SCHWYZ: Ihre Freundschaft hält bis in den Tod

Sandy Inderbitzin unterstützt Frauen, die in den USA im Todestrakt sitzen. Die 35-Jährige ist vom Willen der Gefangenen beeindruckt - oft fühlt sie sich aber hilflos.

Andrea Schelbert
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Passiert nichts Aussergewöhnliches, werden sie sich nie in Freiheit begegnen: Sandy Inderbitzin (links) und die zum Tode verurteilte Iris*. (Bild: PD)

Passiert nichts Aussergewöhnliches, werden sie sich nie in Freiheit begegnen: Sandy Inderbitzin (links) und die zum Tode verurteilte Iris*. (Bild: PD)

«Ich war extrem nervös. Als ich in London am Gate auf meinen Flug wartete, fragte ich mich, was ich bloss mache! Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde», erzählt Sandy Inderbitzin. Die 35-jährige Schwyzerin war im Mai 2012 auf dem Weg nach Dallas. Zum ersten Mal würde sie ihre Brieffreundin Iris* besuchen. Die 42-jährige Amerikanerin sitzt in Gatesville, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Texas, in der Todeszelle. Sie hatte 1997 im Drogenrausch einen 84-jährigen Mann umgebracht. Iris sagt, dass es Notwehr war, weil der Mann sie angegriffen hatte. Doch die amerikanische Justiz kam zu einem anderen Schluss. Iris wurde 1998 zum Tode verurteilt.

«Menschen wie sie und ich»

Während in den Todeszellen der USA rund 3200 Männer sitzen, sind es im ganzen Land nur knapp 60 Frauen. Iris befindet sich im Frauengefängnis Gatesville hinter Gittern. Sandy Inderbitzin hatte ihr im Oktober 2011 zum ersten Mal geschrieben. «Die Frauen im Todestrakt sind Menschen wie Sie und ich. Für sie ist es ein Highlight, wenn sie Besuch aus Europa bekommen», sagt die Informatikerin. Dass nicht nur Besuche, sondern auch Briefe einen grosse Bedeutung haben, merkte die Schwyzerin schnell. «Plötzlich schrieben mir alle sieben Frauen von Gatesville. Sie sind mir schnell ans Herz gewachsen.»

Die zum Tode verurteilte Iris. (Bild: pd)

Die zum Tode verurteilte Iris. (Bild: pd)

Sandy Inderbitzin wollte den Frauen, die alle wegen Mordes und weiteren Straftaten zum Tode verurteilt wurden, persönlich begegnen. «Meine grösste Sorge war, dass ich das richtige Gefängnis finden würde», erzählt sie. Ein Gefängniswärter vor Ort half ihr weiter und erklärte ihr, wo sie mit ihrem Auto hinfahren und parkieren müsse. Er sagte ihr zudem, dass sie im Auto bleiben und dort warten müsse, bis sie vom Gefängnispersonal abgeholt würde. Das Auto wurde zuerst gründlich durchsucht. Anschliessend wurde die Schwyzerin vom Gefängniswärter begleitet und am Eingang mit einem Detektor untersucht. Iris wartete bereits in einer Art Besuchskäfig auf sie. «Der Anblick machte mich traurig und wütend. Die Frauen werden wie Affen gehalten. Der Käfig ist so klein, dass sie sich kaum bewegen können. Sie werden wie Tiere behandelt!» Nur wenn die Straftäterinnen bereit sind, im Gefängnis zu arbeiten, erhalten sie einige Privilegien. Zwar bekommen sie keinen Lohn dafür, dürfen dann jedoch ihren Besuch in einem grösseren Raum empfangen, doch auch dann nur hinter dickem Panzerglas. Nicht einmal Familienmitgliedern ist es erlaubt, die Gefangenen einmal in den Arm zu nehmen. Weitere Privilegien sind Fernsehschauen im Gemeinschaftsraum und längere Aufenthalte im Freien – hinter Stacheldraht. «Wer nicht arbeiten will, muss 23 Stunden am Tag in der Zelle bleiben», weiss Inderbitzin.

Endlos langes Warten auf den Tod

Durchschnittlich 15 Jahre warten die verurteilten Frauen in der Todeszelle, bis sie hingerichtet werden. Aktuell befinden sich sechs Frauen, alle zwischen 40 und 50, in Gatesville. «Einige sind müde von der Tortur und resignieren. Die anderen aber verfügen über einen enormen Willen, dort rauszukommen. Sie sind erstaunlich stark und geben die Hoffnung nicht auf», erzählt Inderbitzin. Obwohl viele Menschen meinen, dass sie in dieser Situation kapitulieren würden, sei es beeindruckend mitzuerleben, wie viel der Mensch letztlich eben doch aushalten könne. «Ich glaube, dass Menschen grundsätzlich viel stärker sind, als man denkt.»

Dass die Frauen im Todestrakt trotz der schlimmen Verhältnisse noch psychisch und geistig gesund seien, grenze an ein Wunder. «Sie sind liebenswerte und herzliche Menschen. Ich werde versuchen, ihren Aufenthalt so erträglich wie möglich zu machen.» Jeden Tag schreibt die 35-Jährige E-Mails, die noch am gleichen oder dem darauffolgenden Tag nach Gatesville gelangen und dort vom Gefängnispersonal ausgedruckt werden. Ausserdem überweist sie den Inhaftierten Geld, damit sie sich Essen oder Briefmarken kaufen können.

Den Frauen eine Stimme geben

Doch warum setzt sich Sandy Inderbitzin für Frauen in Todeszellen ein? «Weil ich ihnen eine Stimme geben will», lautet ihre Antwort. «Es ist menschenunwürdig, wie sie gehalten und behandelt werden. Selbst Hunde haben es besser als sie.» Manchmal funktioniere die Heizung nicht, und in den Zellen sei es minus zehn Grad kalt. «Doch niemand interessiert sich sonderlich dafür. Die Frauen sitzen dann frierend mit fünf Schichten Kleidern in ihren Zellen. Wenn das Dach kaputt ist und Wasser in die Zellen tropft, stört das auch keinen.» Das Essen sei eine Zumutung. «Gemüse und Früchte gibt es so gut wie nie. An Thanksgiving und Weihnachten werden die Frauen aber wie Fürsten bekocht. Sie erhalten dann beispielsweise neun Desserts. Das ist absoluter Schwachsinn, weil ja niemand neun Desserts aufs Mal essen kann ...» Da viele Gefängnisse in Amerika privatisiert sind, sorgen die Betreiber dafür, dass ihre Kosten so tief wie möglich bleiben. «Sie wollen nicht, dass es den Frauen und Männern gut geht. Und sie sind natürlich auch nicht daran interessiert, dass jemand wieder rauskommt, da dies ein finanzieller Verlust für sie wäre.» Das Schlimmste, so betont die 35-Jährige, sei aber, dass die meisten der Todeskandidaten, die sie kenne, kein faires Strafverfahren bekommen hätten. «Da sitzen Menschen, die sich keinen Strafverteidiger leisten können.» Mit einem Pflichtverteidiger stehe man schnell auf verlorenem Posten.

Wut auf das US-Justiz-System

Die Schwyzerin ist wütend auf den amerikanischen Staat. «Die Todesstrafe gehört doch längst abgeschafft! Ausgerechnet die Amerikaner, die sich überall einmischen und ihre Überlegenheit ausspielen, wenden solche barbarischen Methoden an. Sie kennen keine Rehabilitation, auch 18-jährige Burschen werden zum Tod verurteilt.» Aus diesem Grund setzt sich Sandy Inderbitzin auch ehrenamtlich für die Schweizer Organisation Lifespark ein. Sie realisierte zusammen mit dem Vorstandsmitglied Viviane Zogg die Website, die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Insgesamt sieben Mal war Sandy Inderbitzin inzwischen in Gatesville. Die Besuche und Begegnungen haben sie verändert. «Manchmal fühle ich mich extrem hilflos. Ich kann die Frauen nur moralisch unterstützen, ansonsten sind mir komplett die Hände gebunden. Ein Mann und zwei Frauen, welche sie persönlich kannte, wurden inzwischen hingerichtet. «Doch es bringt niemandem etwas, wenn ich weine. Ich muss stark bleiben und darf nicht aufgeben. Ich will für diese Frauen da sein.»

HINWEIS

* Name von der Redaktion geändert. Weitere Infos zu Lifespark auf www.lifespark.org