SCHWEIZ/PORTUGAL: «Viele Auswanderer überschätzen sich»

Ein junger Luzerner und seine Freundin sind nach Portugal gezogen, haben dort ein Tourismusunternehmen aufgebaut. Im Gegensatz zu vielen Auswanderern – auch solchen aus dem Fernsehen – haben sie Erfolg. Dafür bezahlen sie aber einen hohen Preis.

Daniel Schriber
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Relaxen am Strand liegt nur selten drin: Stephan Rohrer und Jacqueline Stettler in ihrer Wahlheimat Portugal. (Bild: PD)

Relaxen am Strand liegt nur selten drin: Stephan Rohrer und Jacqueline Stettler in ihrer Wahlheimat Portugal. (Bild: PD)

Als Stephan Rohrer (30) und Jacqueline Stettler (27) im Frühling 2010 zu einer dreimonatigen Reise quer durch Europa aufbrachen, ahnte das junge Paar nicht, wo diese dereinst enden wird. Ausgehend von Dänemark, reisten die beiden durch zahlreiche Länder, immer weiter in Richtung Süden. Irgendwann erreichten sie Portugal, genauer gesagt: die Algarve – eine beliebte Ferienregion im Südwesten des Landes. Die Gegend gefiel den beiden auf Anhieb, und bald schon sagten sie sich: «Hier bleiben wir.»

Schock vor der Abreise

Über Beziehungen fand Stettler eine befristete Anstellung in einem portugiesischen Restaurant. «Kaum war der Vertrag vorbereitet, ging alles ziemlich schnell.» Stephan Rohrer, der damals bei einer Versicherung in Kriens tätig war, kündigte seinen Job, seine Wohnung, Handy- und andere Verträge. Stettler, die Gastronomin aus dem Kanton Bern, tat es ihm gleich. Ihr Hab und Gut verstauten sie in einem Container.

Kurz vor der Abreise jedoch folgte die böse Überraschung: Der Betrieb, in dem Stettler arbeiten sollte, wurde unverhofft verkauft. Das Paar fuhr trotzdem – «uns blieb ja eigentlich nichts anderes übrig». Und immerhin hatten sie genug Geld gespart, um sich die mehrmonatige Auszeit auch ohne Job leisten zu können. Also mieteten sie sich eine kleine Wohnung, zirka 15 Minuten von der Hafenstadt Lagos entfernt.

Per Zufall zum eigenen Geschäft

Statt einer weiteren bösen Überraschung folgte nun ein Glücksfall: Schon nach wenigen Wochen erhielt das Paar die Gelegenheit, ein kleines Tourismusunternehmen zu übernehmen. «Portugal Service» – so der Name der Firma. «Viel mehr als der Name war jedoch nicht vorhanden», erzählt Rohrer. Das Paar zögerte trotzdem nicht lange, sagte zu – und baute die Firma von Grund auf neu auf. Heute vermieten und verkaufen sie Immobilien, vornehmlich für Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ausserdem organisieren sie Gruppenreisen, Wanderungen und Golfferien.

Doch warum gerade Portugal? Was ist so toll an der Algarve? Die Frage ist kaum zu Ende gesprochen, da ruft Jacqueline Stettler bei unserem Gespräch via Videotelefonie (Skype) ins Mikrofon: «So viel!» Kein Wunder, sie ist halbe Portugiesin. Die beiden kommen ins Schwärmen. Die Freiheit, die Strände, das Klima, die Leute, das Essen, die Preise. «Für uns ist es das perfekte Gesamtpaket», sagt Stephan Rohrer, der sich in der neuen Heimat noch immer mit Englisch durchschlägt.

Erfolglose TV-Auswanderer

Das klingt alles sehr gut. Zu gut vielleicht? Scheitern nicht viele Auswanderer genau an den Tücken der scheinbar perfekten Wahlheimat, in der alles besser und schöner werden soll als in der Heimat? So zumindest wird es in zahlreichen Reality-Formaten im deutschen Fernsehen dargestellt. Stettler und Rohrer lachen. Auch sie sind im «Auswanderer»-Fieber, verpassen kaum eine Folge der beliebten Sendung, die wöchentlich auf einem Privatsender zu sehen ist. Wo also liegt das Problem bei den TV-Auswanderern? «Viele Auswanderer sind komplett unvorbereitet», sagt Rohrer. Diese Leute wollen zu viel in zu kurzer Zeit – und sie überschätzen sich zum Teil masslos», sagt Stettler. Zumal viele von ihnen nicht einmal zu Hause in der Heimat je was Rechtes hingekriegt hätten. «So funktioniert das nicht», sagt auch Stephan Rohrer.

Beide – Stephan Rohrer und Jacqueline Stettler – sind gut ausgebildet, haben in der Schweiz gearbeitet, Weiterbildungen absolviert, sich eine Existenz aufgebaut. «Auswandern ist ein Abenteuer», sagt Rohrer. «Es ist nicht so leicht, wie es von aussen aussieht.» Es brauche Mut, Ehrgeiz, Energie – und in jedem Fall auch ein gewisses Kapital.

Ferien? – Fehlanzeige

«Wer glaubt, wir liegen hier ständig unter den Palmen, der irrt gewaltig», sagt Stephan Rohrer. Zwei Jahre ist es her, seit die beiden zuletzt Ferien machen konnten.

Seit November 2011 war der Luzerner nicht mehr in seiner Heimat. Und besonders jetzt, wenn in Portugal langsam die Tourismus-Hauptsaison beginnt, sind die beiden oft von frühmorgens bis spätabends am Arbeiten. So hofft das Paar, dass es im Winter ein paar Tage Zeit für Ferien in der Schweiz findet. Freunde und Familie – das vermissen die beiden.

Sich an Eigenheiten gewöhnen

Auch sonst ist in der Wahlheimat Portugal nicht immer alles einfach. Wie vielerorts im Süden nehmen es die Einheimischen auch in der Algarve mit der Pünktlichkeit nicht immer so genau. «Das braucht manchmal ganz schön Nerven», sagt Stephan Roher. Doch daran gewöhne man sich nach einer gewissen Zeit – wie auch an andere lokale Gepflogenheiten. Bereut haben Rohrer und Stettler ihren Entscheid bis heute nie. «Überhaupt nicht», wie sie betonen. Eine Rückkehr in die Schweiz ist für das Paar deshalb kein Thema – auch langfristig nicht. «Wir wollen hier etwas aufbauen, mit unserem Unternehmen Portugal Service weiter wachsen», sagt Rohrer.

Heute leben die Schweizer Auswanderer zirka zehn Minuten vom Meer entfernt, in einem Mietshaus mit grossem Umschwung für ihre beiden Hunde. Manchmal, wenn sie nach einem langen Arbeitstag etwas Zeit für sich haben, fahren sie für ein, zwei Stunden ans Meer. «Das ist fast wie Ferien», denken sie sich dann.