Coronapandemie
Brunner Kinderärztin: «Für gesunde Kinder sehe ich keinen Nutzen durch die Impfung»

Die Kinderärztin Mercedes Ogal blickt kritisch auf die Impfung für Kinder ab fünf Jahren.

Silvia Camenzind
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Mercedes Ogal, Brunnen, ist Kinder- und Jugendärztin.

Mercedes Ogal, Brunnen, ist Kinder- und Jugendärztin.

Bild: Nicole Auf der Maur

Macht die Maskenpflicht in der aktuellen Lage ab der 1. Klasse Sinn?

Es ist für mich nachvollziehbar, dass in der aktuellen Situation nach Möglichkeit alles versucht wird, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Nur stellt sich für mich die Frage nach der Verhältnismässigkeit und Sinnhaftigkeit.

Weshalb?

Es ist für mich essenziell, dass man all diejenigen Menschen zu schützen versucht, die ein erhöhtes Risiko durch die Erkrankung tragen. Und glücklicherweise leben wir in einem Land, in welchem alle Menschen, die dies möchten, Zugang zu entsprechenden Impfstoffen erhalten. Das heisst: All diejenigen, die sich impfen lassen möchten, sind in der Zwischenzeit geimpft, allenfalls bereits geboostert. Und es ist inzwischen erwiesen, dass die Impfung nicht vor einer erneuten Erkrankung schützt, sie aber den Verlauf einer Zweitinfektion zu mildern scheint. Ich hinterfrage die Pflicht, eine Gesichtsmaske zu tragen, vor allem für die Kinder der ersten und zweiten Klasse. Allenfalls auch für die dritte und vierte Klasse. Ab der fünften Klasse ist dies für mich der aktuellen Situation angemessen.

Aus welchen Gründen sehen Sie dies so?

Gerade in der ersten und zweiten Klasse, wie auch im Kindergarten, basiert das Lernen fast ausschliesslich auf der sozialen Interaktion untereinander und mit der Lehrperson. Dabei spielen ein ungehinderter Sprachaustausch und die Gesichtsmimik eine wesentliche Rolle. Viele Kinder haben gerade in der ersten und zweiten Klasse noch Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb, sprechen undeutlich oder grammatikalisch inkorrekt. Und wenn diese Kinder dann zusätzlich eine Gesichtsmaske tragen, werden sie von ihren Mitschülern noch schlechter verstanden und somit schneller ausgegrenzt. Besonders bei Kindern mit einer geistigen Beeinträchtigung, körperlichen Behinderung, Kindern mit Sprachauffälligkeiten sowie Kindern mit Autismus oder auch Wahrnehmungsauffälligkeiten sollte auf das Tragen einer Gesichtsmaske im Unterricht grundsätzlich verzichtet werden dürfen.

Wann macht das Tragen einer Maske Sinn?

Die Maske macht für mich dann Sinn, wenn man sie differenziert und individuell anwendet. Und es ist für mich wichtig, dass kein Mensch aufgrund seiner Einstellung ausgegrenzt wird, dass es keine «Lagerbildung» gibt, sondern dass jeder den anderen respektiert und ein harmonisches Miteinander in der Klasse gelingt. Ich bin mir sicher, dass jeder Einzelne einen guten Grund für seine individuelle Haltung hat. Gerade kleine Kinder in der Primarschule übernehmen die Haltung ihrer Eltern. Wenn es den Eltern gelingt, den Kindern zu vermitteln, dass man jeden Menschen so annehmen kann, wie er ist, in seiner eigenen Individualität, wird dieses harmonische Miteinander auch in der Klasse gelingen.

Empfehlen Sie die Impfung für Kinder ab 5 Jahren?

Die Impfempfehlung ab dem Alter von fünf Jahren bewegt mich als Kinderärztin besonders. Unsere beiden Verbände «Pädiatrie Schweiz» und «Kinderärzte Schweiz» stellen sich offiziell hinter diese Empfehlung. Ich selbst teile eher die Empfehlungen der deutschen Kinderarztverbände: Es ist für mich nachvollziehbar, dass die Impfung Kindern mit einem hohen Risikoprofil empfohlen wird, sowie Kindern, welche mit Eltern oder anderen Familienmitgliedern zusammenleben, die ein hohes Risiko durch eine Covid-19-Erkrankung tragen. Für alle anderen gesunden Kinder sehe ich keinen Nutzen durch die Impfung. Wie bereits mehrfach erwähnt wurde, haben Kinder in dieser Altersgruppe einen sehr milden Verlauf.

Was heisst das für Sie?

Meine eigene Nutzen-Risiko-Analyse ergibt, dass für die gesunden Kinder der Nutzen durch die Impfung gegenüber dem Risiko zu gering ist. Für mich wurden die angewendeten Impfstoffe zu wenig lange beobachtet und bei Kindern zu wenig untersucht. Als Kinderärztin, die nun seit knapp 18 Jahren in eigener Praxis tätig ist, fordere ich für Impfstoffe eine Beobachtungsdauer von fünf Jahren, bevor man damit gesunde Kinder impft. Ich habe dies auch bei anderen neuen Impfstoffen (Rotavirus und HPV) immer so gehandhabt und bin damit sehr gut gefahren. Der Impfstoff für Rotaviren wurde nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen und überarbeitet. Der Impfstoff für HPV hat erst nach ein paar Jahren eine gute Abdeckung der entsprechenden Viren erreicht. Es gibt bei der Corona-Impfung keine Beobachtungszeit von über einem Jahr, geschweige denn von fünf Jahren. Und die Kinder haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Mögliche Langzeitfolgen lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Man sagt, die Kinder seien jetzt die Treiber der Pandemie.

Man kann darauf pochen, dass die Kinder aktuell der Treiber der jetzigen Infektionswelle sind. Und dass die Kinder geimpft werden müssen, um die Infektionswelle zu stoppen. Doch die Impfungen schützen ja leider nur bedingt vor einer Infektion. Und so ist dies für mich kein ehrlicher Grund, um für eine Impfung der gesunden fünf- bis elfjährigen Kinder zu plädieren. Viel wichtiger wäre es, darauf hinzuweisen, wie man das Immunsystem auf natürliche Art und Weise stärken kann.

Was macht die Pandemie mit den Kindern?

Die Pandemie bewegt. Nicht nur uns Erwachsene, sondern auch die Kinder und vor allem die Jugendlichen. Gerade um Letztere mache ich mir Gedanken. Viele leiden durch die Restriktionen und den veränderten menschlichen Umgang untereinander sehr. Es kommt zu Spaltungen von Freundschaften und teilweise sogar Familien aufgrund von unterschiedlichen Ansichten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Angst. Viele haben Angst vor dem Virus oder Angst vor der Impfung. Beides führt zu einer Schwächung des Immunsystems und der eigenen Energiereserven.

Was können die Eltern für Kinder und Jugendliche tun?

Wenn es Eltern gelingt, sich mit der jetzigen Situation auszusöhnen, innerlich wieder Frieden, Toleranz und Liebe zu spüren und in ihre Mitte zurückfinden, wird sich dies auf die Kinder übertragen, und diese werden automatisch gestärkt und kommen besser durch diese anspruchsvollen Monate. Es wäre schön, wenn es Eltern gelingt, wieder Leuchttürme für ihre Kinder zu sein. Ein Halt in stürmischer Zeit. So wie Pippi Langstrumpf auf den Satz «Der Sturm wird immer stärker…» antwortete: «Ich auch!»

Kinderimpfung ab Januar möglich

Zulassung

Die Impfung für Kinder von 5 bis 11 Jahren startet ab Januar. Dies schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf seiner Homepage. Der Impfstoff für Kinder von Pfizer/BioNTech ist seit dem 10. Dezember in der Schweiz für Kinder ab 5 Jahren zugelassen. Der Impfstoff wird Ende Dezember 2021 in der Schweiz eintreffen.

Die Kantone entscheiden, wann und wo sie mit der Impfung von Kindern beginnen. Die Impfung wird Kindern von 5 bis 11 Jahren empfohlen, deren Eltern oder Erziehungsberechtigte dies für das Kind wünschen. Es wird geraten, eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung zu machen. Informationsmaterialien für Eltern oder Erziehungsberechtigte sind in Erarbeitung. Die Empfehlung gilt insbesondere für Kinder mit einer chronischen Krankheit und Kinder, die enge Kontakte zu besonders gefährdeten Personen haben, besonders von Personen mit einem geschwächten Immunsystem. Im Kanton Zug können sich Kinder von 5 bis 11 Jahren ab dem 31. Dezember im Impfzentrum Baar unter Aufsicht von Kinderärztinnen und -ärzten impfen lassen. Die Informationen des Kantons Schwyz zur Impfung für Kinder sind Anfang Januar zu erwarten.