RECYCLING: Tetrapak: Zu schade für den Abfallsack

Getränkekartons wiederverwerten statt verbrennen: Ein Pilotversuch findet landesweit Anklang – ausser in der Zentralschweiz.

Marco Wenger und Alexander von Däniken
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Flaschen aus dem Kunststoff PE (links) werden bereits teilweise wiederverwertet. (Bild Manuela Jans)

Flaschen aus dem Kunststoff PE (links) werden bereits teilweise wiederverwertet. (Bild Manuela Jans)

Recycling ist längst zum Volkssport gereift. Glas, PET-Flaschen, Batterien und Aluminiumdosen werden fleissig zu den Rückgabestellen gebracht (siehe Tabelle). Im Jahr 2012 wurden so in der Schweiz über 37 000 Tonnen PET-Flaschen gesammelt. Dies entspricht einer Sammelquote von 81 Prozent. Ähnliches gilt für andere Recyclingmaterialien, für die ein nationales Sammelsystem existiert. Inexistent ist ein solches Sammelsystem indes für sogenannte Getränkekartons, im Volksmund auch Tetrapak genannt. Die Kartonverpackungen von Fruchtsäften, Eistees oder Milch, mit Dreh-, Laschen- oder Faltverschluss, werden in der Regel über den normalen Haushaltsabfall entsorgt und verbrannt.

Ziel: Nationales Recyclingsystem

Allerdings: Das Verbrennen der jährlich 20 000 Tonnen Getränkekartons schneidet ökologisch deutlich schlechter ab als das Rezyklieren, wie Reymond Schelker, Geschäftsführer des Vereins Getränkekarton-Recycling Schweiz, erklärt. Gemäss Studien verbessert man mit der Recyclingmethode die Ökobilanz der Getränkekartons um rund 35 Prozent und den CO2-Ausstoss um mehr als 70 Prozent. Darum will der Verein ein nationales Sammelsystem etablieren. Anfang 2012 initiierte der Verein Getränkekarton-Recycling einen Pilotversuch zum Sammeln und Rezyklieren von Getränkekartons, an dem schweizweit rund 60 Gemeinden und Entsorger teilnehmen, die das gesammelte Material zur Weiterverarbeitung in den Kanton Thurgau bringen (siehe Box).

Als der Pilotversuch startete, musste man bei Getränkekarton-Recycling Schweiz nicht lange bei Entsorgern und Sammelstellen werben – sie meldeten sich selbst beim Verein. Mittlerweile gibt es Recyclingcontainer für Getränkekartons von Savognin bis Estavayer-le-Lac, von Schaffhausen bis Bern – nicht aber in den Kantonen rund um den Vierwaldstättersee. Das sei Zufall, sagt Schelker, aus der Zentralschweiz habe sich schlicht niemand gemeldet. Ausnahmen sind vom Pilotprojekt unabhängige Rückgabestellen wie etwa jene im Zuger Einkaufszentrum Herti, wo allerdings nur leere Milchkartons zurückgenommen werden.

Real will abwarten

Martin Zumstein, Vorsitzender der Geschäftsleitung des regionalen Abfallverwerters Real, erklärt: «Wir warten aktuell die Ergebnisse einer Studie ab, welche die sinnvollsten Verwertungswege für Kunststoffverpackungen, wie beispielsweise die weissen Milchflaschen, untersucht.» Die Annahme von Getränkekartons in den Ökihöfen und deren Verwertung müssen gemäss Zumstein auf ähnlicher Basis abgeklärt werden, bevor sie in Betracht gezogen werden können. Auch andere Betreiber von Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) sind nicht gerade Feuer und Flamme für dieses Thema. Ein Grund: Werden Getränkekartons wie bisher in den KVA verbrannt, entsteht nutzbare Energie, welche die KVA als Strom verkaufen können.

Nicht nur die Entsorger wie Real sind gefragt, sollen Getränkekartons dereinst flächendeckend rezykliert werden. Auch der Detailhandel müsste mitziehen.

Nur Spar macht mit

In der Zentralschweiz ist es erst in einer Filiale, dem neu eröffneten Spar an der Bleicherstrasse in der Stadt Luzern, möglich, Getränkekartons abzugeben. Gemäss Silvia Manser von der Medienstelle Spar Schweiz startete man letzten Herbst mit zwei Testfilialen in der Ostschweiz. Mit positiven Erfahrungen. Spar will nun das neue Recyclingangebot bei Ladenumbauten oder Neueröffnungen vermehrt integrieren. Anders als Spar sind die meisten Detailhändlern skeptisch. Patrick Marty ist Mediensprecher der IG Detailhandel Schweiz (IG DHS), welche unter anderem Migros, Coop, Manor und Denner vertritt. Marty bestreitet die Zahlen zu Ökobilanz und CO2-Ausstoss von Reymond Schelker zwar nicht explizit, betont jedoch, dass die Ökobilanz von Getränkekartons bereits sehr gut ist. Bemängelt wird, dass die Kosten für Sammlung und Wiederverwertung in keinem Verhältnis zum ökologischen Nutzen der Recyclingvariante stehen. Ganz verschliessen wollen sich die grossen Detailhändler der Idee jedoch nicht. «Sollte ein explizites Kundenbedürfnis bestehen und sich eine effizientere Verwertungsmethode aufdrängen, könnte sich der Detailhandel wohl durchaus bewegen», sagt Marty.

Die leise Kritik über höhere Kosten und eine Verunsicherung kann Michael Hügi vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) nachvollziehen. «Trotzdem begrüssen wir die Bemühungen zur Errichtung eines Recyclingsystems für Getränkekartons. Das ist ökologisch sinnvoll.» Bis es so weit sei, müssten aber noch Fragen zur Finanzierung und Sammellogistik geklärt werden. Der Bund setze diesbezüglich auf Freiwilligkeit: «Von unserer Seite her gibt es keine Absicht, in dieser Richtung etwas zu forcieren.»

Deutliche Umfrageergebnisse

Während Abfallverwerter und Detailhändler zögern, zieht der Verein Getränkekarton-Recycling folgendes Zwischenfazit: «Die Bewohner der Pilotgemeinden machen begeistert mit, und die Logistik läuft problemlos.» Eine Onlineumfrage des Schweizer Radio und Fernsehens zeigt: 62 Prozent von 1629 Teilnehmern würden Milchkartons und Co. gerne wiederverwerten. Sogar 89 Prozent von 1000 Teilnehmern haben in einer Konsumentenstudie der IHA-GfK AG ihre Sammelabsicht bekräftigt. Fehlen nur noch die Abgabestellen.

Etwas besser sieht die Situation übrigens bei den Getränkeflaschen aus Polyethylen (PE) aus. Die Migros sammelt seit einem Jahr PE-Flaschen, in denen zuvor Milch, Shampoo, Wasch- oder Putzmittel gewesen ist. Coop nimmt immerhin PE-Flaschen zurück, in denen vorher Milch enthalten war. Übrigens: In den meisten europäischen Ländern werden die Getränkeverpackungen bereits wiederverwertet. In Deutschland, Luxemburg und Belgien werden inzwischen Recyclingquoten von 70 Prozent und mehr erreicht.