Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SCHWYZ: «Eltern treiben die gesetzlichen Regeln teils ins Absurde»

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden stehen seit ihrem Start 2013 unter öffentlichem Druck. Ein Interview über Probleme und Lösungen.
Ihre Behörden stehen häufig in der Kritik: Peter Leuenberger, Kesb Innerschwyz (links), und Mario Häfliger von der Kesb Ausserschwyz. (Bild: Rahel Lüönd)

Ihre Behörden stehen häufig in der Kritik: Peter Leuenberger, Kesb Innerschwyz (links), und Mario Häfliger von der Kesb Ausserschwyz. (Bild: Rahel Lüönd)

Wo in die Selbstbestimmung von Menschen eingegriffen wird, sind ­aufgeladene Gefühle nicht weit. Peter Leuenberger (Leiter Kesb Innerschwyz) und Mario Häfliger (Leiter Kesb Ausserschwyz) sind täglich mit komplexen Fällen konfrontiert. Die beiden Vorsteher der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden erklären im Interview, warum es bei ihnen in erster Linie um Hilfe zur Selbsthilfe statt um behördliche Eingriffe geht.

Mario Häfliger, Sie beschäftigen sich mit Kindes- und Erwachsenenschutz. Was bedeutet das?

Mario Häfliger: Wir werden zum Beispiel involviert, wenn eine zunehmend de­mente Person ihren Alltag nicht mehr allein meistern kann.

Das heisst?

Häfliger: Die Frage ist dann: Wie kann man die Person schützen, damit sie sich selber nicht gefährdet. Wir versuchen dabei, ihren Willen zu respektieren und gemeinsam Lösungen zu suchen, so gut es geht.

Peter Leuenberger, und welche Aufgaben nehmen Sie beim Kindesschutz wahr?

Peter Leuenberger: Beim Kindesschutz ist die Ausgangslage anders: Während bei Erwachsenen das Umfeld oft froh um unsere Hilfe ist, fühlen sich die Beteiligten beim Kindesschutz angegriffen.

Häfliger: Wenn die Kesb ins Spiel kommt, gibt das den Eltern eigentlich das Gefühl, dass sie als solche nicht genügen. Das ist sehr verletzend. Wir versuchen deshalb, den betroffenen Eltern immer aufzuzeigen, dass wir ihnen zum Wohl des Kindes Hilfe und Unterstützung bieten wollen.

In den Medien geht es meist um Fälle, wo Kinder fremdplatziert wurden. Wie oft passiert das tatsächlich?

Leuenberger: Nur in den allerwenigsten Fällen. Bei einer gewissen Bereitschaft zur Zusammenarbeit finden wir bei den schwierigsten Fällen andere Wege. So konnten wir einmal eine drogenabhängige Mutter beim Entzug und bei der Betreuung ihrer Kinder eng begleiten, ohne dass eine dauerhafte Fremdplatzierung nötig war.

Wie schwierig wird es, wenn Sie nur auf Konfrontation stossen?

Häfliger: Enorm schwierig. Zum Beispiel, wenn sich Eltern nur noch anfeinden und jeglicher Vorschlag, wie das Besuchsrecht zum Wohl des Kindes geregelt werden könnte, kategorisch abgelehnt wird. Insbesondere für die Beistände, welche zum Schutz des Kindes bei Besuchsrechtsstreitigkeiten von der Kesb eingesetzt wer­den, ist das eine grosse Herausforderung. Sie müssen damit umgehen können, dass beide Elternteile meinen, das Beste für ihr Kind zu wollen, aber mit ihren Taten das Gegenteil tun.

Leuenberger: In solchen Fällen sind wir als Behörde dauernd unter Beschuss. Wir erleben dabei, wie Eltern die gesetzlichen Regelungen ins Absurde treiben können. Wir bekamen sogar schon Beschwerden, dass dem Kind die Socken mit der falschen Farbe mitgegeben worden seien.

Als die Behörden 2013 aufgebaut wurden, hatten sie deutlich mehr ­Fälle als erwartet zu bewältigen. Was lief da falsch?

Leuenberger: Aufgrund der früher angeordneten Massnahmen plante man die Kesb. Nicht berücksichtigt wurden dabei aber die vielen Fälle, welche ohne Massnahmen gelöst werden.

Einen Grossteil der Massnahmen müssen die Gemeinden bezahlen. Welche Rolle spielen die Kosten für Sie?

Leuenberger: Primär muss eine Massnahme geeignet und richtig sein. Wenn wir Optionen haben, wählen wir die günstigere aus.

Sie haben mit Gemeinden das Gespräch gesucht. Was ist herausgekommen?

Häfliger: Beide Parteien haben gemerkt, dass sie einander gegenseitig ergänzen und helfen können. Die Gemeinden können im Rahmen der persönlichen Sozialhilfe Probleme im Bereich Kindes- und Erwachsenenschutz angehen und lösen, ohne dass die Kesb einbezogen werden muss.

Die Kesb standen seit Beginn unter dem Druck der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie damit um?

Leuenberger: Wir haben die Berichterstattung diskutiert. Wir lassen uns aber aufgrund der Medien nicht zu anderen Entscheiden zwingen, als wir für richtig empfinden. Wir hinterfragen uns aber kritisch.

Häfliger: Bei uns gab es Behördenmitglieder, die direkt betroffen waren. Ich habe bei ihnen gemerkt, wie belastend solche Berichte sein können. Kritik der Medien soll kommen, das ist wichtig. Sie soll sich aber auf eine vertiefte Recherche gründen.

Haben Sie Fehler gemacht, die Sie sich im Nachhinein eingestehen mussten?

Häfliger: Bei jenen medialen Fällen aus der Ausserschwyz stehe ich vollumfänglich hinter unseren Interventionen. Das heisst aber nicht, dass uns keine Fehler passieren können.

SVP-Nationalrat Pirmin Schwander, der eine Initiative zur Abschaffung der Kesb gestartet hat, sagte, dass keine Entscheide ohne Einwilligung der Betroffenen gefällt werden dürfen. Ist das möglich?

Häfliger: Nein. Zum Beispiel bei massiven Besuchsrechtsstreitigkeiten ist eine Einwilligung beider Elternteile aufgrund der gegenteiligen Interessen nicht möglich.

Leuenberger: Ohnehin ist der Titel der Initiative fragwürdig. Der Auftrag der Kesb ist vom Bund vorgegeben. In Wahrheit diskutiert man mit der Initiative eigentlich, wer der Träger der Kesb sein soll – nicht ob man sie abschaffen soll.

Interview Rahel Lüönd

Selbstbestimmung an erster Stelle Gesetz

rl. Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht hat das 100-jährige Vormundschaftsrecht Anfang 2013 abgelöst. Seither sind nicht mehr die Vormundschaftsbehörden der Gemeinden, sondern die Kesb als Behörden für die Anwendung des neuen Rechts zuständig. Im Gesetz nimmt die Selbstbestimmung einen zentralen Wert ein. Die Vorsorge (etwa eine Patientenverfügung) einer Person steht an erster Stelle – vor den gesetzlich definierten Vertretungen. Erst wenn keine Lösungen gefunden werden können, werden behördliche Massnahmen geprüft und eingesetzt. Dabei wird, soweit wie möglich, der eigene Wille der betroffenen Person beachtet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.