Ich meinti: World miniature

Otto Leuenberger sinniert über Reisen und Tourismus zu Corona-Zeiten.

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Otto Leuenberger.

Otto Leuenberger.

Bild: PD

Sommer – Ferien- und Reisezeit. Für viele die schönste Zeit im Jahr mit Reisen in fremde Länder, zu all den Stränden, mit der Exotik, den kleinen und grossen Abenteuern. Oder dann auch einfach mit dem Abhängen und rundum Bräunen. Gewöhnlich würde in diesen Tagen eine erholsame und träge Sauregurkenzeit herrschen: schön gemütlich. Die wirtschaftliche Geschäftigkeit wäre (freiwillig) runter­gefahren, eine sonnencrème-, glace-, sandalen-, wander­sockengesteuerte Zeit läge träge über uns.

Aber es ist eine eigentümliche Ruh in Wipfeln und Flur, in Stadt und Land. Diesmal ist alles anders. Alltagsfluchtwege mit den Ferienreisen ins Ausland sind gesperrt. Flugstrecken werden nicht bedient, Kreuzfahrten blockiert, gar der Gotthardstau entfällt. Da gibt es eine grosse Liste mit Coronaquarantäneländern und der Unsicherheit, dass man plötzlich nicht wieder problemlos heimkehren könnte. Es gibt vielfältige Ein- und Beschränkungen, und so bleiben wir halt zu Hause.

Der Bundesrat hat eindringliche Appelle an Land und Leute gerichtet: Macht Ferien in der Schweiz, reist umher und entdeckt die Heimat, konsumiert, geht in Restaurants, gebt Geld aus – quasi «Swiss first». In Luzern ist auf der Seebrücke ungewöhnlich viel Platz. Kein China oder Indien in der Schweiz, keine wälzende Tourismusmasse. In der Zen­tralbahn finden sich wieder viele freie Sitzplätze. Bei meiner kleinen «Kreuzfahrt» auf dem Vierwaldstättersee herrschte kein Gedränge, bei Ein- und Ausstieg, auf Deck. Der Zauber auf dem Schiff wirkte trotz all der Vermummten. Eigentlich sehr erholsam.

Ja, wir leben in der Schweiz wirklich in einem kleinen Paradies. Wir Glückseligen scheinen mit der ganzen Krise irgendwie akzeptabel zu Rande zu kommen. Und eigentlich bräuchten wir ja gar nicht in die grosse weite Welt zu ver­reisen. Denn bei uns ist es so schööön – und dann noch diese faszinierende Vielfalt auf kleinstem Raum!

Das pfiffig interessante Schweizer Reisemagazin «Transhel­vetica» beschreibt in seiner jüngsten Ausgabe unter dem Titel «In 80 Seiten um die Welt», wie man die grosse weite Welt in der Schweiz gespiegelt erleben kann. Die Schweiz als eine Art «World miniature», eine putzige Bonsai-­Welt. Ich hätte da noch Beispiele von Weltgegenden direkt vor der Haustür: Japan – beim Felsentor auf der Rigi; Rio mit Christusfigur – vor Hertenstein; Grönland – Gotthardpasshöhe; Kleinvenedig– die «Lagune» mit Kapellbrücke in Luzern; Tundra – Langis ob Sarnen; Fjord – Sicht von der Giglenstrassse auf den Sarnersee; Pyramiden – grüner Güpfikamm ob Lungern und Giswil; Amazonas – Reuss ab Sins. Sie kennen sicher noch weitere Beispiele für Weltläufigkeit ganz in der Nähe.

Und doch, es fehlt irgendwie etwas: die wirklich leibhaftigen Besucher ausserhalb der Herdenbildung. Es fehlt auch das Reisen über meine kleine Welt, über den Tellerrand hinaus: das Unvorhersehbare und nicht so schön Geordnete. Genügsamkeit ist ja eigentlich keine Untugend. Bei Selbst­genügsamkeit oder Selbstzufriedenheit wird es dann eher schwierig, gerade zum 1. August bei preisenden Reden von Sonderfall und Einzigartigkeit. Freuen wir uns an Begegnungen mit dem Unvertrauten gleich um die Ecke. Vor allem: Bleiben sie unterwegs gesund!