Schwyz als Ziel der Zuwanderer

Sie ist heute ein politischer Dauerbrenner, die Zuwanderung in den Kanton. Dabei gibt es dieses Phänomen nicht erst in neuster Zeit.

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1891 posierte Louis Gianella, Stammvater der Schwyzer Gianella, mit seiner Familie für den Fotografen. (Bild: Historischer Verein Kanton Schwyz)

1891 posierte Louis Gianella, Stammvater der Schwyzer Gianella, mit seiner Familie für den Fotografen. (Bild: Historischer Verein Kanton Schwyz)

«Eine allgemeine Missernte hat die Bewohner in diesem Tal der Tränen niedergeschlagen. Daher die massenhafte Auswanderung nach Amerika», schrieb die «Schwyzer Zeitung» 1853. Wirtschaftliche Not brachte dem Kanton Schwyz im 19. Jahrhundert hinter dem Tessin und Obwalden die dritthöchste Auswanderungsquote der Schweiz. Der Historiker Beat Frei schildert in der «Geschichte des Kantons Schwyz», wie zwischen 1888 und 1900 im Schnitt jedes Jahr 119 Schwyzerinnen und Schwyzer nach Übersee auswanderten, Schwyz also damals vor allem ein Auswandererkanton war.

Die Zuwanderer

Gleichzeitig aber begann im 19. Jahrhundert auch die Zuwanderung. Pro 100 Personen, die auswanderten, zogen nämlich gleichzeitig 80 bis 90 Leute in den Kanton zu. Waren die Schwyzer noch im 18. Jahrhundert praktisch unter sich gewesen, stieg bis 1860 der Anteil von Bürgern anderer Kantone von 2,8 auf 6,1 Prozent.

Die Gianellas

Das typische Beispiel eines Zuwanderers jener Zeit war der Urgrossvater zweier bekannter Schwyzer, Bruno und Hans-Werner Gianella. Bruno führt heute in Seewen eine Autogarage, sein älterer Bruder Hans-Werner ist Landwirt, er sass für die Liberalen von 1979 bis 1992 im Kantonsrat. Die Familie Gianella ist seit dem 19. Jahrhundert in Schwyz ansässig. Urgrossvater Louis (Alois) Gianella, geboren 1846 in Prato in der Leventina, hatte sich als junger Mann in Ibach niedergelassen. «Wie die Beffa und andere Einwanderer aus dem Süden integrierte er sich rasch, war als Landwirt und Viehhändler tätig und engagierte sich auch als Gemeinderat», schreibt Beat Frei. Längst eingebürgert in ihre Mundart haben die Schwyzer inzwischen auch den Familiennamen Gianella aus dem oberen Tessin ins schwyzerische «Tschinellä».

Wachstum ab 1960

Von 1870 bis 1930 stieg der Bevölkerungsanteil der Nichtkantonsbürger von 10 auf 24 Prozent an. Erst mit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur nach 1960 begann im Kanton Schwyz das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum der Bezirke Höfe und Küssnacht. Dort waren schon 1980 nur noch 45 Prozent der Bevölkerung im Kanton Schwyz geboren. In anderen Bezirken wie Schwyz oder Einsiedeln hingegen verlief die Durchmischung der Bevölkerung noch nicht so stürmisch. Im Bezirk Schwyz lag der Anteil der im Kanton Geborenen 1980 noch bei 66 und im Bezirk Einsiedeln bei 73 Prozent.

Die Wende von 1980

Überhaupt war in der Bevölkerung des Kantons in den Achtzigerjahren eine Wende eingetreten. Erstmals wies damals der Kanton eine positive Wanderungsbilanz auf: Aus dem früheren Abwanderungs- oder Auswandererkanton war ein Einwanderungskanton geworden. Diese Entwicklung hält seither an und beschleunigt sich immer mehr.

1982 überschritt der Kanton erstmals die Schwelle von 100 000 Einwohnern. Heute sind es bereits mehr als 145 000. Zum Vergleich: Noch im Jahr 1900 zählte der Kanton nur 55 000 Einwohner, 1799 waren es sogar nur 34 000. Das seit 1980 anhaltende Bevölkerungswachstum beschleunigt auch die gesellschaftliche Durchmischung. Autor Beat Frei konstatiert ein Wohlstandsgefälle im Kanton, «das von den Randregionen ins politische Zentrum verläuft». Die steuerkräftigen Ausserschwyzer Gemeinden sind heute gleichzeitig jene mit vergleichsweise hohem ausländischem Bevölkerungsanteil. 2008 lag dieser im Kantonsmittel bei 18 Prozent, in Wollerau aber bei 20, in Freienbach bei 23 und in Lachen bei 28 Prozent.

Katholikenschwund

Ebenfalls in den Randbezirken Höfe, March und Küssnacht am weitesten fortgeschritten ist die konfessionelle Durchmischung. Laut Beat Frei machten noch 1980 die Katholiken 80 Prozent der Wohnbevölkerung des Kantons aus, 2000 nur noch 72 Prozent. 2008 waren noch 58 Prozent der Einwohner von Lachen katholisch, in Wollerau bereits nur noch 48 Prozent. «Das von Jahr zu Jahr sinkende katholische Übergewicht ist eines von vielen Merkmalen, das die allmähliche Angleichung an die gesamtschweizerische Gesellschaft dokumentiert», hält der Historiker Frei dazu in der «Geschichte des Kantons Schwyz» fest.

Bert Schnüriger