Im Ob- und Nidwaldner Lauschwald lernt man, neu zu hören

Ein Publikum verharrt stumm lauschend im Kernwald. Die Klangkünstler Andres Bosshard und Jul Dillier geben der Gruppe die Möglichkeit ganz besondere Töne zu hören.

Romano Cuonz
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Die Klangkünstler Andres Bosshard (links) und Jul Dillier vermitteln ihrem Publikum die Stimmen des Waldes.

Die Klangkünstler Andres Bosshard (links) und Jul Dillier vermitteln ihrem Publikum die Stimmen des Waldes.

Bild: Romano Cuonz (Kerns, 4. Juli 2020)

«Ich bin Klangturmprofessor im Bundesamt für Sonoaviatik, Abteilung Fliegende Klänge», gibt Andres Bosshard seinem Publikum mitten im Kernwald zu wissen. Und den stumm neben ihm stehenden Jul Dillier stellt er als Klangförster im Amt für Sang- und Klangwald Obwalden vor. «Was soll dieser Nonsens», mag man sich fragen. Marie-Cathérine Lienert, die das Publikum auf Waldwegen zu den beiden geführt hat, bringt Licht in die Sache. Der Verein «Kulturlandschaft – Landschaft und Kultur in Obwalden» und das Museum Bruder Klaus haben die beiden Klangkünstler zu einer grossen Performance in den Ob- und Nidwaldner Hauswald eingeladen. Andres Bosshard ist selbständiger Künstler und Dozent an der Hochschule der Künste in Zürich. Als Koryphäe der Experimentalmusik ist er schon an Musik- und Klangfestivals in Europa, Amerika, Japan und Indien aufgetreten. Jul Dillier, ein gebürtiger Sachsler, deckt als erfolgreicher Klangwerker und Schalldichter die Bereiche Performance, Klangkunst, Theater und Hörspiel ab.

Was die beiden im Kernwald zusammenführt: Sie wollen den Menschen helfen, dem Wald mehr zuzuhören. Eine nicht ganz einfache Sache. Andres Bosshard dazu: «Wir alle müssen dem Wald unsere Aufmerksamkeit schenken, müssen lernen, ihm zuzuhören, wie wir einander zuhören.» Die Geräusche und Stimmen am Waldboden vernehme man, wenn man ganz ruhig verharre und ihnen einfach aufmerksam lausche. Damit die Leute auch die zahllosen Instrumente der Blätter in den Bäumen wahrnehmen können, hat Bosshard an zwei mächtige Ballone ein Mikrofon gebunden. Nun lässt er es in die Baumwipfel hochsteigen. Überwältigend, was nun in Kopfhörern zu hören ist. Auf die Gesichter der Probanden zaubert es jedenfalls ein entspanntes, zufriedenes Lächeln.

Das beste Raumecho der Welt

Andres Bosshard versichert: «Im Wald haben wir das genialste Raumecho der Welt.» Was man in Konzertsälen oft mühsam erarbeite, sei hier natürlich gegeben. Selbst die Tatsache, dass im Kernwald stets eine Unzahl von wenig idyllischen Geräuschen wie Flugzeug- Helikopter- oder Motorenlärm mitschwingt, kommt der Absicht der Klangkünstler entgegen. «Wir machen diese Ausbildung nicht nur zum Geniessen, wir lehren die Leute zu verstehen, dass der Wald uns braucht, mehr denn je», sagt Bosshard. Leute, die sich den Tönen und Geräuschen bewusst seien, würden den Wald nicht einfach nur als Erholungsraum nutzen, sondern ihm auch etwas zurückgeben.

Während der gut stündigen Wanderung brauchen dann die beiden Künstler nur noch wenig einzugreifen. Je genauer die Zuhörerinnen und Zuhörer hineinhorchen, desto mehr lässt sie der Wald seine eigenen Melodien hören. Da ist der Zwiegesang von Vögeln in den Ästen, dort das Summen von Insekten in Bodenpflanzen. Ja, jedes einzelne Blatt hat einen anderen Ton im Wind. Und die Ohren besinnen sich darauf, dass sie Töne bis auf drei Kilometer Entfernung wahrnehmen können. Mit der Zeit hört man Tritte nahender Wanderer schon von weitem. Im Gegensatz zu Andres Bosshard, dem beredten und immer auch augenzwinkernden Geschichtenerzähler, ist Jul Diller ein schweigsamer Begleiter. Er geht stumm voran. Achtet meditativ auf jede leise Bewegung, wenn er mit dem Waldboden Kontakt aufnimmt – man hat das Gefühl – als würde er den Wald wirklich verstehen.

Vom Waldtempel zur alten Buche

Erstes Ziel der Wandergruppe ist der Gerzensee. Dort begegnen die angehenden Klangspezialisten dem Zauber des hölzernen Stegs. Er sei vom Teufel verhext, wird ihnen weisgemacht. Das Publikum folgt Jul Dillier und beklopft das Holz sachte mit Stöcken. So wird man selber zum Magier und vermag, dem Beelzebub mit einem Gegenzauber zu trotzen. Sehr eindrücklich ist der Aufenthalt im Waldtempel. In einer Mulde zwischen Felsbrocken, Busch und Bäumen finden alle ihren bemoosten Sitzstein. Äusserlich geschieht gar nichts. Im Innern aber reifen die Leute zu Spezialisten, die nun alles erlauschen. Später, bei der uralten, einzigartig schönen Buche mitten in einer Weggabelung, nimmt der Klangkünstler Jul Diller einen sachten Eingriff vor. Die Scheiter einer Holzbeige benutzt er als mächtiges Xylophon und bringt eine von ihm komponierte Melodie zum Erklingen. Ganz feine, akkupunkturähnlich gesetzte Töne sind es, die lange nachklingen. Jedes Scheit hat seine eigene Stimme.

Wenn Andres Bosshard den Teilnehmern am Schluss gar ein Diplom vom «Amt für Sang- und Klangwald, Abteilung Geräuschjagd, Obwalden» übergibt, weiss er etwas ganz sicher: «Wir haben diese Leute gelehrt, auf eine ganz bestimmt Art zu hören, und genau diese Art, zu hören, hätte eigentlich auch die oft laute und verstärkte Musik längst wieder nötig.»