«Plötzlich stand der König von Schweden hinter mir»

Simon Schwerzmann (34), IT-Fachmann beim Formel-1-Rennstall Sauber

Interview Turi Bucher
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Simon Schwerzmann, IT-Fachmann beim Formel-1-Rennstall-Sauber. (Bild Corinne Glanzmann)

Simon Schwerzmann, IT-Fachmann beim Formel-1-Rennstall-Sauber. (Bild Corinne Glanzmann)

Lola rennt, das ist schon lange her. Jetzt rennt «Seimen»: Simon «Seimen» Schwerzmann aus Eich, 34-jähriger IT-Fachmann beim Formel-1-Rennstall von Sauber, rennt alle Grand-Prix-Strecken der Saison für einen guten Zweck ab. Eben: «Seimen rennt».

Simon Schwerzmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Formel-1-Rennstrecken durchzurennen, um damit Geld für Strassenkinderprojekte zu sammeln?

Simon Schwerzmann: Ich habe 2013 ein Jahr Auszeit genommen, um durch die Welt zu reisen, unter anderem einige Zeit durch Asien. Seitdem weiss ich, dass man den Menschen mit wenig helfen kann. Andererseits bin ich als IT-Engineer direkt an der Rennstrecke. Die ganze Aktion läuft über Andi Troxler und seine Homepage trechter.ch, die News für Leute vom Sempachersee parat hält. Unter dieser Adresse kann man auch meine Filme von der Rennstrecke sehen.

Ich habe mir die Filme selbstverständlich angesehen. Melbourne, Barce­lona, Monte Carlo, Bahrain, Malaysia – Sie kommen ganz schön in der Welt rum. Aber da fahren ja gar keine Boliden, wenn Sie auf dem Kurs rennen.

Schwerzmann: Richtig. Während des Autorennens und an den Trainingstagen arbeite ich ja in der Sauber-Box. Es wäre dann auch nicht erlaubt und viel zu gefährlich. Ich laufe die Strecke jeweils am Abend vor dem Rennen ab. Also am Samstagabend, gleich nachdem es für das Sauber-Team das sogenannte «Wort zum Sonntag» gegeben hat.

Noch ein Fragezeichen: Die Filme dauern jeweils rund 90 Sekunden. In dieser Zeit schaffen Sie es doch niemals, die Rennstrecke zu umrunden.

Schwerzmann: Auch das haben Sie natürlich richtig beobachtet. Das schafft ja auch der Formel-1-Pilot mit seinem Boliden nicht. Also eins muss ich klarstellen: Ich laufe die Runden wirklich. Ich reiche dann die Filme jeweils für die Trechter-Homepage ein, dort werden sie zusammengeschnitten und komprimiert. Das ganze Durchlaufen der Strecke zu zeigen, würde schnell einmal langweilig werden.

Und noch etwas ist aufgefallen: In Monaco rennen Sie überhaupt nicht.

Schwerzmann: Monaco ist halt ein Spezialfall. Gleich nach dem Training wird die Strecke wieder für den normalen Strassenverkehr geöffnet. Es gibt auch keine Trottoirs direkt an der Rennstrecke. Da müssen ein paar Impressionen und Aufnahmen genügen.

Auf welcher Rennstrecke ist es denn am schönsten? Und wo ist es am anstrengendsten, eine Runde zu laufen?

Schwerzmann: Jede Rennstrecke hat natürlich ihre Besonderheiten. In Bahrain ist man mitten in der Wüste, in Malaysia ist es noch heisser. Melbourne ist schön, weil die Stadt gleich im Hintergrund steht. Spa in Belgien hat nicht nur die längste Strecke, sondern sie geht auch rauf und runter. Und der neue Österreich-Rundkurs in Spielberg hat auch eine ganz schön steile Steigung.

So bleiben Sie bei der Arbeit fit. Und erst noch für einen guten Zweck.

Schwerzmann: Ja, auf die Fitness muss ich achten, denn Sauber hat ein hervorragendes Catering. Zum Glück gibts in den Hotels auch noch Fitnesscenter.

Wie sind Sie eigentlich zu Sauber gekommen?

Schwerzmann: Ganz einfach, die Stelle war ausgeschrieben. Zuvor habe ich übrigens zwei Jahre lang bei der Fifa gearbeitet, habe dort im Netz Wettmanipulationen überwacht.

Und wieso sind Sie von der Fifa weg?

Schwerzmann: Es war ein bisschen frustrierend. Man entdeckt Unregelmässigkeiten, und es passiert einfach nichts.

Jetzt sind Sie dafür also hautnah bei den Formel-1-Stars?

Schwerzmann: Wir essen mit den Sauber-Piloten am selben Tisch. In Silverstone hat mir der 76-jährige, dreifache Weltmeister Sir Jackie Stewart in der Boxenstrasse zugewinkt. Bernie Ecclestone ist auch immer da. Da sind aber immer gleich 20 Fotografen um ihn herum. Und weil er so klein ist, sieht man ihn dann gar nicht mehr. Letztes Mal stand plötzlich der König von Schweden hinter mir. Weil der Schwede Marcus Ericsson für Sauber fährt. Da habe ich zehn Minuten mit Seiner Majestät Carl Gustaf geschwatzt, ihm meine Arbeit erklärt.

Können Sie eigentlich kontrollieren, ob das Spendengeld auch wirklich nach Afrika und Südamerika fliesst?

Schwerzmann: Ich weiss, dass das Geld 1:1 direkt vor Ort eingesetzt wird. Wenn beispielsweise ein Kind eine Operation benötigt, wird mit dem Geld der Arzt bezahlt. Es braucht schon auch Vertrauen in jene Leute, welche die Hilfsprojekte leiten, und dieses Vertrauen habe ich.

Erlauben Sie diese Frage noch: Wäre es eigentlich nicht einfacher, bei den Formel-1-Rennställen anzuklopfen und Geld für die Strassenkinder zu sammeln? Da würde doch sicher mehr rausschauen.

Schwerzmann: Ich will ja an meinem Arbeitsplatz nicht betteln gehen. Und irrtümlich ist die Öffentlichkeit immer noch der Meinung, dass die Formel-1-Teams im Geld schwimmen. Das ist beim einen oder anderen Team überhaupt nicht der Fall. Lotus beispielsweise wurde in Melbourne aus dem Hotel geworfen, weil die Rechnung nicht bezahlt werden konnte. Ausserdem finde ich es bereits schön, wenn jemand nur 20 Franken für die Armen spendet. Mir ist es lieber, wenn fünf Leute je 20 Franken geben als einer einen Hunderter. Dann machen sich nämlich fünf Menschen Gedanken darüber, wie es in unserer Welt aussieht.

INTERVIEW TURI BUCHER

Hinweis

Die Videos zu den GP-Rennstrecken sowie Infos zu den Spendenprojekten in Guinea, Kamerun und Peru finden Sie unter www.trechter.ch