ZÜRICH: Viktor Röthlin: «Auf und Ab ist für mich ein Vorteil»

In 17 Tagen endet an den EM in Zürich die Sportler-Karriere von Viktor Röthlin. Anlässlich einer Tramfahrt auf der Originalstrecke durch Zürichs Innenstadt betont der 39-Jährige, dass ihm die schwere Strecke entgegenkomme.

Hans Leuenberger, Si
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Marathonläufer Viktor Röthlin zeigt ein Fan-Shirt anlässlich der Medien-Tramfahrt am 30. Juli in Zürich. (Bild: Keystone)

Marathonläufer Viktor Röthlin zeigt ein Fan-Shirt anlässlich der Medien-Tramfahrt am 30. Juli in Zürich. (Bild: Keystone)

Der 39-jährige Obwaldner sieht etwas müde aus, als er die Medienvertreter am Bürkliplatz zum Einstieg ins blauweisse Extratram bittet. Am Vormittag hatte er noch als Abschluss seines Intensiv-Blocks einen 35-km-Lauf abgespult. Das schlechte Wetter der letzten Wochen im Engadin hatte ihm zugesetzt, seiner Form, seiner Bräune und seiner Stimmung konnte der Regen aber nichts anhaben.

Die Fahrt beginnt mit der Extraschlaufe von 2,195 km. «Zum Glück laufen wir diesen Teil vor den vier Zehnkilometer-Runden und nicht zum Schluss. Für den Kopf wäre es sehr schwierig, wenn man dieses Anhängsel nicht abhaken könnte», betont Röthlin. Auf den ersten paar Kilometern seiner Dernière am Sonntag, 17. August, erwartet er ein ruhiges Rennen. «Hier löst sich die Spannung, die sich in den Tagen vor dem Wettkampf immer mehr aufgebaut hat.»

Röthlin schaut genüsslich durch das Fenster des Trams. Er war gleichenorts schon öfters zu Fuss unterwegs. Insgesamt sechsmal hat er auf der Originalstrecke trainiert. Meistens in den frühen Morgenstunden bevor der Frühverkehr einsetzte. Dreimal wurden während der Einheiten die Herzfrequenz und die Übersäuerung im Blut gemessen, um Aufschlüsse für den Ernstkampf zu erhalten.

Mit dem Verlauf seiner Vorbereitungen ist der Obwaldner zufrieden. Nun steht die Phase des Taperings an. Der Trainingsumfang vor der grossen Belastung wird deutlich reduziert. Am Samstag folgt ein 10-km-Lauf in Danzig (Pol), kurze Intervall-Trainings, ein Entleerungslauf über 25 km verbunden mit einer mehrtägigen Kohlenhydrat-Diät sowie ein standardisierter Test mit 20 km/h während 20 Minuten stehen noch an.

Das Tram biegt auf die 10-km-Schlaufe ein. Die Organisatoren der Leichtathletik-Europameisterschaften 2014 in Zürich entschieden sich für eine schwierige, aber attraktive Marathon-Strecke. Das Kernstück bildet der Aufstieg zur Polyterrasse, die Athleten fürchten sich allerdings mehr von der Bergab-Passage. «Der Knackpunkt kommt beim Wiedereinstieg in die Fläche», sagt Röthlin. Im Gegensatz zu den Radfahrern muss der Läufer bergab aktiv Gas geben. Die Muskulatur neigt wegen des hohen Tempos zur Verhärtung. Der Streckenverlauf stört Röthlin nicht. Im Gegenteil: «Ich bin nicht mehr der schnellste Europäer. Andere haben bessere Motoren. Aber das Auf und Ab ist eine Chance für mich.» Gleichwohl würden sich letztlich Läufer aus den Top Ten durchsetzen. «Einen Überraschungssieger wird es nicht geben.»

Kraft tanken wird Röthlin beim Sechseläutenplatz. Dort schlägt der Fan-Club sein Lager auf. Sein Vater und seine Geschwister werden das Rennen vor Ort verfolgen, seine Mutter hingegen will in den eigenen vier Wänden bleiben. «Damit sie das TV-Gerät ausschalten kann, wenn es ihr zu stressig wird», so Röthlin. Der Obwaldner hofft trotz der Strapazen auf Sonnenschein und hohe Temperaturen. So wie am 1. Augst 2010, als er in Barcelona Europameister wurde.

Das Wort einer erfolgreichen Titelverteidigung nimmt Röthlin nicht in den Mund: «Ich bin auf dem Papier die Nummer 8, die Nummer 1 heisst Tade». Mit 'Tade' meint er Tadesse Abraham, der kürzlich eingebürgert wurde und im Schweizer Dress an den Start gehen wird. Röthlin muss es wissen. Er verbrachte die letzten Wochen im Engadin zusammen mit dem gebürtigen Eritreer, früher hatte er für Abraham sogar die Trainingspläne geschrieben. «Tade ist die klare Nummer 1. Die Medaille kann nur im Kopf scheitern.» Und fügt hinzu: «Ich habe schon Medaillen gewonnen, ich muss nicht mehr.»

Die Titelkämpfe in Zürich beginnen für Röthlin bereits am Dienstag, 12. August. Der Obwaldner wird an der Eröffnungsfeier einen Auftritt haben, wenn ehemalige Schweizer EM-Medaillisten gefeiert werden. Röthlin, der erst am Schlusstag zum Einsatz kommt, bleibt während der Wettkampftage in Zürich. Das Zimmer teilt sich der Routinier mit Adrian Lehmann, dem jüngsten Marathonläufer der Schweizer Equipe. Das Umstellen auf die frühe Tagwache fällt ausserhalb der eigenen vier Wände einfacher.

An der EM in Zürich werden erstmals Medaillen für die besten Teams - drei Läufer pro Nation gelangen in die Wertung - vergeben, die Schweiz gilt dank Abraham und Röthlin als Podestanwärter. Eine Teamtaktik wurde (noch) nicht festgelegt. Der Verband verzichtete darauf, 10'000-m-Läufer zu nominieren, die sich nur in den Dienst ihrer Kollegen stellen. Röthlin befasst sich nicht mit solchen Gedankenspielen. «Meine Taktik basiert nicht auf dem Umstand, dass sich einer für mich opfert», meint er bei der Zieleinfahrt am Bürkliplatz.