SCHWYZ: Kitas stecken noch in den Kinderschuhen

Im Kanton Schwyz ist die externe Kinderbetreuung wenig ausgereift. Mit ein Grund: Für viele Familien lohnt sie sich nicht.

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Kinder bei einem Spiel in einer Zentralschweizer Kita. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Kinder bei einem Spiel in einer Zentralschweizer Kita. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Nach wie vor entscheidet sich ein Grossteil der Mütter dafür, ihre Kinder selbst zu betreuen. Doch auch im Kanton Schwyz gibt es immer mehr berufstätige Mütter. Eine bezahlbare Kindertagesstätte zu finden, ist dabei allerdings gar nicht so einfach. Der Grund liegt neben der geringen Verfügbarkeit von Plätzen vor allem an den Tarifen. Nadine Hoch, Geschäftsleiterin vom Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse): «Die hohen Elterntarife sind ein grosses Problem, nicht nur im Kanton Schwyz. Die Meinung ist vor allem in ländlichen Gegenden verbreitet, dass familienergänzende Kinderbetreuung eine private Angelegenheit ist, weshalb immer noch wenig öffentliche Gelder gesprochen werden.»

«Vielen zu teuer»

Das stellt auch Diana de Feminis, Geschäftsleiterin der Kindertagesstätte Paradies in Ibach, fest. «Die Nachfrage nach Tagesplätzen ist da, aber vielen Eltern sind sie zu teuer.» Um einen qualitativ hochstehenden Betrieb führen zu können, sei eine Tarifreduktion nicht möglich.

Ein Beispiel: Möchte eine Familie aus der Gemeinde Schwyz zwei Kinder in die Kita von de Feminis geben, zahlt sie je nach Einkommen den von der Gemeinde subventionierten Tarif zwischen 152 und 209 Franken pro Tag. Stammt sie aus einer anderen Gemeinde, zahlt sie sogar den vollen Tarif von 218 Franken. Eine Detailhandelsangestellte mit 25 Franken Stundenlohn kommt auf 200 Franken Lohn pro Tag.

Kanton verweist an die Gemeinden

Auch Anja Ulrich, Co-Leiterin der Krippe Lago Mio in Bäch (Ausserschwyz) – wo die Unterstützung der Gemeinde Freienbach dank Betreuungsgutschriften für die Eltern relativ gross ist – bezeichnet die Situation im Kanton als rückständig: «Da das Rollenbild in unserem Kanton noch sehr traditionell ist, hat die externe Kinderbetreuung einen tiefen Stellenwert.» In Zürich sei mit einer Krippenaufsicht auch der staatliche Anspruch an die Qualität viel höher. Schaue man weiter über die Landesgrenzen nach Frankreich, Finnland oder Schweden, übernehme der Staat diese Aufgabe sogar selbst und gebe ihm entsprechend Gewicht.
Flavia Steiner, die das Chinderhuus Müli in Brunnen leitet, hat ein alternatives Finanzierungssystem entwickelt: Neben Einnahmen durch Eltern und Gemeinde akquiriert sie mit ihrem Team jedes Jahr Geld mittels Paten. «Wir wollen die Tagesstätte für jeden erschwinglich machen.» Sie sagt aber auch, dass es immer schwieriger wird, Spenden zu sammeln.

Der Kanton findet die familienergänzende Kinderbetreuung zwar wichtig, wie der Leiter Soziales, Peter Schmid, auf Anfrage sagt: «Ihr Stellenwert ist sehr gross, insbesondere im Licht der demografischen Entwicklung. Wir werden künftig auf mehr Personen im erwerbsfähigen Alter angewiesen sein.» Mehr Verantwortung in dieser Hinsicht sucht er aber nicht: «Es ist Aufgabe der Gemeinden, wie sich diese Angebote weiterentwickeln. Eine Verlagerung der Finanzierung ist zurzeit kein Thema.»

Bei den Gemeinden ist die externe Kinderbetreuung durchaus in Diskussion. Patrik Schertenleib ist als Leiter Soziales in Brunnen zurzeit an neuen Verhandlungen mit dem Chinderhuus Müli, der einzigen Tagesstätte in der Gemeinde: «Es besteht zweifellos noch viel Handlungsbedarf», sagt er auch angesichts des Bevölkerungswachstums und der Neuansiedlung von Firmen im Projekt Nova Brunnen. Neben der Aufgabe der Gemeinde wirft er aber auch die Frage auf, ob die heutigen kleinräumigen Strukturen der Kitas wirtschaftlich sinnvoll sind: «Meines Erachtens könnte man durch flächendeckendes Zusammenarbeiten im ganzen Talkessel Schwyz viel mehr bewirken.» Das würde auch die Organisationen selber stärken und Druck von den Gemeinden nehmen.

Auch der Gemeindeschreiber von Schwyz, Bruno Marty, spricht von erhöhtem politischen Druck. Dass das Bedürfnis gross sei, habe zuletzt eine Abstimmung an der Gemeindeversammlung gezeigt, die mit grosser Mehrheit zusätzlichen 30'000 Franken für die Betreuung über den Mittag zugestimmt hat.

Traditionelles Rollenverständnis

Ein fortschrittliches System hat kürzlich der Bezirk Einsiedeln ins Leben gerufen: Mit Betreuungsgutscheinen werden Eltern ab 2016 ortsunabhängig in der familienergänzenden Betreuung unterstützt. Ein ähnliches System hat auch die Stadt Luzern (siehe Box). In einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Dass der Kanton Schwyz noch nicht weiter ist, liegt vor allem am traditionellen Rollenverständnis der Bevölkerung. Genauso unbestritten ist, dass die familienergänzende Kinderbetreuung ein grosses Potenzial an hiesigen Arbeitskräften abholen könnte. Bessere Bedingungen für Tagesstätten und Eltern könnten diese beiden Positionen näher zusammenbringen.

Luzern war die Pionierstadt

Kitasral. Luzern war 2009 die erste Stadt der Schweiz, die Betreuungsgutscheine für die externe Kinderbetreuung einführte. Eltern mit einem Einkommen von weniger als 100 000 Franken werden unterstützt, wenn sie ihr Kind in eine Kindertagesstätte oder Tagesfamilie geben. Seither ist die Zahl der Kinder, die in Kitas betreut werden, gestiegen: Jedes dritte Kind im Vorschulalter verbringt mindestens einen Tag pro Woche in der Kita. Vor fünf Jahren war es noch jedes vierte Kind. Die Zahl der Kitas ist von 20 auf 32 gestiegen. Zum Vergleich: In Innerschwyz gibt es zurzeit 8 Kitas, in Ausserschwyz 24.

Rahel Lüönd