Ohne ihn müssten die Maschgraden «blutt» an die Fasnacht

In Tausenden Stunden Handarbeit hat Marco Helbling bis heute rund 130 Gewänder der traditionellen Schwyzer Fasnachtsfiguren angefertigt. Jetzt hat ihn die Gemeinde Schwyz dafür ausgezeichnet.

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Marco Helbling zog gestern Nachmittag als Hudi - seine Lieblings- figur - durch Schwyz. (Bild: Andreas Oppliger / Neue SZ)

Marco Helbling zog gestern Nachmittag als Hudi - seine Lieblings- figur - durch Schwyz. (Bild: Andreas Oppliger / Neue SZ)

Rund 120 Stunden arbeitet Marco Helbling an einem Blätz, dem aufwendigsten Gwändli der sechs traditionellen Schwyzer Fasnachtsfiguren. «Ich kann mich da ganz dem Nähen hingeben und alles um mich herum komplett vergessen», sagt der 36-Jährige. «Wenn ein Gwändli nach den vielen Arbeitsstunden endlich fertig ist und ich es den Schwyzer Nüsslern präsentieren kann, überkommt mich jedes Mal ein Glücksgefühl.» Doch diese Momente getaner Arbeit sind für Marco Helbling immer auch verbunden mit Abschied. Denn mit der Präsentation geht das Kostüm gleichzeitig an den Fasnachtsverein und damit an die Schwyzer Maskengarderobe über.

In den 15 Jahren, in denen Marco Helbling die Originalgwändli für die Schwyzer Nüssler in seiner Freizeit bereits herstellt, hat er sich insgesamt schon 88 Mal von einem Kostüm verabschieden müssen. Hinzu kommen rund weitere 40 Gwändli von Schwyzer Fasnachtsfiguren, die er in der Zeit davor für andere angefertigt hatte.

«Er hat Grosses geleistet»

Diese immense Leistung hat nun die Kulturkommission der Gemeinde Schwyz mit der Vergabe eines Anerkennungsbildes gewürdigt. Remo Hicklin und Daniel Annen, beides Mitglieder der Kulturkommission, überreichten Marco Helbling gestern Vormittag in der Maskengarderobe in Schwyz (siehe Kasten) das von der Künstlerin Heidi Schellwanich angefertigte Bild. «Marco Helbling hat für die Schwyzer Nüssler Grosses geleistet und damit das kulturelle Leben in der Gemeinde Schwyz gefördert», sagt Daniel Annen. «Er zeigt ein Engagement, das heute leider nicht mehr selbstverständlich ist.» Die Fasnacht sei für Schwyz ein bedeutendes Kulturgut, ergänzt Remo Hicklin. «Marco Helbling hat mit Hilfe alter Fotografien und den Aussagen von Zeitzeugen das alte Aussehen der Originalgwändli reproduziert, und so deren Weiterleben an der Schwyzer Fasnacht sichergestellt.» Als Beispiel nennt Hicklin ein Blätz-Kostüm, dessen Farben Gelb und Schwarz anstelle des sonst üblichen Rot und Blau sind. «Mit einem unglaublichen Flair hat er solche ‹Exoten›-Gwändli wieder aufleben lassen.»

Vorhänge für ein Kostüm

Für Marco Helbling ist das ganze Jahr Fasnacht: Wann immer möglich sucht er nach den richtigen Materialien für seine Gwändli. So wirft er selbst auf Reisen in fremden Ländern jeweils einen Blick in Stoffläden oder sucht im Internet beispielsweise stundenlang nach geeignetem Schmuck für die Zigeuner-Kostüme. Als vor ein paar Jahren in einem Einkaufscenter in der Region ein Restaurant schloss, holte er sich dort kurzerhand die nicht mehr gebrauchten Vorhänge – sie waren ihm schon länger aufgefallen – und stellte daraus Brustrüschen für das Kostüm des Alten Herrn her.
Beigebracht hat sich der gelernte Koch und Restaurationsfachmann, der seit Anfang Jahr mit seinem Partner in Gurtnellen das Gasthaus im Feld führt, das Schneidern selber. Bereits als 12-jähriger Junge nähte sich Helbling ein Originalgwändli. Das hatte in seiner Familie, die jeweils mit der Güdelmontag-Rott durchs Dorf zog, Tradition. Das Handwerk konnte sich der 36-Jährige bei seinen Grosseltern mütterlicherseits, die beide gelernte Schneider waren, und bei Lisi Kälin, die vor ihm die Originalgwändli für die Schwyzer Nüssler herstellte, abschauen. «Mittlerweile kenne ich jeden Arbeitsschritt bei den einzelnen Kostümen in- und auswendig», sagt Marco Helbling. Während die runden oder rautenförmigen Blätzchen aus Filzstoff des Blätz besondere Präzisionsarbeit erfordern, stellen die rund 400 Glöckchen des Bajazzomeitlis vor allem eine Fleissarbeit dar. Ohne zahlreiche Helfer sei dies jedoch kaum machbar, sagt der 36-Jährige. Als seine liebste Schwyzer Fasnachtsfigur bezeichnet Helbling das Hudi. Einerseits stehe dieses mit seinem bunten Kleid, dem Hut und der modischen Krinoline für Individualität, die ihm persönlich im Leben wichtig sei. «Und auf der anderen Seite ist das Hudi vor allem auch ein ‹Rätschwiib› – wie ich auch», so Helbling.

«Eine riesige Wertschätzung»

Noch bis Ostern – so lange dauert es in der Regel, bis die Spuren der Fasnacht an den über 300 Kostümen beseitigt sind – arbeitet Marco Helbling als Garderobier in der Schwyzer Maskengarderobe. Die Schwyzer Originalgwändli wird er aber weiterhin herstellen, künftig einfach in seinem neuen Zuhause in Gurtnellen. Der Schwyzer Fasnacht wird er dennoch treu bleiben, und ohne seinen Garderobenjob kann er künftig an den Fasnachtstagen auch häufiger als Maschgrad durch Schwyz ziehen. Das Anerkennungsbild der Gemeinde bezeichnet Helbling als «ein sehr schönes Dankeschön und eine riesige Wertschätzung». Gerade Letzteres sei etwas, was die Schwyzer Maskengarderobe seitens der Bevölkerung zu wenig erfahre. «Die traditionelle Fasnacht ist das wichtigste Kulturgut von Schwyz. Da dürfte die Unterstützung, sowohl finanziell als auch ideell, schon etwas grösser sein.»

Andreas Oppliger

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Alter Herr mit Hudi. (Bild: Cornel Hodel)
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Fasnachtsumzug Küssnacht am Rigi 2018 (Bild: Mario Burger)
Fasnachtsumzug Küssnacht am Rigi 2018 (Bild: Mario Burger)
Fasnachtsumzug Küssnacht am Rigi 2018 (Bild: Mario Burger)
Fasnachtsumzug Küssnacht am Rigi 2018 (Bild: Mario Burger)
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Frauen sind Engel, bricht man ihnen die Flügel, fliegen sie auf ihrem Besen weiter ! (Bild: Margrith Imhof-Röthlin)
Das könnte auch ihr Motto sein. "Wenn man immer tut was sich gehört, verpasst man den ganzen Spass" ! Aufgenommen im Mythencenter. (Bild: Margrith Imhof-Röthlin)

Alter Herr mit Hudi. (Bild: Cornel Hodel)