POLIZEI: Auch der Kommandant schläft manchmal mies

Der Schwyzer Polizeikommandant Lorenzo Hutter nervt sich über Wieder- holungstäter. Er verrät, wie er schlimme Bilder verarbeitet und wann er schlechter schläft.

Andrea Schelbert
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Oberstleutnant Lorenzo Hutter in seinem Büro im Schwyzer Polizeikommando. (Bild: Andrea Schelbert)

Oberstleutnant Lorenzo Hutter in seinem Büro im Schwyzer Polizeikommando. (Bild: Andrea Schelbert)

Lorenzo Hutter*, welche Bussen haben Sie schon bekommen?

Lorenzo Hutter: (Steht auf, nimmt eine Parkbusse von seiner Pinwand und zeigt sie.) Das ist meine erste und einzige Busse. Wenige Monate, nachdem ich meine Arbeit hier begonnen hatte, parkierte ich vor dem Gebäude der Kantonspolizei Schwyz. Meine Parkkarte ist unter den Sitz gerutscht, sodass sie nicht gesehen wurde. Darum habe ich eine Parkbusse kassiert, die ich am gleichen Tag bezahlt habe. Das war mir etwas peinlich (lacht).

Sind Sie nie zu schnell gefahren?

Hutter: Nein. Ich habe die Angewohnheit, eher langsam zu fahren.

Sind Sie dafür oder dagegen, dass Jugendliche ab 22 Uhr keinen Alkohol mehr kaufen können?

Hutter: Grundsätzlich rede ich nicht über laufende politische Prozesse. Die Jugendlichen sind schlau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Einschränkung eine grosse Wirkung haben wird. Das ist aber meine persönliche Meinung.

Welche Fragen stellen Ihnen Ihre Kinder, wenn Sie abends nach Hause kommen?

Hutter: Meine jüngste Tochter fragt mich immer, ob ich einen Einbrecher verhaftet hätte.

Welche Straftäter nerven Sie am meisten?

Hutter: Die Wiederholungstäter. Die Täter, welche aufgrund nicht genügend greifender rechtlicher Massnahmen seitens der Strafverfolgung zum Wiederholungstäter werden. So ärgert mich zum Beispiel ein Einbrecher, der wiederholt Einbrüche verübt, weil unsere Massnahmen zu wenig greifen. Dies, weil wir ihn nicht daran hindern konnten.

Es hat viel Geduld und Hartnäckigkeit gebraucht, bis ich diesen Interviewtermin bekommen habe. Man findet generell nur wenig Informationen und Texte über Sie ...

Hutter: Ich habe eine Funktion als Polizeikommandant. Und diese ist wichtig. Ich bin froh, dass man den Fokus auf diese Funktion setzt und nicht auf die Person, die sie ausführt.

Geben Sie gerne Interviews, oder sind sie mehr ein notwendiges Übel für Sie?

Hutter: Netterweise sage ich Ihnen nun, dass ich gerne Interviews gebe (schmunzelt). Für mich ist es immer eine positive Sache, solche Fragen zu beantworten, weil ich dabei gezwungen werde, mich selbst zu reflektieren. Interviews sind darum eine Chance für meine persönliche Entwicklung.

Sie sind seit 1. Januar 2006 als Schwyzer Polizeikommandant tätig. Kein Schwyzer Polizeikommandant blieb in den fünfzehn Jahren vor Ihrer Amtszeit länger als sechs Jahre im Amt. Wieso halten Sie es länger als Ihre Vorgänger aus?

Hutter: Ich kann hier nur für mich reden. Ich übe diese Arbeit gerne aus. Ich bin von motivierten Mitarbeitern und einer positiven Atmosphäre umgeben. Inhaltlich ist mein Beruf sehr spannend und facettenreich. Ich habe viele Kontakte, von der Front im Alltag bis zur Politik in Strategiefragen. Diese Spannweite macht meine Arbeit sehr interessant.

Als Polizeikommandant tragen Sie auch enorm viel Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?

Hutter: Wichtig ist sicher, dass man mit beiden Füssen auf dem Boden bleibt. Ich bin mir bewusst, welche Verantwortung ich trage und versuche, gut damit umzugehen.

Sind Sie besonders talentiert, mit Druck und Krisensituationen fertig zu werden?

Hutter: Als Polizeikommandant kann ich nicht alles alleine machen. Ich arbeite in einem System, und dieses hält dem ganzen Druck stand. Eine Krise zu managen, ist bei uns nie der Verdienst einer einzigen Person. Die Kantonspolizei Schwyz meistert Krisen als organische Einheit. Jedes Mitglied ist wichtig, denn nur zusammen sind wir stark und erreichen unsere Ziele.

Sind Sie emotional ein sehr stabiler Mensch?

Hutter: Meine Wurzeln sprechen dagegen, denn als Tessiner ist man bekannterweise eher impulsiv. Ich bin mit mir selber eher ungeduldig, doch generell ein ruhiger Mensch. Ich versuche, sachlich zu bleiben und dann Emotionen zu zeigen, wenn es angebracht ist, um so den Druck zu verringern.

Während Ihrer Amtszeit haben sich zahlreiche tragische Vorfälle ereignet. Der Doppelmord in Muotathal, Beziehungsdelikte in Einsiedeln und Schübelbach sowie die Verfolgungsjagd mit dem Tod des 24-jährigen Moldawiers gehören nebst anderen zu den schlimmsten Ereignissen. Wie funktionieren Sie unter solchen Ex-tremsituationen?

Hutter: Das war keine Verfolgungsjagd, sondern eine Verkehrskontrolle! Von Jagd ist hier also keine Rede. Nun aber zu Ihrer Frage: In Extremsituationen bin ich nicht der Erste, der vor Ort eintrifft. Es gibt zahlreiche andere Mitglieder der Kantonspolizei Schwyz, die unter solchen Extremsituationen arbeiten müssen und das auch sehr gut bewältigen. Ich stosse erst in einer zweiten oder dritten Phase dazu, werde dann aber natürlich auch mit tragischen Situationen konfrontiert. Jeder hat seine eigene Strategie, um damit klarzukommen. Was mir grundsätzlich mehr Mühe macht, sind tragische Ereignisse mit Kindern und die Bergtoten, die meistens sehr schlimm aussehen.

Das sind sicher besonders schlimme Eindrücke, die Sie dann erleben ...

Hutter: Ja, und man muss diese Situationen verarbeiten können. Speziell ist, dass man während der Ausbildung zum Polizisten nicht weiss, wie man auf solche Situationen reagiert. Die meisten Polizisten können sehr gut damit umgehen. Es hat aber auch schon Einzelfälle gegeben, wo Polizisten ihre Arbeit wegen dieser grossen Belastung aufgegeben haben beziehungsweise aufgeben mussten.

Finden Sie nachts immer den Schlaf?

Hutter: Wie jede Person habe ich ab und zu auch Kummer. Bei Vollmond schlafe ich schlechter als sonst. Für mich ist der Sport ein wichtiger Ausgleich, um mit dem Druck und den Belastungen besser umzugehen.

Die Polizei steht dauernd in der öffentlichen Kritik. Welche Kritik ärgert Sie am meisten?

Hutter: Die Kritik, die auf nicht wahren Fakten basiert. Wenn wir Fehler machen, stehen wir selbstverständlich dazu und ziehen daraus die Lehren. Es ist allerdings schwieriger, für etwas geradezustehen, wenn die Kritik nicht der Realität entspricht.

Sie sagten in einem Interview 2009, dass Ihr Leben nicht interessant genug für eine Autobiografie sei. Ich stelle mir das Leben eines Polizeikommandanten aber sehr spannend und vielseitig vor. Sie durften 2009 sogar Dimitri Medwedew kennen lernen ...

Hutter: Für mich ist mein Leben wirklich interessant, und ich bin sehr zufrieden damit. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich andere Menschen Zeit nehmen müssten, um ein Buch über mich zu lesen. Ich gehe davon aus, dass es nie ein Buch über mein Leben geben wird. Ich strebe auch keine solche öffentliche Darstellung über mich selber an.

Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor?

Hutter: Wollen Sie mich loswerden?

Keineswegs!

Hutter: Ich gehe jeden Tag motiviert zur Arbeit. Mir gefallen die Herausforderungen, die wir hier erleben und die wir zusammen meistern wollen. Meinen Beruf erachte ich weiterhin als attraktiv.

* Lorenzo Hutter ist seit 1. Januar 2006 als Schwyzer Polizeikommandant tätig. Der 46-jährige diplomierte Naturwissenschafter ETH und Linienpilot arbeitete nach Studium und Ausbildung an der Luftverkehrsschule neun Jahre bei der Swissair als Pilot und Fluginstruktor, bevor er als Einsatzleiter zur Nationalen Alarmzentrale (NAZ) wechselte. Zur Schwyzer Kantonspolizei stiess der gebürtige Tessiner Ende 2004.