Zehn Menschen vor dem Tod bewahrt: «Härz fir Obwäldä» erhält Förderpreis für Sozialengagement

Grosse Freude für 160 Ersthelfer: Die Obwaldner Kantonalbank zeichnet ihren Einsatz für die Lebensrettung aus.

Marion Wannemacher
Drucken
Teilen

An die zehn Menschenleben haben die Ersthelfer im Kanton Obwalden in fast elf Jahren allein durch Reanimation und den Einsatz des Defibrillators gerettet. Diese zehn Frauen und Männer würden heute nicht mehr leben, wenn es die «First Responder» nicht gäbe. Gaby Vogler aus Lungern ist eine von ihnen. An einem Aprilmorgen dieses Jahres blieb um Viertel vor acht ihr Herz stehen (siehe Box unten). Zum ersten Mal seit damals sah sie am Donnerstagabend an der Preisverleihung im Camping Obsee einen ihrer Lebensretter wieder. Die Tränen flossen nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rolf Langenbacher, Präsident des Vereins Härz fir Obwaldä, als er sie spontan in den Arm nahm.

Von links: Rolf Langenbacher, Präsident Härz fir Obwaldä, die gerettete Gaby Vogler und OKB-Direktor Bruno Thürig.

Von links: Rolf Langenbacher, Präsident Härz fir Obwaldä, die gerettete Gaby Vogler und OKB-Direktor Bruno Thürig.

Bild: Marion Wannemacher (Lungern, 17. September2020)

Feierlich übergab Bruno Thürig, Direktor der Obwaldner Kantonalbank, den mit 20'000 Franken dotierten Förderpreis für Sozialengagement an den Vereinspräsidenten. Der Pokal selber sei auch ein Obwaldner Produkt, so Thürig. Er besteht aus einem Guberstein mit einem Sockel aus Obwaldner Eichenholz. Vor der Bewerbung des Vereins habe er gar nichts von dessen Existenz gewusst, bekannte Thürig im Gespräch. «Schnell war jedoch für uns in der Preisvergabekommission klar, dass wir diese Organisation unterstützen möchten. Ihr Engagement zum Wohl der Menschen im Kanton Obwalden hat uns sehr beeindruckt», begründete er die Entscheidung.

Rolf Langenbacher, der selber 17 Jahre lang als Leiter des Rettungsdienstes Obwalden arbeitete, hatte 2009 das Konzept der Erstrettung vor Eintreffen der Ambulanz mit einem Pilotprojekt in Lungern initiiert. In einer Diplomarbeit hatte er die Notwendigkeit des Einsatzes von ausgebildeten Ersthelfern vor Ort nachgewiesen. «Das Eingreifen in den ersten fünf bis sieben Minuten nach dem Eintreten eines Herzstillstandes ist entscheidend», so Langenbacher. «Schweizweit überleben heute fünf Prozent das Ereignis eines Herzstillstandes, dabei könnte man 50 Prozent von ihnen retten.»

«Weisse Flecken» sollen abgedeckt werden

Mittlerweile sind im Kanton Obwalden 160 ausgebildete «First Responder» in neun Postleitzahlenkreisen im Einsatz. Im Januar 2018 gründete sich der Verein, der sich deren Ausbildung und die Organisation der Erstrettung vor dem Eintreffen der Ambulanz auf die Fahne geschrieben hat. «In der Regel sind die ‹First Responder› drei bis vier Minuten nach dem Alarm der Sanitätsnotrufzentrale am Einsatzort.»

Gaby Vogler mit Tochter Jenny und Mann Adi.

Gaby Vogler mit Tochter Jenny und Mann Adi.

Bild: Marion Wannemacher (Lungern, 17. September 2020)

Allerdings gebe es im Kanton noch «weisse Flecken», sagte Langenbacher. In Sarnen, Wilen, Oberwilen, Stalden, auf dem Glaubenberg, in Kägiswil und Alpnachstad gebe es bislang keine Ersthelfer. «Ich bin sehr froh über den Förderpreis», sagte der Präsident. «Wir möchten diese weissen Flecken abdecken mit ‹First Respondern› und öffentlich zugänglichen Defibrillatoren. Wir möchten die Ausbildung anpacken. Der Preis gibt uns einen Anschub, um das Projekt anzugehen.» Auch sei man derzeit mit dem Kanton in Verhandlungen über die geplante Einführung eines neuen Alarmsystems und den weiteren Auftrag an die Ersthelfer.

Sie kann ihren zweiten Geburtstag feiern

Das Datum des 29. Aprils 2020 wird Gaby Vogler (47) in ihrem ganzen Leben nicht vergessen. Sehr viel weiss sie darüber nicht mehr. Tochter Jenny (21) erzählt: «Wegen des Lockdowns waren wir zum Glück alle zu Hause, als unsere Mutter einen Herzstillstand erlitt. Wir alarmierten den Notruf und riefen auch Edy Imfeld an, den Ersthelfer, der bei uns in der Nähe wohnt. Die Zeit, in der wir allein waren, fühlte sich ewig an.»

Adi, Gaby Voglers Mann, begann sofort mit der Reanimation. Wenn er heute darüber berichtet, kommen ihm die Tränen. «Im Nachhinein geht einem das nahe», sagt er. Damals gelang es ihm, seine Gefühle auszublenden. «Man macht einfach», erzählt er. Sohn Remo und Tochter Jenny seien ihm zur Seite gestanden. Nach ein bis zwei Minuten war dann Edy Imfeld zur Stelle, nach drei bis vier Minuten die weiteren Ersthelfer aus dem Dorf. Die Ambulanz übernahm nach ihrem Eintreffen und alarmierte die Rega. Bis diese eintraf, war eine Stunde vergangen. 16-mal wurde Gaby Vogler defibrilliert. Am Abend durfte ihre Familie sie im Kantonsspital Luzern besuchen. Heute sagte sie überglücklich: «Ich bin ‹gottenfroh›, dass es die ‹First Responder› gibt.» (mw)

Mehr zum Thema