuellsten Schülerbefragung mindestens wöchentlich ein alkoholisches Getränk. Wie kann sich ein problematischer Alkoholkonsum auf die Entwicklung des jungen Menschen auswirken?

Frey: Es braucht viel weniger, dass ein junger Mensch von einer Gewohnheit in eine Alkoholsucht abrutscht, als bei einem Erwachsenen, weil der junge Mensch biologisch und psychologisch noch nicht so sehr gefestigt ist. Wird das «Suchtgedächtnis» früh stark geprägt, erhöht sich das Risiko einer späteren Abhängigkeit im Erwachsenenalter. Alkoholkonsum in einem vernünftigen Masse stellt für die Entwicklung des Hirns sicher kein Problem dar. Allerdings sind aufgrund ihrer biologischen Disposition sowie der persönlichen oder familiären Belastungen oder Stärken nicht alle Menschen gleich gefährdet, eine Sucht zu entwickeln.

Was sind Anzeichen, dass ein Mensch oder ein Mitarbeiter ein Alkoholproblem haben könnte?

Frey: Der Cage-Test (siehe Kasten) kann zur Selbst- oder Fremdbeurteilung von Alkoholkonsum dienen. Im Alltag sind neben dem beobachteten Trinkverhalten zum Beispiel Leistungseinbussen, Stimmungsschwankungen, vermehrte Arbeitsabsenzen oder Unpünktlichkeit Anzeichen. Bei schwerem Konsum stellen sich auch äusserliche Veränderung der Haut oder Zittern der Hände ein. Gerade in einem kleinen Kanton wie Obwalden bleibt ein Alkoholproblem wohl kaum verborgen – ob darüber gesprochen wird, bleibt eine andere Sache.

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, eine mir nahestehende Person trinke zu viel Alkohol?

Frey: Es ist entscheidend, das Alkoholproblem offen und nicht wertend anzusprechen und sich dabei nicht von Schutzbehauptungen oder Ausflüchten blenden oder entmutigen zu lassen. Suchterkrankungen sind nicht immer einfach zu überwinden. Bei der Vermittlung von Hilfen sind professionelle Fachkräfte wie Suchtberatungsstellen beizuziehen. Selbsthilfegruppen für Alkoholkranke sind auch zu empfehlen. Angehörige geraten leicht in eine schwierige Rolle, in welcher sie gleichzeitig Unterstützung geben, Verständnis aufbringen sowie den (massvollen) Konsum oder die Abstinenz überwachen und kontrollieren müssen. Diese Rollenüberforderung muss in einer Beratung oder Therapie angegangen werden.

Reagieren Frauen anders auf Stress als Männer?

Frey: Frauen sind in der Regel beziehungsorientierter, gesprächsbereiter und suchen bei Problemen schneller und häufiger Hilfe. Männer ziehen sich stärker zurück, verleugnen ihre Schwierigkeiten oder versuchen, sie alleine zu meistern oder über Leistung und Sport zu kompensieren.

Die Medizinforschung nimmt an, dass hoher Alkoholkonsum zu «nervo-adaptiven Veränderungen» führe. Heisst dies, dass Rückfälle nur schwer verhinderbar sind?

Frey: Das ist sehr komplex. Je mehr das Suchtgedächtnis schon eingefahren ist, desto schwieriger ist es, diese Gewohnheiten aufzubrechen. Bei solchen Fällen gibt es nur den totalen Verzicht auf Alkohol. Die Abstinenz kann durch Medikamente unterstützt werden. Im Gegensatz zu anderen Suchtmitteln ist beim Alkohol keine Substitutionsbehandlung möglich. Das sogenannte «kontrollierte Trinken» wird immer wieder versucht, ist allerdings nur für einen kleinen Teil der Alkoholabhängigen zu empfehlen, da die Rückfallgefahr gross ist. In der Behandlung der Alkoholkrankheit unterscheiden wir den Entzug oder die «Entgiftung» vom Alkohol. Die Entwöhnung, oft in spezialisierten Kliniken, hat das Verlernen eingeschliffener Suchtgewohnheiten und das Erlernen neuer Strategien und Haltungen, wie das Leben mit all seinen Belastungen ohne Alkohol gemeistert werden kann, zum Ziel. Die Rückfallgefahr ist wie bei jeder Form der Suchtabhängigkeit hoch. Je schneller danach Hilfe gesucht wird, desto geringer sind die gesundheitlichen Folgen und das erneute «Einschleifen» der schädlichen Verhaltensmuster.

«In traurigen Zustand verfallen»

pd. Alkohol wird von jeher als Nahrungs-, Heil-, Genuss- und Rauschmittel gebraucht. Er ist in vielen gesellschaftlichen Lebensbereichen selbstverständlich und gehört zu unserer Kultur, aber mit einschneidenden Folgen. Bereits 1895 beklagte der damalige Obwaldner Arzt und Nationalrat Peter Anton Ming die gravierenden Auswirkungen des übermässigen Alkoholkonsums auf die Bevölkerung, besonders auf Familien. Er erwähnte in der Schrift «Durst und geistige Getränke», dass ein Drittel der Menschen, die damals in psychiatrischer Behandlung waren, «durch die Einflüsse des Alkoholes in diesen traurigen Zustand verfallen» seien. Auch ein hoher Anteil an Gewaltdelikten sei auf Alkoholeinfluss zurückzuführen.
Heute gehen Schätzungen davon aus, dass in der Schweiz zirka 250 000 alkoholabhängige Menschen leben. Ein Suchtmonitoring von 2012 zeigt, dass 92 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen ab 15 Jahren zumindest gelegentlich Alkohol konsumierten. Laut einer Schülerbefragung von 2010 trinken zudem 27 Prozent der 15-jährigen Knaben und 13 Prozent der gleichaltrigen Mädchen zumindest einmal pro Woche Alkohol. Der nationale Aktionstag vom 8. Mai will die Botschaft verbreiten, dass ein gelegentliches Glas Alkohol zur Entspannung kein Problem darstellt. Wird es aber zur Gewohnheit, sich mit Alkohol zu entspannen, ist Vorsicht geboten. Problematischer Alkoholkonsum ist ein relevantes Thema für Prävention, Beratung und Behandlung. Wir lassen dazu Conrad Frey, Leiter Psychiatrie der Kantone Ob- und Nidwalden, zu Wort kommen.

Wie erkenne ich Alkoholprobleme?

Mit dem Cage-Test können alle Personen durch Beantwortung von vier einfachen, kurzen Fragen ihre Beziehung zum Alkohol selbst beurteilen:

1. Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie ihren Alkoholk   onsum reduzieren sollten?
2. Haben Sie sich schon darüber aufgeregt, wenn andere Leute Ihr Trinkverhalten kritisierten?
3. Hatten Sie aufgrund Ihres Alkoholkonsums schon Gewissensbisse?
4. Haben Sie am Morgen nach dem Erwachen schon als erstes Alkohol getrunken, um Ihre Nerven zu beruhigen oder den Kater loszuwerden?

Zwei oder mehr Ja weisen auf mögliche Probleme mit übermässigem Alkoholkonsum hin. Die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholmissbrauchs liegt bei einem Ja bei 62 und bei zwei Ja bei 89 Prozent. Der Cage-Test ist Teil des Leitfadens «Suchtmittelkonsum – Risiken früh erkennen und handeln» der Suchtprävention des Kantons Zürich.