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SCHWYZ: SOB-Direktor Thomas Küchler: «Der Courant normal langweilt»

SOB-Direktor Thomas Küchler bringt seine ehemalige Arbeitgeberin, die SBB, in Bedrängnis. Im Interview sagt der Zentralschweizer, was in der Branche falsch läuft.
Interview Tobias Gafafer und Sebastian Keller
Der Schwyzer Thomas Küchler, Direktor der Südostbahn, in seinem Büro in St. Gallen. (Bild Michel Canonica)

Der Schwyzer Thomas Küchler, Direktor der Südostbahn, in seinem Büro in St. Gallen. (Bild Michel Canonica)

Interview Tobias Gafafer und Sebastian Keller

Herr Küchler, Sie wohnen in Seewen, Kanton Schwyz, und arbeiten in St. Gallen. Pendeln Sie täglich?

Thomas Küchler: Nicht jeden Tag, aber etwa drei Tage die Woche. Ich fahre mit dem Auto bis nach Uznach und steige dort in den Voralpen-Express oder die S4 um.

Mit der Ankündigung, die Gotthard-Bergstrecke anstelle der SBB betreiben zu wollen, sorgten Sie für Schlagzeilen. Müsste die Südostbahn (SOB) dafür neue Züge kaufen?

Küchler: Wir müssten unsere Flotte um bis zu 24 Einheiten aufstocken. Die Investition würde sich auf etwa 300 bis 350 Millionen Franken belaufen.

Kann sich das die SOB leisten?

Küchler: Wir haben genügend Eigenkapital in den Büchern, das heute noch nicht als solches ausgewiesen ist. Es wird darum gehen, dass die Eigentümer, Bund, Kantone und Gemeinden, diese Mittel als Eigenkapital ausweisen. Das klären wir derzeit ab.

Warum will Ihr Unternehmen wachsen?

Küchler: Wir müssen wachsen, um zu überleben. Das haben uns zwei Gutachten bestätigt. Die bürokratischen Auflagen im öffentlichen Verkehr nehmen zu, das verursacht Mehrkosten. Wenn wir nicht mehr Züge auf die Schienen schicken können, werden unsere Stückkosten immer teurer. Deshalb müssen wir unsere Kapazitäten in etwa verdoppeln.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial?

Küchler: Beim Regionalverkehr spüren wir eine Stagnation wegen der verfügbaren Finanzmittel der öffentlichen Hand. Grosse Angebotsausbauten sind in den nächsten Jahren nicht zu haben. Deshalb sehen wir Wachstumschancen eher im Fernverkehr. Mit unseren Konzepten «Gotthard» und «Ostschweiz» würden wir Bund und Kanton finanziell um rund 25 Millionen entlasten. Das schaffen wir, indem wir die Verbindung Zürich–St. Gallen–Chur als Fernverkehr eigenwirtschaftlich betreiben und keine Abgeltungen erhalten.

Auch im Bereich E-Ticketing haben Sie für Wirbel gesorgt. Was genau planen Sie?

Küchler: In einem ersten Schritt geht es darum, dass der Kunde über eine Plattform Zugang zu allen Leistungen des öffentlichen Verkehrs hat. Die nächsten Schritte treiben wir aber schon heute voran. Wir wollen die ganze Mobilitätskette vereinfachen – alle Transportsysteme wie Busse, Taxis, Mietwagen, E-Bikes sollen verknüpft werden. Das wird dazu führen, dass Leute weniger mit dem eigenen Auto fahren.

Die Kunden haben heute schon einen Swiss Pass, der das GA integriert, ebenso das Skibillett und das Carsharing von Mobility. Wieso braucht es da eine neue Plattform?

Küchler: Über unsere Plattform sollen viel mehr Leistungen verfügbar sein. Wir sind mit Mobility und anderen potenziellen Partnern im Gespräch. Das Interesse ist gross. Unsere Bemühungen haben etwas ausgelöst: Die Branchengrossen haben sich bewegt.

Sie sprechen die Ankündigung von BLS, SBB und Postauto an, einen E-Ticketing-Standard für die Branche schaffen zu wollen. Hat man die SOB damit auf das Abstellgleis gestellt?

Küchler: Man kann das so interpretieren. Interessant finde ich, dass man uns nicht gefragt hat, obwohl bekannt ist, dass wir vorwärtsmachen. Ich glaube, es liegt daran, dass wir die Branche in Unruhe versetzt haben. Den SBB passt es nicht, dass wir mit der Industrie, konkret mit Siemens, zusammenarbeiten. Sie haben anscheinend Angst vor einer Öffnung, wollen lieber ein geschlossenes System bauen. Ich glaube aber, die Zukunft liegt in einem offenen System.

Hat die SOB überhaupt eine Chance ohne einen starken Partner?

Küchler: Nein, wir müssen einen starken Partner finden. Das ist die grosse Herausforderung. Mir wäre ein Partner aus dem öffentlichen Verkehr am liebsten. Was ich aber nicht mehr akzeptiere, ist, dass die Unternehmen sich als Informatikanbieter verstehen, wie dies SBB, BLS und Postauto tun. Unser Kerngeschäft ist der Transport von Reisenden.

Sie kritisieren die SBB, wollen ihnen im Fernverkehr Strecken wegnehmen. Selber haben Sie zwölf Jahre für dieses Unternehmen gearbeitet. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Küchler: Konstruktiv-kritisch, würde ich sagen. Ich durfte bei den SBB als Quereinsteiger das ÖV-System kennen lernen, hatte Gönner und Förderer. Dafür bin ich dankbar. Für mich kam nach zwölf Jahren im Unternehmen die Zeit, eine neue Herausforderung zu suchen. Zufällig sah ich in der Zeitung, dass die SOB einen neuen Direktor suchte. Als Schwyzer war mir die SOB nicht unbekannt.

Hatte es nicht noch einen anderen Grund? Sie verliessen – zusammen mit weiteren Kaderleuten – die SBB zu dem Zeitpunkt, als Andreas Meyer dort den Chefposten übernahm.

Küchler: Ich habe erkannt, dass seine Führungsphilosophie nicht mit meiner übereinstimmt. Er wollte das Unternehmen zentralisiert führen. Aus meiner Sicht funktioniert das aber nicht. Bei der Südostbahn führe ich nicht so: Die einzelnen Geschäftsbereiche haben eine grosse Autonomie, tragen aber auch die Verantwortung. Deshalb haben wir auch eine gewisse Innovationskraft entwickelt.

Fördern Sie die Innovationskultur aktiv?

Küchler: Ich finde es wichtig, dass die Leute Spielräume haben und kreative Ideen einbringen können. Dadurch haben wir einige Dinge verbessern können. Ein Mitarbeiter hat zum Beispiel eine Verbesserung für eine Montage-Situation vorgeschlagen, die umgesetzt wurde. Wir besprechen Themen wie Unternehmenskultur und Strategie mit allen Mitarbeitenden. Wenn wir unser Unternehmen voranbringen wollen, müssen alle die Richtung kennen und am gleichen Strick ziehen. Ein Höhepunkt war, als Lokführer gesagt haben, es sei an der Zeit, sich mit dem führerlosen Fahren zu beschäftigen. Deshalb haben wir eine Studie in Auftrag gegeben.

Sie wollen ohne Lokführer fahren?

Küchler: So schnell geht das nicht. Mit der Studie wollen wir herausfinden, welche Fragen geklärt werden müssen. Technologisch ist man nicht weit davon entfernt. Grössere Fragezeichen sehe ich bei den Bewilligungen und der Akzeptanz der Fahrgäste und der Mitarbeitenden. Nach der Klärung dieser Aspekte kann man an ein Pilotprojekt denken. Bei der Studie arbeitet übrigens jemand von den SBB mit.

Bis wann liegen Resultate vor?

Küchler: Die Studie sollte im Herbst erste Aussagen zulassen. Danach beurteilen wir zusammen mit dem Bundesamt für Verkehr, ob ein Testbetrieb möglich ist. Ein solcher ist vielleicht in fünf bis zehn Jahren realistisch.

Dadurch gingen viele Jobs verloren.

Küchler: Führerloses Fahren heisst nicht, dass es kein Personal mehr braucht. Es gibt verschiedene Stufen des führerlosen Fahrens. Es ist nicht gesagt, dass wir es dereinst definitiv einführen. Wir wollen zuerst eine fundierte Diskussion führen.

Sie stossen mehrere Innovationen an. Woher kommt die Lust daran?

Küchler: Ich suche die Herausforderungen. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich nebenbei mit der Informatik, habe Anwendungen programmiert, die heute noch in Betrieb sind. Ich halte mich autodidaktisch auf dem Laufenden. Der Courant normal langweilt mich.

Sie sind auch politisch aktiv.

Küchler: Ich bin in der CVP-Ortspartei Schwyz und habe mich in die Kommission Tiefbau und Verkehr wählen lassen. Ich beschäftige mich intensiv mit Verkehrsfragen, weshalb ich es richtig fand, etwas zurückzugeben. Meine Zeit ist aber gut ausgelastet.

Wollen Sie einmal ein höheres politisches Amt anstreben?

Küchler: Da mache ich mir nicht allzu grosse Gedanken. Ich habe auch schon für den Kantonsrat kandidiert, weil wir politisch in Schwyz eine schwierige Situation haben, die eher von Stagnation geprägt ist. Es fehlen kreative Ansätze. Vieles ist aufs Verwalten statt aufs Gestalten ausgerichtet, das missfällt mir.

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