SÄUMER: Auf verschlungenen Pfaden nach Italien

Hunderte Wanderer begeben sich im Sommer auf die Spuren der Säumer von der Innerschweiz nach Italien. Manche gelangen dabei zu neuen Erkenntnissen.

Rahel Schnüriger
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Durch Wald und Wiese: Die Wandergruppe beim Abstieg von der Engstlenalp nach Innertkirchen.

Durch Wald und Wiese: Die Wandergruppe beim Abstieg von der Engstlenalp nach Innertkirchen.

Im traditionellen Säumerhemd und mit einigen Silberdisteln im Hut steht er vor der zusammengewürfelten Truppe. Daniel Flühler hat stahlblaue Augen, einen kurzen weissen Schnäuzer und ein ansteckendes Lachen auf dem Gesicht. Der 56-Jährige gibt einen lauten Juchzer von sich, bevor er sich von Engelberg aus mit dem menschengrossen Holzstecken in der Hand gemächlich auf den Weg in die Höhe macht. Dicht hinter ihm trotten die Esel Fritzli und Mini mit raschen kleinen Schritten, dann folgt das Maultier Panja in seinem vollen Eleganz. Panja gehört zum Erlebnisbauernhof der Familie Spichtig aus Kerns, welche die Säumerwanderungen des öfteren begleitet. Auch schon waren sie mit Pferden unterwegs, doch der 33-Jährige Hansueli Spichtig schwört auf die trittsicheren Maultiere. «Viele messen den Maultieren wegen ihres Vaters, dem Esel, eine störrische Art bei», sagt er, «doch eigentlich sind sie sehr feinfühlig, treu und haben ein exzellentes Gedächtnis.» Letzteres soll gemäss dem Bauern so gut sein, dass ein Maultier nach etwas Übung allein von der Alp ins Dorf geschickt werden kann um einzukaufen.

Käse gegen Wein getauscht

Heute ist die Kiste auf Panjas Rücken mit Utensilien für die Wanderung gefüllt, was dem Tier nichts auszumachen scheint. Schliesslich vertragen Maultiere über Hundert Kilogramm Last, weshalb sie schon damals im 12. Jahrhundert beliebte Lasttiere waren, als die Säumer begannen, mit Sbrinz im Gepäck über diverse Pässe bis nach Italien zu reisen. Dorthin, wo sie den beliebten Hartkäse in Wein, Reis oder Gewürze tauschten und damit das Überleben in den Alpentälern sicherten. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch die Redewendung «keine Zeit versäumen». Denn die relativ schmalen Saumwege verlangten von den Säumern, dass sie einen abgestimmten Zeitplan einhielten, da sie an vielen Stellen wegen der sperrigen Ladung nicht aneinander vorbeikamen.

Die Säumer Wandergruppe auf dem Weg zur Engstlenalp. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
20 Bilder
Die Gruppe ist unterwegs auf dem alten Säumerweg zwischen Engelberg und der Engstlenalp. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Ein nostalgisch gekleideter Säumer mit dem Saumtier. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Wanderer folgen dem alten Säumerweg. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Tiere dienten den Säumern früher als Transportmittel für Käse oder Wein. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Es geht über Stock und Stein für Mensch und Tier gleichermassen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Das Tier will nicht so wie der Säumer will. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Säumer mit ihren beladenen Tieren. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Mensch und Tier im Gleichschritt. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
An einigen Stellen liegt nach dem langen Winter noch Schnee. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Gruppe folgt dem Weg durch ein Schneefeld. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Tiere suchen den richtigen Tritt. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Stöcke dienen sowohl als Stütze beim Wandern als auch als Hilfe beim Dirigieren der Tiere. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Eine kleine Streicheleinheit. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Zwei Säumer beladen ein Tier. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Eine Verschnaufpause gehört dazu. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Tiere ohne Ladung. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Was die Tiere wohl heute transportieren? (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Der Säumerzug mit Teilnehmern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Kühe sind neugierig. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die Säumer Wandergruppe auf dem Weg zur Engstlenalp. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Mangels Gegenverkehr haben wir diese Schwierigkeiten heute nicht mehr und können zeitlos auf den Spuren der Geschichte entlanggehen. Schritt für Schritt, mal plaudernd, mal schweigend. Vorbei an Blumenwiesen mit pink leuchtenden Alpenrosen, königsblauem Enzian und gelb schimmerndem Hahnenfuss. Zu hören sind nur das Rauschen eines Bergbaches und ab und zu das Pfeifen eines Murmeltiers. Melanie Tschopp (42), die aus dem baslerischen Ramlinsburg für die Tour in die Innerschweiz gekommen ist, beschreibt das Gefühl folgendermassen: «Hier bin ich achtsam und erlebe die Natur aktiv. Wie ein kleines Kind beginne ich wieder zu schauen». Mit den rund 15 anderen Teilnehmern wandert sie eine Woche lang auf den Spuren der Säumer, von Engelberg über den Joch-, Grimsel- und Griesspass bis nach Domodossola.

Manche müssen aufgeben

Die 150 Kilometer lange Reise verlangt von den Teilnehmern einiges ab. Auch schon mussten solche, die sich überschätzt haben, aufgeben. Trotzdem haben diesen Sommer wieder über 400 Menschen entschieden, die Sbrinzroute individuell oder in der Gruppe abzuwandern. Daniel Flühler, Präsident der Säumer und Train Vereinigung Unterwalden, will damit wieder eine natürliche Wertschöpfung in die Täler bringen – so, wie es die Säumer damals machten. Denn mit der Eröffnung der Gotthardbahn 1882 wurde die Säumerei nach Italien hinfällig, und deren Pfade gerieten bald in Vergessenheit.

Im Hier und Jetzt

Mittlerweile sind wir bereits vier Stunden bergauf gewandert, und vor uns präsentiert sich der Jochpass noch im Schneekleid. Gämsen beobachten, wie wir mit unseren Tieren mühselig durch den Schnee stapfen. Längst haben sich die Gedanken an den Alltag verflüchtigt, und die volle Aufmerksamkeit gilt dem nächsten Schritt in den Schnee. In diesen Momenten wird aus dem Wanderleiter Daniel Flühler der gelernte Business und Life Coach. Denn unter der Sbrinzroute versteht Flühler weit mehr als eine sportliche Betätigung: «Sie ist Balsam für die Seele.» Oft seien die Teilnehmer auf der Suche, nicht zuletzt nach sich selbst. Er erlebt, wie sie manchmal weit in der Vergangenheit oder bereits in der Zukunft weilen. «Wenn sie aber auf der Sbrinzroute mit den Tieren gehen, und das Maultier macht zum Beispiel einen Satz – dann sind sie alle im Hier und Jetzt.» Rita Hess (41) aus Emmenbrücke sagt bei einer Rast: «Mit den Tieren zu gehen ist wie Handörgeli spielen – einmal gehts schnell, dann wieder langsam.» Die Konzentration ist so für einmal ganz auf die Tiere fokussiert.

Daniel Flühler ist überzeugt: «Wer jeden Tag im Hier und Jetzt lebt, der hat für morgen schon gesorgt.» Das möchte er den Wanderern auf der Sbrinzroute mitgeben. Auch schon haben sich auf der einwöchigen Wanderung Beziehungen wieder eingerenkt, andere Male wussten Paare danach, dass sie nicht zusammengehören. Mit den Pässen und Tälern verändern sich auf der Sbrinzroute das Wetter, die Vegetation und die Arbeitsgeräte der heimischen Bauern. Manchmal verändern sich mit ihnen auch die Wanderer.

Für die Wanderung vom 18. – 25. August mit über 20 Saumtieren sind noch Plätze frei. Weitere Infos finden Sie unter www.sbrinzroute.ch