SCHWYZ: «Es war keine angenehme Arbeit, Mitbürger zu bestrafen»

Oberstaatsanwalt Benno Annen (65) geht in Pension. Er hat im Kanton Schwyz einen Filz erlebt, eine seltsame Betreibung erhalten und viele aufwühlende Fälle bearbeitet. Bilanz ziehen will er aber nicht.

Andrea Schelbert
Drucken
Teilen
Blickt auf eine bewegte Berufskarriere zurück: Benno Annen im Hotel Wysses Rössli in Schwyz. (Bild Andrea Schelbert)

Blickt auf eine bewegte Berufskarriere zurück: Benno Annen im Hotel Wysses Rössli in Schwyz. (Bild Andrea Schelbert)

Benno Annen ist Ende Dezember in den Ruhestand getreten. Der 65-Jährige war seit Herbst 1990 als Schwyzer Staatsanwalt im Amt. Im Januar 2011 wurde er mit der Totalrevision der Strafprozessverordnung zum Oberstaatsanwalt befördert. Vor seiner Tätigkeit als Staatsanwalt arbeitete er während 15 Jahren als Untersuchungsrichter des Bezirks Höfe. Wir haben Annen, der mit seiner Frau in Schindellegi wohnt und Vater eines Sohnes ist, zum Jahresende getroffen und mit ihm auf die vergangenen Jahrzehnte in der Strafjustiz zurückgeblickt.

Benno Annen, warum sind Sie eigentlich Staatsanwalt geworden?

Benno Annen: Mein Vater war Vize-Staatsanwalt. Als kleiner Bub durfte ich seine Fälle jeweils stempeln. Das war mein erster Kontakt mit dem Strafrecht. Für mich war damals aber das Wesentliche, den roten Stempel auf das Papier knallen zu dürfen (lacht). Nach meinem Jus-Studium absolvierte ich ein Anwaltspraktikum. Hier kam ich mit dem Jugendstrafrecht in Kontakt, weil mein Lehrmeister nebenamtlich die Funktion des Jugendanwaltes ausübte. Später überredeten mich Polizisten, den Job als Untersuchungsrichter des Bezirks Höfe zu übernehmen, was ich dann auch getan habe.

50 Prozent Ihrer Zeit als Staatsanwalt investierten Sie in Gerichtsprozesse. Wie haben Sie sich beim Betreten des Gerichtssaals jeweils gefühlt?

Annen: Der Adrenalinspiegel muss im Gerichtssaal steigen, sonst sollte man den Job wechseln. Motivation und eine gewisse Anspannung müssen vorhanden sein, weil man dann mit Leib und Seele dabei ist. Nach dem Prozess folgt dafür die befriedigende Entspannung.

War diese Anspannung ein schöner Zustand?

Annen: Sie gehört dazu. Natürlich ist jeder Fall anders. Oft braucht man Menschenkenntnis. Eine gute Vorgabe ist die Bibel oder die Geschichte. Denn das, was der Mensch macht, ist nichts Neues, vieles wiederholt sich.

Welches war der Fall, der Sie am meisten aufgewühlt hat?

Annen: Das war das Tötungsdelikt vom April 2008 in Ried-Muotathal. Patchwork-Familien haben spezielle Probleme. Der Junge ist damals zwischen Stuhl und Bank gefallen. Sein Stiefbruder und seine Stiefmutter leben nun nicht mehr, den Vater hat er auch noch angegriffen. Der Jugendliche hat inzwischen eine Lehre als Koch abgeschlossen. Ich glaube, dass er den Rank finden wird im Leben. Ich bin zuversichtlich und sehe hier – entgegen meiner damaligen persönlichen Einschätzung – einen Lichtblick.

Wie war es für Sie, diesen schlimmen Fall zu behandeln?

Annen: Das Ereignis hat mich menschlich aufgewühlt. Ich kann nie nach Ried-­Muotathal fahren, ohne nicht den Jungen vor Augen zu haben. Kinderfälle wie dieser sind am schlimmsten. Solche Fälle gingen mir immer sehr nahe.

Was hat in den 39 Jahren am meisten Staub aufgewirbelt im Kanton Schwyz?

Annen: Das war der European Kings Club in den Neunzigerjahren. Rund 5 Prozent der Schwyzer Bevölkerung machten bei diesem Schneeballsystem mit. Polizisten, Gemeindeschreiber, Bauern und Kantonsräte waren dabei. Es war sehr speziell, wie wir damals arbeiten mussten. Es war ein grosser Filz! Ich habe damals sogar eine Betreibung in der Höhe von 166 000 Franken bekommen.

Warum?

Annen: Mir wurde vorgeworfen, dass ich schuld daran sei, dass einzelne Mitglieder ihr Geld in diesem Schneeballsystem nicht bekommen hätten (lacht). Das war wirklich wahnsinnig! Ich weiss von Leuten, zum Beispiel einem Briefträger, der damals seinen Job aufgab, nur um sich voll und ganz auf dieses vermeintlich lukrative System zu konzentrieren! Es ist unglaublich, was damals alles passiert ist.

«Staatsanwälte haben eine enorme Macht», sagt Strafrechtsexperte Franz Riklin. Wie bewerten Sie selber den Einfluss eines Staatsanwalts?

Annen: Es stimmt, dass ein Staatsanwalt Macht hat und letztlich auch viel Spielraum besitzt. Es gibt nur wenige Menschen, welche die Kompetenz eines Staatsanwalts haben. Im Prinzip kann er zu Ihnen nach Hause kommen, Ihr Haus durchsuchen und damit in Ihre Privatsphäre eindringen. Der Staatsanwalt behandelt über 95 Prozent aller Fälle. Er besitzt die Macht, Menschen zu bestrafen. Ein Staatsanwalt muss sich dieser Machtfülle und seiner grossen Verantwortung stets bewusst sein. Ich staune, dass heute eigentlich sehr jungen Juristen das Vertrauen zu dieser wichtigen Tätigkeit geschenkt wird. Früher wurden damit eher ältere Semester betraut. Nicht allen passt es, Strafen auszusprechen. Darum beenden viele die Arbeit nach einigen Jahren und schlagen dann eine andere Karriere ein.

Wie haben Sie das gehandhabt, das «Bestrafen»?

Annen: Es war keine angenehme Arbeit, Mitbürgerinnen und Mitbürger zu bestrafen. Aber wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, dann macht man das und muss sich Mühe geben, es richtig und gewissenhaft zu machen. Man kann es auch so sehen, dass jemand halt auch solche unangenehmen Aufgaben erledigen muss. Bisher hat die Gesellschaft noch kein besseres Instrument gefunden, um das friedliche Zusammenleben untereinander zu regeln. Es funktioniert letztlich überall auf der ganzen Welt nach diesem Prinzip. Eigentlich sollten Strafen aber gar nicht nötig sein, weil der Mensch ja einsichtig genug sein sollte, sich richtig zu verhalten. Aber eben, so geht es erfahrungsgemäss halt nicht.

Welche persönliche Bilanz ziehen Sie nach 39 Jahren Tätigkeit in der Schwyzer Strafjustiz?

Annen: Die Frage ist: Soll man überhaupt eine Bilanz ziehen? Ich persönlich glaube, man sollte nach vorne schauen. Die Jahre, die mir noch bleiben, will ich sinnvoll nutzen. Ich werde nun mehr Zeit für meine Frau haben. Ich gehe davon aus, dass wir zuerst einmal Ferien machen werden, danach sehen wir dann weiter.

Viele Journalisten werden Sie wohl vermissen, weil Sie im Gerichtssaal immer wieder für spannende und auch mal amüsante Zitate verantwortlich waren ...

Annen: Man muss auch in einem Strafprozess ab und zu dafür sorgen, dass es menschlich bleibt. Denn ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Gutes in sich trägt. Es ist ein Muss, diese guten Seiten im Menschen zu aktivieren.

Wie fühlen Sie sich jetzt, wo Sie seit wenigen Tagen im Ruhestand sind?

Annen: Es geht mir gut. Es ist nicht so, dass ich gern gehe. Es ist ein Schritt ins Ungewisse. Ich habe das in meinem Leben zu wenig gemacht. Ursprünglich wollte ich mit 50 eine berufliche Veränderung, irgendwie habe ich diesen Sprung aber nicht geschafft damals. Ich habe die Arbeit halt immer sehr gern gemacht, weil sie sinnvoll und notwenig war.

Probleme vom Büro beschäftigen Sie auch nachts. Verschwinden mit Ihrer Pension nun Bleistift und Papier von Ihrem Nachtisch?

Annen: Nein, die werden bleiben. Es werden jetzt wohl andere Träumereien kommen (lacht). Ich werde sie aufschreiben, damit ich besser schlafen kann.