Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Wo Götter selbst vergebens kämpfen

Ich meinti
Romano Cuonz
Romano Cuonz (Bild: Corinne Glanzmann/LZ)

Romano Cuonz (Bild: Corinne Glanzmann/LZ)

Talbot, der sterbende Feldherr der Engländer, spricht angesichts der Niederlage gegen das französische Heer unter Führung der Jungfrau von Orleans noch sechs letzte Worte. Worte, die zu Recht in die Geschichte eingehen: «Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.» Würde der alte Haudegen – oder würde Friedrich Schiller, der ihm den berühmten Satz in den Mund legte – heute leben, würde das Bonmot wohl ein bisschen anders lauten. Etwa: Vor Dummheiten, die Social Media verbreiten, könnte es dem Teufel selbst grauen!

Wie um Himmels willen sich diese moderne Kommunikationsform – mit der sogar ein amtierender Präsident der USA völlig ungestraft über seinen unbescholtenen Vorgänger herziehen darf – das Adjektiv «sozial» verdient, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Etwas anderes hingegen ist mir völlig klar: Auf derlei sozialen Plattformen findet sich mittlerweile – zu allem und jedem – ein solches Mass an Dummheit, dass im Kampf dagegen weder das ganze Heer der griechischen Götter noch sämtliche Teufel in Dantes zehn infernalen Kreisen mehr aufkommen können.

Pyros in Sportstadien sind ein wortwörtlich «zündendes» Beispiel dafür. Als ein Bundesanwalt vor kurzem erstmals Klage wegen Gewalt im Luzerner Sportstadion erhebt, wird in Social-Media-Foren ein wahrer «Shitstorm» (ist auch so eine wunderbar soziale Neuerfindung) gegen ihn – und gegen alle Befürworter der längst fälligen Massnahme – losgetreten. Einer, der sich Mäder nennt, schreibt: «Fussball muss leben. Pyros gehören ins Stadion wie die Wurst und das Bier. Fertig!» Und irgend so ein Anonymous aus irgend so einer Fankurve doppelt gleich nach: «Die Kurve und die Pyros sind mehr als nur ein Teil vom Leben, egal, was passiert, ich werde immer stolz sein auf die Kurve!» Wie jetzt eine Schreiberin anständig und zaghaft bedauert, dass man sich so mit Kindern gar nicht mehr ins Stadion traue, laufen die sozialen Schreiber zu Höchstform auf. «Das Leben ist ein Risiko!» «Wer soll da an Kinder denken? Sind so schon genug hysterische Weiber da!», kontern sie etwa. Und jemand mit einem Fantasienamen giftet: «Falls man die Fankultur aus den Schweizer Stadien verbannt, könnt ihr noch so viele Göttibuben mitschleppen, wie ihr wollt, die Stadien werden dann wieder leer sein!» (PS: Die meisten der zahllosen Sprachfehler sind hier korrigiert).

Zugegeben: Auch wir Menschen des «Vordigitalzeitalters» haben – dazumal eher auf dem Pausenplatz oder am Stammtisch – ab und zu Dummheiten geplappert. Unser Glück: Dort blieben sie dann auch. Was Dummheiten, die über Social Media ungestraft verbreitet werden, so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass sie ab Datum ihres Eintrags für alle Welt ­sichtbar sind. Und bleiben. Zu eigentlichen Anleitungen und Rechtfertigungen für Torheiten können sie werden. Tatsächlich gebiert – wie es sich kürzlich in Bern mit dem völlig kontraproduktiven Anti-Erdogan-Plakat und im Nachzug dazu den analogen T-Shirts gezeigt hat – eine Dummheit die andere. Und noch schlimmer: Weil Social Media für ein nicht kleines Publikum, das kaum je differenzierte Meinungen in Zeitungen, geschweige denn in Büchern liest, der Weisheit letzter Schluss sind, können sie wie kaum etwas anderes Abstimmungen und Wahlen beeinflussen. Ja, wie die USA beweisen, sogar entscheiden!

Wie nur soll unsere Gesellschaft gegen etwas kämpfen, wogegen Götter selbst machtlos sind? Vielleicht, indem sie ein Heer von Pädagogen und Psychologen auf die Social Media loslässt? Oder muss es wieder einmal – wie so vieles zuvor – die Schule richten? Fazit jedenfalls: Sozial isch äs Woord, womä hittigstags am gschyyd­schtä nimmä weertlich nimmd.

Romano Cuonz

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst­gewählten Thema.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.