Der Wissnollen am Grossen Mythen hängt bedrohlich über Schwyz

Unter der roten Gipfelkappe des Grossen Mythen ruht ein gewaltiger Felsbrocken. Er sitzt derzeit stabil.

Franz Steinegger
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Aus der Vergangenheit hallen besorgniserregende Nachrichten nach, als die Mythen «nur für sehr geübte Alpenwanderer erreichbar» waren. Im «Historischen Lexikon der Schweiz» von 1856, aus dem obiges Zitat stammt, ist nachzulesen: «Am südlichen Abhange des Grossen Mythen zeigt sich ein losgerissen scheinender ungeheurer Felsblock, der zwölfmal so gross als die Hauptkirche in Schwyz sein mag, und dessen Herunterstürzen früher oder später diesem Flecken Unglück drohen dürfte.»

Das am Geologischen Institut der ETH Zürich ausgestellte Modell der Mythen mit dem Wissnollen, der unübersehbar im roten Gipfelbereich thront.

Das am Geologischen Institut der ETH Zürich ausgestellte Modell der Mythen mit dem Wissnollen, der unübersehbar im roten Gipfelbereich thront.

Bilder: Franz Steinegger

Gemeint ist der Wissnollen unterhalb der roten Kappe des Grossen Mythen. Der weisse Felsen, der auf der Mythenmatt sitzt, war zu dieser Zeit fast unerreichbar. 1856 war erst der Beginn des Alpinismus, weshalb man sich mit Beobachtungen aus der Ferne begnügen musste.

Die Mythen entstanden im Meer

Es gibt Berechnungen, wohin der Brocken stürzen würde. «Für Rickenbach sähe es nicht gut aus», sagt Hans Reichmuth, Präsident des Vereins der Mythenfreunde, zum Ergebnis. Doch es kann beruhigt werden: Der Nollen liegt stabil auf felsigem Untergrund, wie Berggänger aus der Nähe selber beurteilen können. Er dürfte also zu unserer Lebzeit dort oben sitzen bleiben. Geologisch geht die Geschichte der beiden markanten Berge ins Trias-Zeitalter zurück, vor 252 bis 201 Mio a (Millionen Jahre vor heute). Damals begann der Urkontinent Pangäa, welcher die heute bekannten Landmassen der Erde  vereinigte, auseinanderzubrechen.

Der Wissnollen (links) sitzt stabil auf der Mythenmatt.

Der Wissnollen (links) sitzt stabil auf der Mythenmatt.

Zwischen Ureuropa und Urafrika entstand ein Meer namens Tethys, benannt nach der griechischen Meeresnymphe und Mutter von Achilles. Beim Übergang zum frühen Jura (201 bis 145 Mio a) schob sich ein Keil zwischen die iberische und die adriatische Mikroplatte, der jedoch unter Wasser stand. Dort entstanden in der Jurazeit Flachmeerablagerungen – Miriaden von kleinen Kalkgehäusen von Mikroorganismen, die im Meer gelebt haben. Diese Ablagerungen bilden den unteren, grauen Teil der Mythen. Der Keil sank tiefer ab. In der Kreidezeit (145 bis 66 Mio a) setzte sich dann der rote Mergel darauf, der heute noch sichtbar und als «Couches rouges» bekannt ist. Die rote Farbe stammt von eisenhaltigen Mineralien. Den Rest erledigten die Tektonik (Alpenfaltung) sowie die Erosion.

Gartenzwerg mit roter Mütze

Heute sind die Mythen geologisch gesehen eine mittelpenninische Klippe. Das Penninikum ist eine der Haupteinheiten der Alpen. Eine geologische Klippe entsteht, wenn die Überreste von einst grossen, zusammenhängenden Gesteinsschichten bis auf dieses Stück – die Klippe – wegerodiert sind.

Etwas einfacher drückt es ein Bericht der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) aus: «Da steht doch tatsächlich ein riesiger Gartenzwerg mit roter Mütze in der Landschaft. Oder falls Sie etwas gegen Gartenzwerge haben, halt eben Rotkäppchen.» Die Mythen bleiben, wie ihr Name schon ausdrückt, sagenumwoben.