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Schweizer mit schwarzer Seele

In seinem rund 300-jährigen Haus im Maihof soll es spuken – das wird in Schwyz erzählt. Doch von einem gruseligen Geist ist an diesem Nachmittag nichts zu spüren. Sowieso muss Dieter Gemsch nicht zwingend Spukgeschichten erzählen, denn der 69-jährige Schwyzer kennt genügend andere abenteuerliche Storys.
Andrea Schelbert
Ein treuer Freund: Dieter Gemsch mit Hund Thor im Garten seiner Liegenschaft Maihof in Schwyz. (Bild Andrea Schelbert)

Ein treuer Freund: Dieter Gemsch mit Hund Thor im Garten seiner Liegenschaft Maihof in Schwyz. (Bild Andrea Schelbert)

In Angola etwa wurde dem langjährigen Entwicklungshelfer während des Bürgerkriegs von einem kubanischen Offizier eine entsicherte Pistole an die Schläfe gehalten. Damals gab es in Autos noch keine Klimaanlagen, sodass Gemsch mit offenem Fenster gefahren war. Nach einer unübersichtlichen Kurve standen die Kubaner plötzlich vor ihm auf der Strasse. «Sie kamen von einem Fronteinsatz zurück und waren noch immer nervös. Langsam schob ich die Pistole des Kubaners zur Seite. Ich habe begonnen, die kubanischen Zigarren zu loben», berichtet Gemsch. Der Offizier strahlte. Er sicherte seine Pistole und sagte zum Schwyzer, er solle einen Moment warten. Kurz darauf kehrte der Kubaner mit einer Schachtel Zigarren zurück und wünschte Gemsch eine gute Weiterfahrt. «Natürlich hatte ich Angst. Man darf in solchen Situationen aber weder panisch reagieren noch Angst zeigen», weiss der dreifache Vater.

Schock im Spital

Über 60 Länder hat der studierte Agronom bereist. In Afrika aber hat er wohl ein Stück seiner Seele zurückgelassen. Denn der Schwarze Kontinent wurde zu seiner zweiten Heimat, von der Gemsch bis heute schwärmt. Und auch die Afrikaner erkannten in ihm einen Verbündeten: «Das ist Gemsch, ein Schweizer, aber er hat eine schwarze Seele.» So hatte ihn ein Direktor bei einem Besuch des angolanischen Ministers vorgestellt. Er habe «super Typen» und «wahre Freunde» in Afrika getroffen, sagt Gemsch. Dass er dreimal an der Malaria tropica erkrankt war, erzählt er nur beiläufig.

Die dritte Erkrankung aber sollte ihm zu denken geben: Gemsch wurde in ein Spital in Luanda gebracht und lag mit rund 100 anderen Kranken in einem Raum. Pflegepersonal gab es nicht, die Patienten wurden von ihren Angehörigen betreut. «Ich habe begonnen, mit meinen Nachbarn rechts und links zu reden, bin aber zwischendurch eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin, waren meine zwei Nachbarn ruhig. Ich dachte, sie würden schlafen.» Es stellte sich jedoch heraus, dass beide Afrikaner gestorben waren. «Das war ein Schock für mich.»

Klar ist: Dieter Gemsch ist nicht schnell zu schockieren. Er ist zäh, hartnäckig und ein Typ, den man nur schlecht beeinflussen kann. Der Schwyzer verfügt zudem über die nötige Gelassenheit und Souveränität, die ihm in brenzligen Situationen oft nützlich waren. «Ich habe die Verantwortung für mich selber immer gerne übernommen. Das haben meine Chefs gewusst. Es gab aber auch Menschen, die meine Eigeninitiative überhaupt nicht geschätzt haben», sagt der Schwyzer lachend. Von dieser Geschichte aber sei in seinem Buch «Afrikanische Episoden» zu lesen. Sein rund 200-seitiges Werk soll im Dezember erscheinen, dann nämlich, wenn Gemsch seinen 70. Geburtstag feiern wird. «Ich komme aus einer Familie, die eine grosse Erzähltradition gelebt hat. Doch leider will heute niemand mehr zuhören», sagt der 69-Jährige. Dieser Umstand habe ihn motiviert, ein Buch zu schreiben.

Kritik am amerikanischen System

Doch welches Weltbild hat ein Mann, der so viel gereist ist und als Wahlbeobachter hinter die Kulissen der politischen und religiösen Konflikte gesehen hat? «Ich habe festgestellt, dass die Vorstellungen, die wir hier im Westen haben, hinten und vorne nicht stimmen. Wirprojizieren unsere Sichtweise auf andere. Wir zeigen mit dem Finger auf sie, weil sie eine Sache anders als wir machen.» Das sei ein völlig falscher Ansatz, denn genau dies führe zu Problemen: «Die Amerikaner etwa, sie kümmern sich einen Dreck um Kulturen, Mentalitäten oder darum, wie das Leben in anderen Ländern ist.» Gemsch wird wütend bei diesem Thema und meint: «Das amerikanische System – so einen Blödsinn – kann man doch niemandem aufzwingen!» Wenn man Fortschritte erreichen wolle, müsse man einen Dialog auf Augenhöhe führen.

Fragt man Dieter Gemsch, wie es ihm persönlich gehe, wirkt er überrascht. Er wiederholt die Frage, bevor er antwortet: «Ich meine, es geht mir sehr gut. Ich bin sehr dankbar, dass ich so viel von der Welt sehen durfte. Ich würde es im nächsten Leben wieder genauso machen.»

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