SCHWYZ: «Der Wegbau 1864 war eine Pionierleistung»

Der Schwyzer Hausberg ist heute ein beliebter ­Wanderberg. Dass dem so ist, verdankt man den Mythen­freuden. In den 150 Jahren, seit der Verein besteht, war das nicht ­immer einfach.

Erhard Gick
Merken
Drucken
Teilen
Der Schwyzer Hausberg in der Abendstimmung: vor 150 Jahren wurde der Grosse Mythen mit einem Weg erschlossen. Zum Mythen-Massiv ­gehören auch der Hauptgipfel (Kleiner Mythen) und der Haggenspitz (links). (Bild Erhard Gick)

Der Schwyzer Hausberg in der Abendstimmung: vor 150 Jahren wurde der Grosse Mythen mit einem Weg erschlossen. Zum Mythen-Massiv ­gehören auch der Hauptgipfel (Kleiner Mythen) und der Haggenspitz (links). (Bild Erhard Gick)

Vor 150 Jahren wurde der Verein der Mythenfreunde gegründet. Ziel war es damals, den Mythen auch dem normalen Wanderer zugänglich zu machen.

War das für damalige Verhältnisse eine Pioniertat?

Hans Reichmuth*: Das war in der Tat eine Pioniertat. Man muss sich vor Augen führen, dass zu dieser Zeit die Leute anderes zu tun hatten. Auf Berge zu steigen, war um 1863 nicht die Hauptbeschäftigung. Es war Anton Bettschart, der es ins Rollen brachte, den Mythen für den normalen Wanderer zugänglich zu machen. Es hing damals alles ein wenig an Einzelpersonen, die den Effort gaben, einen Weg auf den Mythen zu bauen.

Wem war denn der Berg vor der Weglegung vorbehalten?

Reichmuth: Eigentlich fast niemandem. Der Mythen ist eher selten bestiegen worden. Ab und zu kam das zwar vor, aber meist in alpinistischem Rahmen. Der Alpinismus hatte vor 150 Jahren weit nicht den Stellenwert, den er heute geniesst.

Es hat aber vereinzelt Besteigungen gegeben?

Reichmuth: Das trifft zu, vereinzelt ist das auch in Schriften festgehalten. Man weiss sogar, dass die Besteigung des Grossen Mythen über die Route passierte, wo heute der Weg auf den Berg verläuft. Kletterer und Gämsjäger gab es natürlich damals schon, die in allen Planggen herumstiegen.

Im Laufe der Jahre wurde der Weg wieder verlegt. Was waren die Gründe dafür?

Reichmuth: Zwischen 1900 und 1981 sind an der Totenplangg 15 Personen tödlich verunfallt. Man hat mehrfach in Erwägung gezogen, im oberen Teil den Weg zu verlegen, dies zwischen der Kurve 36 und 41. 1982 hat man den Weg verlegt, aber nur in diesem Bereich. Ansonsten verläuft der Weg heute noch genau auf der Spur, auf der Bauunternehmer Domenico Taddei aus Gersau den Weg erbaute. Dieser Wegabschnitt, die Umgehung, ist heute noch der steilste Abschnitt des Mythenweges.

Es war also nicht immer möglich, gefahrlos auf den Schwyzer Hausberg zu wandern?

Reichmuth: Doch. Seit der Weg 1864 erbaut wurde, war und ist das möglich. Allerdings gab es schon bei der Eröffnung des Weges am 17. September 1864 einen tödlichen Zwischenfall. Es war der Absturz von Hauptmann Valentin Castell, der nach der Feier beim Abstieg seinen Kameraden nachgeeilt war. Man muss trotz der tragischen Ereignisse an der Totenplangg den Sachverhalt relativieren. Schon bei Castell wurde spekuliert, dass er wohl den Weg verlassen hatte, um Blumen zu pflücken. Viele der tödlichen Zwischenfälle passierten, weil die Wanderer den Weg verlassen hatten, ausrutschten und abstürzten.

Früher stand eingangs des Mythenweges eine Warntafel: «Nur mit gutem Schuhwerk begehen». Ist die Begehung mit Turnschuhen nicht ­gefährlich?

Reichmuth: Ich betrachte das etwas differenziert. Die heutigen Turnschuhe bieten guten Halt auf dem Felsen und dem Weg. Es ist vielmehr eine Frage der Gelenke. Weiter ist entscheidend, ob es trocken oder nass, sauber oder dreckig ist. Wenn man zwischendurch mit den Schuhen in den Dreck stehen muss, dann braucht es eine Sohle mit gutem Profil. Grundsätzlich die Gefährlichkeit am Schuhwerk aufzuhängen, würde ich verneinen.

Und trotzdem, mit Turnschuhen?

Reichmuth: Das ist ein wenig ein Mythos, zumindest auf unserem gut ausgebauten Weg. Es kommt vielmehr auch auf den Menschen an, nicht nur auf das Material. Wer den Berg besteigt, muss sich rauf und runter konzentrieren. Man hat auch schon Barfüsser auf dem Weg gesehen. Die Dümmsten tragen Schuhe mit flachen Ledersohlen. Die geben kaum Halt.

Es gibt Tage, da ist der Ansturm auf den Grossen Mythen sehr gross. Was gilt es dann als Bergwanderer zu ­beachten?

Reichmuth: Kein Geschrei. Der Berg sollte in Ruhe bestiegen werden. Hundehalter sollten ihre Vierbeiner unbedingt an die kurze Leine nehmen. Es gibt immer Leute, die Angst vor Hunden haben. Die weichen aus und dann wird es gefährlich eng. Sonst gilt einfach die Devise des Genusses. Möglichst nicht «juflä».

… und Steinschlag?

Reichmuth: Es empfiehlt sich an jedem Berg, die Sinne wachzuhalten. Ab und zu einen Blick nach oben zu werfen, schadet nicht. Der Mythen ist ein Berg. Solange der Berg steht, kollern Steine zu Tale. Je mehr Leute auf den Berg steigen, desto grösser wird die Gefahr, dass mal ein Stein unbeabsichtigt ausgelöst wird.

Der Kleine Mythen ist es unbestritten, ein Kletterberg. Wieso hat der Grosse Mythen diese Attraktivität eingebüsst?

Reichmuth: Der Grosse Mythen wird noch viel beklettert. Die Routen auf den Grossen Mythen, beispielsweise die Westwand und der Geissstock, sind viel attraktiver als jene des Kleinen Mythen. Der Kleine hat nur wenig Kletterrouten, weil der Fels viel brüchiger ist. Der Grosse mit dem Adlerspitzli, Wyss- und Gelbberg ist da eher der Kletterberg.

Welches ist Ihr Lieblingsweg auf den Grossen Mythen und warum?

Reichmuth: Ich habe den Grossen Mythen schon von praktisch allen Seiten bestiegen. Die einfache Westwandroute ist eine Genussroute. Auch über den Affengarten bin ich schon mehrfach auf den Mythen gestiegen. Trotzdem: Der einfache Weg ist auch jedes Mal wieder ein schönes Mythen-Erlebnis.

Zurück zum eigentlichen Kerngeschäft des Vereins der Mythenfreunde. Wenn der Frühling kommt, gibt es am meisten zu tun in Ihrem Verein. Was sind die Kernaufgaben?

Reichmuth: Im Frühling ist es das Öffnen des Weges und das Einrichten der Sicherungen. Im Herbst ist es dann das Umlegen der Sicherungen. Der Mythen wird dann von uns eingewintert. Man muss den Weg im Frühling reinigen. Oft muss eine beträchtliche Menge Schnee aus der Wegsohle entfernt werden. Das sind die Hauptarbeiten. Dafür investieren wir pro Jahr etwa 150 bis 200 Arbeitsstunden. Die Arbeiten werden alle auf freiwilliger Basis verrichtet. Es wird kein Franken Lohn ausbezahlt.

Weshalb konzentriert sich der Verein nur auf den Grossen Mythen und nicht etwa auch auf den Hauptgipfel (Kleiner Mythen) und Haggenspitz?

Reichmuth: Haggenspitz und Kleiner Mythen sollen als urtümliche Berge erhalten bleiben. Der Weg wurde vor 150 Jahren über die Holzegg gebaut. Wir wollen den Grossen Mythen vor weiteren Ausbauten bewahren. Wir wollen keine Wegverbreiterung. Wir wollen den Weg nicht besser machen. Es soll ein Bergweg bleiben.

Also auch keine Bahn, was ja auch schon angetönt wurde?

Reichmuth: Auf gar keinen Fall wollen wir eine Mechanisierung auf den Mythen. Keine Bahnen, rein gar nichts. Der Mythen soll Mythen bleiben. So wie er sich heute präsentiert.

Der Grossen Mythen gehört der Genossame Schwyz. Auch das Mythenhaus steht auf deren Boden. Wem gehört eigentlich das Mythenhaus?

Reichmuth: Das ganze Mythengebiet vom Haggenspitz bis zum Grossen Mythen ist eine eigene Grundbuchnummer. Der Berg gehört der Genossame. 1882 entstanden die Genossamen, vorher war es Korporationsboden. Die Oberallmeind hat den Genossamen Ländereien abgetreten. Im Rahmen des Teilungsvertrages erhielt die Genossame den Mythen. Das Mythenhaus steht also auf dem Gebiet der Genossame. Es wurde im Baurecht erbaut. Das Mythenhaus selbst gehört dem Verein der Mythenfreunde.

Welches sind heute die Hauptschwierigkeiten, wenn Sie beschliessen, den Weg zu öffnen?

Reichmuth: Das ist stark wetterabhängig. Die grösste Schwierigkeit ist die, dass der Mythen das ganze Jahr begangen wird, ob die Sicherungsmittel installiert sind oder nicht. Der Mythen ist ein Berg, man kann ihn nicht sperren. Es kommen auch dann Leute, wenn wir auf dem Berg am Einrichten sind, Steine und Schnee runterwerfen. Zum Arbeiten stellt sich dies recht umständlich an. Aber jeder im Team weiss, was er zu tun hat, wenn es am Mythen los geht.

Jetzt wird ja vorerst mal gefeiert. Sind fürs Jubiläumsjahr spezielle Anlässe vorgesehen?

Reichmuth: Morgen Freitag findet die Jubiläums-GV und am Bettag ein Gipfelanlass statt. Der beginnt mit einer Messe auf der Holzegg und endet mit einer gemeinsamen Besteigung. Wir haben für den Gipfel eine kleine, augenfällige Überraschung vorgesehen. Die wollen wir aber noch nicht verraten.

Welche Bande bestehen mit der Sektion SAC Mythen und dem Verein der Mythenfreunde?

Reichmuth: 1865 brannte auf dem Mythen die Hütte ab. Der Verein oder die Gesellschaft hatte noch keine grossen finanziellen Mittel zur Verfügung. So ist der SAC eingesprungen und hat 500 Franken für eine neue Hütte bezahlt. Das war ein Josef Betschart. Man hätte allerdings damals das Mythenhaus als Clubhaus mit Übernachtungsmöglichkeiten einrichten müssen. Das wollte man nicht. Aber die 500 Franken sind damals tatsächlich geflossen. Daraus wurde eine eigene Unternehmung gegründet, eine Mythen-Unternehmung als Aktiengesellschaft. Sie verkauften Aktien für die Restfinanzierung. Dann gab es die Mythengesellschaft und den SAC. Drei Organisationen – und jede wollte ein Mitspracherecht. Daraus ist landläufig ein Krach entstanden. Der damalige Präsident der SAC-Sektion Mythen, Bernhard Ineichen, hatte vorgeschlagen, die anderen Vereine und Körperschaften aufzulösen und alles dem SAC zu überlassen. An der ausserordentlichen GV wurde dies abgelehnt.

Das war aber nicht das Ende der Geschichte?

Reichmuth: Tatsächlich nicht. 1936 kam das neue Aktienrecht. Für eine AG wurden 50 000 Franken benötigt. So viel Geld hatte niemand. Es wurde der Verein gegründet, und die anderen Körperschaften, die AG und die Gesellschaft, wurden aufgelöst. Aber jetzt kommt es. Der Verein wurde allerdings erst 12 Jahre später, 1948 gegründet. Was in diesen 12 Jahren alles passierte, wissen wir nicht. Die meisten SAC-Mitglieder sind auch Vereinsmitglieder bei den Mythenfreunden. Die Sektion Mythen des SAC hat immer einen Sitz im Vereinsvorstand zugesichert.

* Hans Reichmuth aus Schwyz ist Präsident der Mythenfreunde. Dem Verein gehören über 590 Mitglieder an. Er selber war schon unzählige Male auf dem Grossen Mythen. Hauptaufgabe des Vereins ist der Weg- und Hüttenunterhalt auf dem Grossen Mythen.