Schon 1998 Wackelkandidat

Einsiedeln wehrte sich 2011 mit einer Kundgebung in Schwyz für sein Spital. Der Kanton hatte aber schon früher Schliessungsabsichten für dieses Haus.

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Die Kundgebung für das Spital Einsiedeln im Sommer 2011 auf dem Schwyzer Hauptplatz. (Bild: Andreas Oppliger / Neue SZ)

Die Kundgebung für das Spital Einsiedeln im Sommer 2011 auf dem Schwyzer Hauptplatz. (Bild: Andreas Oppliger / Neue SZ)

Der Massenaufmarsch der Einsiedler Bevölkerung am 30. Juni 2011 ist noch in frischer Erinnerung. Bei einer Kundgebung auf dem Schwyzer Hauptplatz sprachen Politiker, der Abt von Einsiedeln trat auf, und zum Abschluss liess man weisse Ballons in den Hauptorthimmel steigen. Im Rathaus verweigerte ein paar Wochen später der Kantonsrat einer Spitalstrategie ohne das Spital Einsiedeln die Zustimmung.

Zu viele Akutbetten

Eine Kundgebung für das Spital Einsiedeln hatte es in Schwyz schon 1998 gegeben. Die Schwyzer Regierung hatte ein Jahr zuvor eine provisorische Spitalliste verabschiedet, auf der zwar alle drei Schwyzer Regionalspitäler von Schwyz, Einsiedeln und Lachen figurierten. Die drei Betriebe wurden aber angewiesen, ihren Bestand an Akutbetten zu reduzieren, da im Kanton insgesamt ein Überangebot bestehe. «In Einsiedeln befürchteten Politiker und Bevölkerung, dass dieser Bettenabbau die Existenz des Einsiedler Spitals insgesamt gefährden könne», schreibt die Historikerin Sabine Lippuner in der «Geschichte des Kantons Schwyz». «Diese Befürchtung war umso grösser, als die Regierung beschlossen hatte, die Mitfinanzierung von Investitionsvorhaben der drei Spitäler zu sistieren, solange die Überkapazitäten nicht abgebaut seien und die Ergebnisse einer weiterführenden Spitalplanung nicht vorlägen», so Lippuner.

Kantonsräte im Arztmantel

Diese Drohung betraf vor allem Einsiedeln, das mit dem Projekt «Spital 2000» eine Renovation und Erweiterung seines Spitals anstrebte. Die beiden anderen Spitäler hingegen, vor allem Lachen, hatten noch vor der drohenden Sistierung grössere Erweiterungsbauten abgeschlossen. Eine Interessengemeinschaft mobilisierte die Bevölkerung. Im November 1998 schliesslich traten vier Kantonsräte aus der Region in weissen Kitteln vor dem Schwyzer Regierungsgebäude auf: Karl Roos und Walter Grätzer aus Einsiedeln, Pius Schuler aus Rothenthurm und Ruedi Steiner aus Oberiberg. Sie brachten auf einer Tragbahre 11 706 Unterschriften, die sie dem damals zuständigen Regierungsrat Richard Camenzind übergaben.

Neue Spitalverordnung

Die ganze Angelegenheit fand ihr vorläufig glückliches Ende in einer neuen Spitalverordnung, die 2003 in Kraft ging. Darin übernahm der Kanton von den Bezirken die Verantwortung für die Sicherstellung der stationären Grundversorgung. Gleichzeitig erhielt der Kanton 2003 erstmals Steuerungs-, Aufsichts- und Kontrollfunktionen: Er kann festlegen, in welchem Spital er welche Leistungen zu welchem Preis und in welcher Qualität einkauft.

Nie ein Kantonsspital

In früheren Jahrzehnten hatte sich die Kantonspolitik vorerst nur wenig ins Gesundheitswesen eingemischt. Darum hatte der Kanton Schwyz, anders als die meisten anderen Kantone, auch nie ein Kantonsspital. Diese Aufgabe übernahmen private Träger wie etwa die Schwyzer Krankenhausgesellschaft, die Stiftung Krankenhaus Maria zum Finsteren Wald Einsiedeln oder die Spital Lachen AG. Erst 1960 wurde der Kanton auch im Spitalwesen aktiv, indem er Beiträge an die Pflegekosten in den Spitälern zu zahlen begann. Ab 1965 begann sich der Kanton auch hälftig an den Kosten für Neu-, Erweiterungs- und Umbauten der Spitäler zu beteiligen. Angesichts der heutigen Kosten im Gesundheitswesen ist fast unglaublich, was dazu über das Spital Schwyz in der Kantonsgeschichte steht: «Dem Krankenhaus Schwyz gelang es, seine Rechnung bis 1996 ausgeglichen zu gestalten.»

Einen Einschnitt auch ins schwyzerische Gesundheitswesen brachte das neue Krankenversicherungsgesetz (KVG) des Bundes im Jahr 1994. Es setzte einen mehrere Jahre dauernden Reformprozess im Schwyzer Spitalwesen in Gang, der zur Einsiedler Unterschriftensammlung von 1998 und zur neuen Spitalverordnung von 2003 führte.

So kam es zur Demo

Diese ist nach wie vor in Kraft und gibt dem Regierungsrat die Kompetenz, die Spitalplanung zu erarbeiten und eine Spitalliste zu verfassen. Durch einen parlamentarischen Vorstoss aufgefordert, legte die Regierung dazu 2011 ihre neue Spitalstrategie 2020 vor, in der das Spital Einsiedeln keinen Platz mehr fand. Worauf es zur eingangs erwähnten Kundgebung in Schwyz und zur Ablehnung durch den Kantonsrat kam.

Bert Schnüriger