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SCHWYZ: Der perfekte Klang braucht feine Hände

In der ältesten Handorgelfabrik der Schweiz kümmert sich die Familie Greuter um das traditionelle Handwerk. Keine Firma hat mehr verkauft als sie – heute wird vor allem noch repariert.
Andrea Schelbert (text) und Nadia Schärli (bilder)
Christian Greuter ist in die Fussstapfen des Vaters getreten: In Feinarbeit montiert er die Griffe.

Christian Greuter ist in die Fussstapfen des Vaters getreten: In Feinarbeit montiert er die Griffe.

Werner Greuter wirkt aufgeregt an diesem Morgen. Der 65-Jährige eilt voraus, eine steile Treppe führt nach oben. Greuter strahlt, als er die Tür zu seinem Reich öffnet. Der süssliche Duft des Holzes und knarrende Holzdielen empfangen einen in der Werkstatt der Schwyzer Firma Eichhorn. Seit 1886 werden hier Schwyzerörgeli gebaut, das Musikhaus Eichhorn ist die älteste Handorgelfabrik. Greuter schreitet zielstrebig durch die Werkstatt, er bleibt vor einer Werkbank stehen. «Das ist mein Arbeitsplatz, hier wirke ich», sagt er stolz. Er zeigt auf das Schwyzerörgeli, das auf der Werkbank steht. «Es gehört einem Mann, der aggressiv spielt», erklärt der 65-Jährige. Der «junge Burscht» habe viel Kraft und spiele das Instrument mit einem Wahnsinnstempo. «Ich muss die Stimmen anpassen. Denn wenn er zu stark zieht, gehen die Stimmen unter.» Greuter nimmt die Orgel in seine Hände und demonstriert kurz, was er damit meint. Zieht er zu kräftig, macht die Orgel keinen Ton, nur das Blasen der Luft ist so zu hören. «Das werde ich nun regulieren», sagt er.

Besteht aus 3046 Teilen

Werner Greuter versteht sein Handwerk ebenso wie das Erklären jedes einzelnen Vorgangs. Aus 3046 Teilen besteht ein Original-Schwyzerörgeli. Sechs verschiedene Holzsorten, Ziegenleder für die Stimmzungen, Karton für den Balg, Drähte, Griffe und Stimmen werden dafür verwendet. Präzision und sauberes Schaffen sind unverzichtbar, «wir wollen ein qualitativ hochstehendes Produkt und zufriedene Kunden», betont der dreifache Vater. Greuter hat die Firma 1990 von den Gebrüdern Ernst und Alois Eichhorn übernommen, doch verändert hat sich seither kaum etwas. In der Schwyzer Werkstatt wird nach wie vor ein uraltes und traditionsreiches Handwerk gepflegt, computergesteuerte Maschinen findet man hier keine. Bis zu 500 Stunden Handarbeit werden in ein einziges Instrument investiert, rund 65 000 Orgeln hat man bereits verkauft. Ein unschlagbarer Wert: Weltweit hat keine andere Handorgelfabrik mehr Modelle produziert. Bis zu fünf Schwyzerörgeli gingen in den 60er-Jahren täglich über den Ladentisch, und Lieferfristen von 33 Monaten mussten in Kauf genommen werden. Doch heute ist das anders. 80 Prozent des Umsatzes werden durch den Reparaturservice erreicht. Greuter: «Pro Jahr werden noch 30 Schwyzerörgeli hergestellt. Der Markt ist gesättigt.»

18 Jahre vom Baum bis zum Örgeli

Ein Schwyzerörgeli von der Firma Eichhorn kostet – je nach Ausführung und Wünschen – zwischen 4000 und 9000 Franken. Was auf den ersten Blick teuer scheint, bekommt sogleich eine andere Relation: Insgesamt 18 Jahre dauert der Prozess vom Fällen des Baumes bis zur Fertigstellung einer Orgel. Vor allem Buche, Ahorn, Nussbaum und Eiche werden dafür verwendet. Generell gilt: je älter das Holz, desto besser ist der Klang des Schwyzerörgelis. Das Holz muss erst 12 Jahre gelagert werden, bevor es für die Herstellung geeignet ist. Anschliessend wird es in 5 Millimeter dicke Bretter gesägt. Diese werden weitere zwei Jahre gelagert. Die Bretter werden später gebleicht und für ein weiteres Jahr gebunkert. «Wichtig ist, dass das Holz nur langsam wächst. Wenn Risse im Holz entstehen, ist es für uns unbrauchbar», so Greuter. Früher habe man das Holz aus Slowenien und Frankreich bezogen, inzwischen verwerte man aber vor allem einheimische Rohstoffe. «Das Holz aus dem Bödmerenwald ist das beste, das es gibt», schwärmt der Schwyzer. Doch der Bödmerenwald – ein Urwald in Muotathal – ist Naturschutzgebiet, sodass Greuters nur selten Holz aus diesem Gebiet verwerten können.

Werner Greuter erzählt von vielen Fach­ausdrücken und spricht sehr schnell. Nicht immer vermag man seinem Tempo zu folgen, sein Enthusiasmus aber ist ansteckend und faszinierend. «Freude und viel Herzblut gehö­ren zu diesem Handwerk. Man muss nicht meinen, man könne schnell ein Örgeli bauen und dabei viel Geld verdienen», stellt der Experte klar. Und er präzisiert: «Es muss Liebe dahinterstecken.»

Musste sich gegen Vater wehren

Dass der Schwyzer zu seiner Berufung gefunden hat, verdankt er seinem Durchsetzungsvermögen. Ursprünglich wollte Greuter nach der Primarschule eine Lehre als Autolackierer beginnen. Er und sein Lehrmeister hatten den Lehrvertrag bereits unterschrieben, als sein autoritärer Vater zum ältesten seiner sieben Buben ein Machtwort sprach: «Du musst arbeiten und Geld für die Familie verdienen», sagte dieser. So schickte er seinen 14-jährigen Sohn im April 1962 in die Schlüsselfabrik in Seewen. Doch die langweilige Arbeit begann dem Teenager schnell zu verleiden. «Egal, was du mit mir machst, in dieser Fabrik werde ich nicht mehr arbeiten», sagte er nach den Sommerferien zu seinem Vater. Zu dieser Zeit wurde eine Stelle bei Eichhorns frei, Vater Greuter entschied ein weiteres Mal für seinen Sohn. Am 15. September 1962 begann Werner Greuter mit der Arbeit bei Alois und Ernst Eichhorn. «Zuerst musste ich ums Haus herum wischen. Später durfte ich mit dem Schleifen von Holz beginnen. Die Arbeit mit Holz begann mir zu gefallen», sagt Greuter. Zwar sei die Stimmung damals nicht sehr angenehm gewesen, «es herrschten Zucht und Ordnung». Doch er sollte von seinen strengen, aber tüchtigen Lehrmeistern profitieren, denn Eichhorns lehrten ihn das Handwerk von Grund auf. «Ich habe dafür gut 20 Jahre benötigt», erklärt er.

Werner Greuter sollte nicht der Einzige in seiner Familie bleiben, der Freude im Umgang mit Holz entwickelte. Sein Sohn Christian Greuter sagt: «Mit neun Jahren habe ich hier mein erstes Taschengeld verdient. Als 10-Jähriger wusste ich, dass ich dieses Handwerk lernen will. Ich habe hier jede freie Minute verbracht.» Der 41-Jährige ist an diesem Morgen mit dem Montieren von Griffen beschäftigt. Für ihn war klar, dass er nach seiner Lehre als Schreiner sofort in die Firma Eichhorn zurückkehren und eines Tages den Betrieb seines Vaters übernehmen würde. Der Schwyzer ist stolz, dass die Firma Eichhorn weltweit das einzige Unternehmen ist, das dieses Handwerk noch auf diese Weise pflegt. «Es gibt zwar Schweizer Firmen, die behaupten, ihre Orgeln seien genauso entstanden. Doch die Instrumente, die sie verkaufen, sind Plagiate. Diese Betriebe bestellen die Einzelteile günstig im Ausland und bauen sie in der Schweiz zusammen», sagt er leicht verärgert.

Die Werkstatt muss umziehen

Familie Greuter wird in den nächsten Monaten gefordert. Die Nachkommen von Eichhorns haben den Vertrag für die Werkstatt gekündigt, das rund 200-jährige Haus soll umgebaut werden. «Wir müssen bis 1. Juli 2014 alles gezügelt haben», sagt Werner Greuter. Er schaut sich in der Werkstatt um. «Es macht mich traurig, es tut weh», sagt er. Sohn Christian sieht dem etwas gelassener entgegen. Er ist intensiv mit der Suche eines neuen Standortes beschäftigt. «Das Wichtigste für mich ist, dass ich dieses Handwerk später jemandem weitergeben kann. Wem, ist nicht relevant. Es muss aber jemand sein, der bereit ist, alles zu lernen und diese Tradition weiterzuleben.»

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