SCHWYZ: Beten und Backen für eine bessere Welt

Im Frauenkloster St. Peter backen die Schwestern mit viel Elan Hostien. Die spezielle Bäckerei ist zwar ein brotloser Job – doch Geld ist für einmal nicht so wichtig.

Rahel Schnüriger
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Blick durchs Fenster: Nduka Anaenyonu alias «Charlie» sticht die Hostien aus, während Schwester Margarita die weniger Schönen aussortiert.

Blick durchs Fenster: Nduka Anaenyonu alias «Charlie» sticht die Hostien aus, während Schwester Margarita die weniger Schönen aussortiert.

Wenn man die enge Einbahnstrasse vom Hauptplatz in Schwyz Richtung Spital fährt, bemerkt man es kaum: Das Frauenkloster St. Peter, mitten im Dorf, zwischen Läden und Wohnhäusern. Doch hinter den unauffälligen, weissen Mauern verbirgt sich etwas, das im weltlichen Alltag nur noch selten anzutreffen ist: ungebrochener Glaube. Die wichtigste Aufgabe der acht Dominikanerinnen ist das Chorgebet – für die Gemeinschaft, die Menschen in der Region, für die ganze Welt. Mit Erfolg, wie Schwester Agnes überzeugt ist: «Uns geht es ja gut. Die Welt wäre schon lange in Schutt und Asche, wenn nicht so viel gebetet würde.»

Die Guten ins Töpfchen. Sr. Margarita bei der Endkontrolle. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
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Die fertigen Hostien. 2009 verkauften die Schwyzer Schwestern noch 933'700 STück, 2012 waren es nur noch 809'900. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Blick in die «Rohstoff»-Kammer. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Die Zutaten werden in einer Teigmaschine zu einer homogenen Masse verarbeitet. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
150 Kilogramm Mehl verbacken die Schwestern an einem Tag. In das Wasser giesst Schwester Agnes, hinten, jeweils eine Kanne Wasser aus dem Wallfahrtsort Lourdes, das habe mehr Energie. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Sr. Agnes bereitet den Teig zu. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Nduka Anaenyonu alias «Charlie» giesst den Teig in einen Behälter. Von dort wird die Masse in die Presse gespritzt. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
Nduka Anaenyonu alias «Charlie» arbeitet an der Backmaschine. Gut auf der Presse zu sehen sind die Muster, die den Hostien das wunderbare Aussehen verleihen. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)
«Rohlinge» im Befeuchtungsraum. Sie dürfen nicht zu trocken sein, damit es beim Stanzen nicht zu Brüchen kommt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Nduka Anaenyonu alias «Charlie» sticht die Hostien aus, während Schwester Margarita die weniger Schönen aussortiert. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Nduka Anaenyonu sticht die Hostien aus. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Nduka Anaenyonu sticht die Hostien aus. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Die gestanzten Hostien werden gesammelt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Die fertigen Hostien. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Sr. Margareta bei der Endkontrolle der Hostien. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Sr. Margarita bei der Endkontrolle. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Blick in die Kundenkartei. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Im Schwyzer Frauenkloster St. Peter wird für eine bessere Welt gebetet und gebacken. Im Bild Sr. Margarita bei der Endkontrolle der Hostien. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Die Guten ins Töpfchen. Sr. Margarita bei der Endkontrolle. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Mit Wasser aus Lourdes

Die kleine, quirlige Schwester Agnes (74) kümmert sich aber nicht nur mit dem Gebet um das Wohl der Menschen, sie hatte die letzten 15 Jahre auch die Hostienbäckerei des Klosters unter sich, die sie nun Schritt für Schritt an die jüngere Schwester Margarita (59) weitergibt. Auch die stille Nachfolgerin hat nur Gutes im Sinn: «Ich mache das zur Ehre Gottes. Und zum Bedürfnis der Pfarrei und der Menschen.» Einmal in der Bäckerei angekommen, merkt man aber schnell, dass nach wie vor Schwester Agnes die «Tätschmeisterin» ist. An allen Ecken und Enden gibt sie noch rasch einen Ratschlag. Und am Schluss kontrolliert sie nochmals alle Gefässe mit den Hostien drin: «Ich will einfach, dass die Hostien schön sind», sagt sie. Reklamationen hatte sie noch nie.

Doch die Schlusskontrolle ist nur der letzte Schritt in einem langen Prozess. 150 Kilogramm Mehl verbacken die Schwestern an einem Tag. In das Wasser giesst Schwester Agnes jeweils eine Kanne Wasser aus dem Wallfahrtsort Lourdes, das habe mehr Energie. Wenn Schwester Agnes dann das Mehl dazu schüttet, stäubt es durch die ganze Bäckerei, und sogar Schwester Margarita, die sonst unerbittlich vor sich hin arbeitet, schaut einen Moment mit gerümpfter Nase auf.

Eine Maschine saugt den Teig schliesslich aus einem grossen Zuber, wo er portionenweise in Gusseisen fliesst und in Form eckigen Hostienplatten zu Hunderten wieder herauskommt. Dann folgt während etwa 14 Tagen das Verlesen (aus den schönsten Platten werden die grossen Priesterhostien gestochen), das Ruhen im Klimaraum, wo die Hostienplatten die nötige Feuchtigkeit aufnehmen, das Ausstechen und schliesslich wieder das Aussortieren von weniger schönen Exemplaren. Und dann, wenn die Hostien versandfertig bereitstehen – fängt der ganze Prozess wieder von vorne an.

«Weiche, Satan!»

Das Geschäft mit den Hostien ist mit den Jahren komplizierter geworden. Früher gab es nur weisse Hostien. Doch eines Tages kam ein Professor vom Kollegium ins Schwyzer Frauenkloster und fragte nach braunen Brothostien. «Weiche, Satan!», habe Schwester Agnes damals ob der neuen Forderung gedacht. Die andern Schwestern aber sagten, sie solle das ausführen – und auch die Erklärung, dass die Braunen leichter zu fassen seien, leuchtete Schwester Agnes schliesslich ein. Nach und nach fragten auch andere nach den Braunen, und heute bilden sie den Grossteil der Bestellungen. Schwester Agnes passte sich an: «Sonst hätten wir alle Kunden verloren.» Und die braucht das Kloster, denn die Verkäufe gehen jedes Jahr zurück. 2009 verkauften die Schwyzer noch 933 700 Hostien, 2012 waren es nur noch 809 900. Der Grund für den Rückgang ist für Schwester Agnes klar: «Die Alten sterben, und die Jungen gehen nicht mehr in die Kirche. Die feiern ja so viel, dass sie am Sonntag nicht mehr aus dem Bett mögen!»

Arbeit für Arbeitslose und Kranke

Auch die Hostienpreise, die von der Bischofskonferenz bestimmt werden, haben sich verändert. Eine kleine Hostie kostet heute 7 Rappen. Die Teuerste ist die grosse weisse Priesterhostie, die einzeln ausgestochen und gepresst werden muss: Sie kostet 50 Rappen pro Stück. Leben könne man nicht von dem Hostienverkauf, sagt Schwester Agnes, aber sie seien dankbar für jedes Gebetsalmosen, das sie erhielten. Ein Teil des Verkaufsertrages geht zudem in Form von Löhnen weg – nicht für die Klosterfrauen, sondern für externe Arbeiter. Die Frauen stellen immer wieder Arbeitslose für eine Weile ein, beschäftigten auch schon psychisch und körperlich Kranke oder aktuell einen Nigerianer, der Mühe hatte, Arbeit zu finden. Sein Name ist Nduka Anaenyonu, die Schwestern rufen ihn der Einfachheit halber «Charlie». Die Klosterfrauen sind mit dem fleissigen Mann überaus zufrieden, der erst noch Katholik und mit 33 Jahren «so alt wie Herr Jesu» ist.

Arbeit gibt es genug: Das Frauenkloster backt Hostien für Kirchgemeinden in Schwyz und Umgebung – doch von Schwyz gehen auch schon mal Päckli nach Solothurn, Zürich oder Basel. Erst kürzlich ist eine Hostienbäckerei in Altdorf eingegangen, doch die Schwyzerinnen konnten die zusätzlichen Aufträge nicht annehmen, weil sie schon zu viel Arbeit hatten. «Wir müssen immer etwas voraus sein», sagt Schwester Margarita, «das Schlimmste wäre, wenn wir plötzlich keine Hostien mehr liefern könnten.» Besonders jetzt vor Ostern nehmen die Aufträge zu. Deshalb arbeiten sie jetzt Tag für Tag umso intensiver an den Hostien. Denn an Ostern selbst, da haben sie frei. Um zu beten.