SCHNEESCHMELZE: Risiko eines Hochwassers beschäftigt Experten

Der schneereiche Winter könnte im Frühling gravierende Folgen haben. Fachleute schliessen Überschwemmungen wie im Jahr 1999 nicht aus.

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Sandsäcke und Laufen auf provisorisch installierten Holzstegen: Die Situation am Luzerner Kapellplatz Ende Mai 1999. (Bild Patrik Pauli/Neue LZ)

Sandsäcke und Laufen auf provisorisch installierten Holzstegen: Die Situation am Luzerner Kapellplatz Ende Mai 1999. (Bild Patrik Pauli/Neue LZ)

Der kalendarische Winter ist vorbei, aber in den Bergen liegt nach wie vor eine dicke Schneedecke. Die Schneesituation ähnelt jener im Jahrhundertwinter 1999. Die Frage, ob es im Spätfrühling ebenfalls zu Hochwasser und Überschwemmungen kommen wird, beschäftigt Forscher und Behörden derzeit gleichermassen. Eine eindeutige Antwort gibt es jedoch noch nicht, wie es beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) und beim WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) auf Anfrage hiess.

Verschiedene Faktoren massgebend
Für die Entstehung eines Frühlingshochwassers müssen zwei Komponenten beachtet werden: einerseits die längerfristige Schneesituation, die so genannte Disposition, und andererseits der Auslöser, zum Beispiel starke und warme Niederschläge. Während sich die Disposition im kommenden Monat noch stark verändern kann, ist ein Auslöser derzeit noch gar nicht prognostizierbar.

Die aktuellen Messdaten zeigen aber bereits Unterschiede zum Jahr 1999. Laut BAFU trügt das Gefühl, dass der vergangene Winter ausserordentlich lang und schneereich gewesen sei. Im Mittelland hätten sich die Schneedeckentage im Rahmen des langjährigen Durchschnitts bewegt. Gemäss SLF sind die Schneehöhen im gesamten Alpenraum zwar überdurchschnittlich aber noch immer rund zehn Prozent tiefer als im Jahrhundertwinter. Ausserdem fielen Mitte April 1999 noch erhebliche zusätzliche Mengen Schnee. Aktuell liegt besonders viel Schnee in den hohen Lagen der Alpen-Südseite und im Gotthardgebiet.

Für die Analyse einer Hochwassergefahr ist im Übrigen weniger die Schneehöhe als der Wassergehalt der Schneedecke, das so genannte Schneewasseräquivalent, massgebend, wie Tobias Jonas, Schneehydrologe beim SLF, präzisierte. Weil das Messnetz vor zehn Jahren noch nicht so weit ausgebaut gewesen sei, sei ein präziser Vergleich mit den Daten von 1999 aber schwierig. Im Vergleich mit dem Durchschnitt der letzten neun Jahren sei das Schneewasseräquivalent im Schweizer Alpenraum heuer rund 200 Millimeter grösser.

Kurze Wärmeperiode kann ausreichen
Klimahistoriker Christian Pfister von der Universität Bern, der Hochwasserereignisse bis zurück ins Jahr 1256 zurückverfolgen kann, schätzt die Gefahr eines Hochwassers in diesem Frühling als relativ gering ein. «Das heisst aber nicht, dass das Risiko gleich null ist», sagte er. Ein Blick auf die Überschwemmungen der letzten 700 Jahre zeige, dass in vielen Fällen eine kurze Wärmeperiode, in der grosse Schneemassen rasch schmelzen, gefolgt von drei intensiven Regentagen ausreichten, um ein Hochwasser auszulösen. Gefährlich werde es dann, wenn Anfang Mai immer noch grosse Schneemengen unterhalb von 1500 Metern über Meer lägen.

Beim BAFU verfolgt man die Abflussmengen täglich. Die Hydrologen des Bundesamtes sind konstant im Kontakt mit den Schneehydrologen des SLF und den Kollegen von MeteoSchweiz, damit sie rechtzeitig Hochwasserwarnungen herausgeben und Massnahmen ergreifen könnten.

Vom Hochwasser von 1999 waren praktisch alle Gebiete der Deutschschweiz mit Ausnahme des inneralpinen Raumes mehr oder weniger stark betroffen. Zuvor ereignete sich ein in diesem Ausmass vergleichbares Hochwasserereignis letztmals im Jahr 1876. Die Schäden entstanden vor zehn Jahren vor allem durch Ausufern der Seen und der grösseren Flüsse des Mittellandes; namentlich Aare, Thur und Rhein. Es entstanden Schäden von rund 580 Millionen Franken.

ap