SCHWYZ: Nino lernt anders – aber er gehört dazu

Kinder mit einer Behinderung werden im Kanton Schwyz wenn möglich in die Regelschule integriert. Ein Blick in den Schulalltag von Nino mit Down-Syndrom.

Rahel Lüönd
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Der zehnjährige Nino ist körperlich weniger gewandt als andere, weil er am Downsyndrom leidet – seinen Mitschülerinnen im Schulhaus Eggeli in Sattel macht das aber nichts aus. (Bild Dominik Wunderli)

Der zehnjährige Nino ist körperlich weniger gewandt als andere, weil er am Downsyndrom leidet – seinen Mitschülerinnen im Schulhaus Eggeli in Sattel macht das aber nichts aus. (Bild Dominik Wunderli)

Rahel Lüönd

Sattel, Schulhaus Eggeli, erster Stock. Wir sind im Schulzimmer 205 der dritten Klasse, es ist kurz vor neun. «Schau Nino, ‹nimmt› schreibt man doch mit zwei m», sagt Sitznachbarin Vanessa. Nino korrigiert und kontert sogleich: «Hier hast du das Häkli vergessen zu setzen!» Einige Minuten vorher hat Corinne Burkart der Klasse Wörter diktiert. Nino Krienbühl hörte aufmerksam zu und schrieb still mit. So wie immer.

Fast auf dem gleichen Niveau

Für einen Moment könnte man vergessen, dass Nino eigentlich ein bisschen anders ist. Anders, das steht in diesem Fall für das Down-Syndrom. Nino ist körperlich weniger gewandt als die anderen Kinder und er kann Dinge nicht gleich schnell aufnehmen. Das Schweizer Bildungssystem sieht heute vor, dass Kinder wie Nino in die Regelschule gehen. Im inneren Kantonsteil von Schwyz sind zurzeit 52 solche Kinder mit speziellen Ansprüchen integriert (siehe Box), nochmals etwa gleich viele besuchen die Heilpädagogische Tagesschule.

Für Eveline Kurmann, die als Heilpädagogin für Nino zuständig ist, überwiegen die Vorteile der Regelschule in dieser Situation klar: «Die Umgebung in der Klasse spornt Nino zu Spitzenleistungen an», sagt sie. In der Schule hat Nino einen ausgeprägten Ehrgeiz entwickelt, wo er bis jetzt fast auf dem gleichen Niveau schreibt und rechnet wie die anderen. Eveline Kurmann ist bloss acht Lektionen pro Woche für ihn da, die restliche Zeit ist der Zehnjährige ohne Spezialbetreuung in der Klasse.

Geduld ist der Schlüssel

Viel stärker ins Auge fällt die Behinderung, als Nino mit Eveline Kurmann im Einzelunterricht ein Oster-Huhn bastelt. Eine Feder anzuleimen bereitet ihm Mühe, die Heilpädagogin muss jeden Schritt genau anleiten. Nur zu gern würde man eingreifen, Schere und Papier schnell selber in die Hand nehmen. Doch Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg: Nino kann es selber, einfach langsamer. Umso stolzer präsentiert er das Huhn später seinen Mitschülern. «Gut gemacht, Nino», tönt es von dieser Seite liebevoll.

Ziele statt Noten

Die anderen Kinder haben ihn gern, warten auch, wenn er mal etwas länger braucht, und besuchen ihn wie andere Gspändli daheim. Die Klassenlehrerin Corinne Burkart sagt: «Manchmal stören sie sich an Kleinigkeiten, zum Beispiel wenn er vergisst, die Nase zu putzen.» Gleichzeitig merken sie aber auch, dass sie selber nicht perfekt sind und lernen, Rücksicht zu nehmen. «Er gehört einfach dazu», sind sich die Mitschüler einig. Dass er am Geburtstag schon mal mit Anzug und Krone auftaucht, finden sie lustig. Überhaupt sei er sehr fröhlich und aufgestellt.

Kinder in der Integrierten Sonderschulung erhalten individuelle Lernziele anstelle von Noten und einen Bericht am Ende des Schuljahres. Die Bereichsleiterin für Integrierte Sonderschulung des Heilpädagogischen Zentrums Innerschwyz, Vera Goergen, sagt: «Eine Integration ist dann möglich, wenn das Kind selbstständig in der Klasse arbeiten kann, beim Lernen Fortschritte macht und sozial eingebettet ist.»

Umfeld spielt eine grosse Rolle

Wenn die acht Lektionen mit der Heilpädagogin nicht für einen befriedigenden Schulalltag ausreichen, kommt die Heilpädagogische Tagesschule zum Tragen: «Für viele Eltern wirft der Übertritt Fragen auf, wie etwa ob sich ihr Kind wohl fühlen oder den Kontakt zu Gleichaltrigen in der Wohngemeinde verlieren wird», erzählt Goergen. Die Heilpädagogische Tagesschule ist dennoch sinnvoll, wenn das Kind eine umfassende individuelle Förderung braucht. Der Wechsel von der Integrierten Sonderschulung in die Heilpädagogische Tagesschule erfolgt erfahrungsgemäss meist mit dem Übergang zur Oberstufe.

Wie es mit Nino weitergehen wird, weiss man heute noch nicht. Neben der schulischen Entwicklung spielen immer auch die Mitschüler und das Umfeld in der Schule eine Rolle. Bleibt alles erfolgreich wie bisher, wird Nino in Sattel bleiben. Denn eigentlich ist er nicht anders als andere Kind, die etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen – und davon gibt es bekanntlich viele.
 

So funktioniert es

Förderungral. Das neue sonderpädagogische Konzept des Kantons Schwyz ist nun seit fünf Jahren in Kraft und enthält als einen der wichtigsten Grundgedanken die Eingliederung der Sonderschulung in die Volksschule. Kinder mit einem Intelligenzquotienten, der höher als 70 ist, besuchen die Regelschule. Ein Heilpädagoge unterstützt dabei schwächere Schüler. Bei einem IQ unter 70 haben Kinder das Recht auf eine spezielle Förderung, sei es integriert in einer Regelschule oder an der Tagesschule des Heilpädagogischen Zentrums.

Rahel Lüönd