SARNEN: Fast unsichtbar für die Aussenwelt

Seit rund 400 Jahren sind es die grössten Mauern im Dorf. Einblicke in die Welt dahinter sind selten. Umso spannender ist der Besuch im Frauenkloster St. Andreas.

Christoph Riebli
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Schwester Rut-Maria Buschor vor dem Eingangstor zum Archiv, das im Kulturgüterschutzraum des Sarner Frauenklosters liegt. (Bild Christoph Riebli)

Schwester Rut-Maria Buschor vor dem Eingangstor zum Archiv, das im Kulturgüterschutzraum des Sarner Frauenklosters liegt. (Bild Christoph Riebli)

Ein Blick hinter die Mauern des Frauenklosters St. Andreas erstaunt selbst Sarner: Es ist wohl der friedlichste und schönste noch unbebaute Fleck im Obwaldner Hauptort – unsichtbar für die säkuläre Welt. Oder zumindest fast, wenn nicht gerade ein Tor offen steht und Neugierige einen Blick ins Innere zu erhaschen versuchen – nicht immer zur Freude der Klosterfrauen. «Es gibt viele Sarner, die nicht wissen, wo das Frauenkloster überhaupt ist. Das stelle ich immer wieder fest», bestätigt Schwester Rut-Maria Buschor (43). Als sie vor 22 Jahren von St. Gallen nach Sarnen gekommen sei, habe sie am Bahnhofskiosk selbst nach dem Weg fragen müssen. «Niemand kannte ihn.» Einzig der Verweis aufs Sarner Jesuskind habe schliesslich zum Ziel geführt. Denn die Klosterkirche, welche das Jesuskind beherbergt, ist ein bekannter Wallfahrtsort und im Gegensatz zum Rest des Klosters öffentlich zugänglich.

Miteinander, jeden Tag

Dass die acht Benediktinerinnen in einer geschlossenen Gemeinschaft leben – sie verbringen jeden Tag miteinander –, zeigt sich auch am etwas anderen Umgang: Während der Gast, der sich mit Schwester Rut-Maria auf dem Vorplatz des Nebengebäudes unterhält, von den Vorbeigehenden jeweils freundlich gegrüsst wird, scheinen sich die Frauen untereinander kaum eines Blickes zu würdigen. «Wir grüssen uns schon», erklärt Schwester Rut-Maria, «doch wir nicken uns höchstens still zu. Sonst müssten wir uns am Tag mindestens 40-mal begrüssen.»

Die Klostergemeinschaft St. Andreas selbst hat vor 399 Jahren in Sarnen Fuss gefasst. Ihre vormaligen Räumlichkeiten in Engelberg drohten einzustürzen, das Geld für eine Sanierung fehlte. «Zudem hatte Sarnen als einziger Innerschweizer Ort damals noch kein Kloster», sagt Schwester Rut-Maria zur Standortwahl. Ihr historisches Wissen ist beeindruckend. «Ich habe nicht studiert, ich interessiere mich einfach für Geschichte», fügt sie erklärend hinzu. Sie zeigt auf eine Karte an der Wand in einem Nebengebäude. Die Karte ist aus dem 17. Jahrhundert. Darauf sind die Gemäuer des Frauenklosters nebst dem später gebauten Kapuzinerkloster landschaftsprägend. Sonst war da noch nicht viel.

Heute ist es umgekehrt. Die Ländereien des Klosters bilden die einzigen verbleibenden Freiräume im Kern. Bereits soll es Architekten geben, die auf eine Auflösung der Klostergemeinschaft spekulieren, um dann mit fixfertigen Bebauungsplänen aufzuwarten. So wird zumindest gemunkelt.

Mauern kein Schutz gegen Natur

Dass dicke Mauern nicht gegen alles Schutz bieten, mussten die Benediktinerinnen 2005 schmerzlich erfahren: Das Jahrhunderthochwasser richtete verheerende Schäden an. Der Kulturgüterschutzraum im Untergrund wurde geflutet. «Alles lag für 72 Stunden im Wasser.» Darunter auch die viertgrösste Musikaliensammlung der Schweiz, die Klosterbibliothek oder über 1000 Textilien mit wertvollen Stücken aus dem Mittelalter. «Mit Gartenschläuchen wurde alles abgespritzt», erinnert sich Schwester Rut-Maria an die hektische Zeit zurück. Für die Klosterfrauen hat sich seither einiges verändert. Sie und ihre verwüsteten Schätze rückten in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Als Folge davon konnten fast sämtliche Schäden mit Spendengeldern gedeckt werden – rund 8 Millionen Franken. «Wir haben viel Wohlwollen erfahren», sagt Schwester Rut-Maria dazu. Für ihr Engagement erhielten die Schwestern 2013 gar den Schweizerischen Kulturgüter-Förderpreis.

Scherbenhaufen auf Zeit

Zudem haben sich Kontakte über die Mauern hinweg entwickelt und gehalten. Während des Gesprächs fällt immer wieder ein Name: Wendel Odermatt, Restaurator. «Es ist nicht nur sein Wissen zu den einzelnen Stücken. Mich fasziniert besonders, wie er mit den Objekten umgeht.» Dies habe auch auf sie und die Wahrnehmung ihrer «Schätzlis», wie Schwester Rut-Maria die Kostbarkeiten in ihrer Zuständigkeit nennt, abgefärbt. Denn die Gegenstände im neuen Kulturgüterraum – er befindet sich im Obergeschoss des Nebengebäudes – erzählten Geschichten, die nicht immer ohne weiteres ersichtlich seien.

Beispiel: Hinter einer Vitrine stehen zwei Kerzenständer, die früher das Sarner Jesuskind während der Weihnachtszeit flankierten. Nichts Besonderes, wenn man die funkelnden Objekte ringsherum betrachtet. «Beide lagen in Scherben nach dem Hochwasser. Jetzt sind sie wieder ganz, und man sieht ihnen praktisch nichts mehr an», erklärt Schwester Rut-Maria begeistert. Und: «Viele der restaurierten Stücke sind ein Symbol dafür, dass ein Scherbenhaufen kein Scherbenhaufen bleiben muss.» Das sei wichtig zu wissen und könne auch in der Zukunft zur Meisterung einer Katastrophe helfen. Dieses Bewusstsein sei eindeutig gewachsen seit dem Hochwasser, auch innerhalb der Gemeinschaft sieht Schwester Rut-Maria darin gar etwas Positives. «Das Hochwasser ist ein Teil der Klostergeschichte geworden, die auch weiterführt.» So trägt das Sarner Jesuskind neuerdings ein grünes Kleidchen. Es war ein Geschenk der Restauratoren an das Kloster. Ein Geschenk, das sich nun in die jahrhundertealte Garderobe des Kindchens einreiht.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Hinter den Mauern» geben wir in loser Folge Einblick in Orte, die sonst oftmals verborgen bleiben. Abonnenten finden die Beiträge auch unter www.obwaldnerzeitung.ch/serien. Bereits erschienen: Stiftsbibliothek (14. 7), Friedhofsgärtner (19. 7), Dammwärter Bannalp (23. 7).

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