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Dieser Mönch vom Kloster Einsiedeln hat die Geschichte umgeschrieben

Thomas Fässler ist Benediktinermönch und frisch promovierter Historiker. In seiner ausgezeichneten Doktorarbeit über das Kloster Einsiedeln hat er über die Aufklärung in der Innerschweiz geforscht. So tief, dass sich andere gar um seine Gesundheit sorgten.
Raphael Zemp
Hat Überraschendes aus dem Archiv ausgegraben: Der frisch promovierte Historiker und Einsiedler Benediktinermönch Pater Thomas Fässler. (Bild: Pius Amrein, Einsiedeln, 7. Februar 2019)

Hat Überraschendes aus dem Archiv ausgegraben: Der frisch promovierte Historiker und Einsiedler Benediktinermönch Pater Thomas Fässler. (Bild: Pius Amrein, Einsiedeln, 7. Februar 2019)

Eine Fahrt auf dem offenen Meer sei seine Doktorarbeit in Geschichte gewesen, meint Pater Thomas Fässler, 34-jähriger Benediktinermönch aus Einsiedeln – im übertragenen Sinn: Er hat Akten studiert, die nur wenige Augen gesehen haben. Das hat sich ausbezahlt. Das meint nicht nur die Uni Bern, die ihm einen Preis für die Arbeit verliehen hat, sondern auch sein Verleger.

Was ist so speziell an dieser Arbeit? Diese Frage führt uns nach Einsiedeln, in einen Besucherraum im Südflügel des Klosters. Dort, wo Wände und Decke in dunkles Holz gefasst sind und schwere, lange Vorhänge die Fenster einrahmen, dort sitzt der Pater mit überkreuzten Beinen. Erst nippt er an einem Glas Mineralwasser, dann faltet er die Hände im Schoss – und erklärt bereitwillig.

Thomas Fässler, ein Mönch der über die Geschichte des eigenen Klosters forscht – ist das nicht problematisch?

Etwa so sehr, wie ein Schweizer, der Schweizergeschichte betreibt – also: nein. Wobei meine Mitbrüder früher tatsächlich eine apologetische Geschichtsschreibung betrieben. Das heisst: Was nicht den geltenden Ansichten des Klosters entsprach, wurde passend gemacht – oder ausgelassen. Für mich aber stand stets fest: Ich will mich so kritisch und wissenschaftlich wie nur möglich mit der Materie auseinandersetzen.

Ist das Ihnen gelungen?

Ich glaube schon. Sonst hätte mich wohl kaum ein Geschichtsprofessor an meiner Dissertations-Verteidigung gefragt, ob ich mich denn überhaupt zurück nach Einsiedeln getraue, nachdem ich diese Arbeit verfasst hätte.

Das haben Sie ganz offensichtlich. Aber im Ernst: Was haben Sie denn Brisantes entdeckt, dass sich ein Historiker um Ihre Gesundheit sorgt und Ihr Verleger schreibt: «Die Geschichte der Innerschweiz wird umgeschrieben»...?

Zum einen gibt es da die Erkenntnis, dass die Aufklärung mitten in der Innerschweiz nicht nur auf Ablehnung stiess, wie es bis anhin in sämtlichen Geschichtsbüchern geschrieben steht. Gerade im Kloster Einsiedeln gab es einige Mönche, die Feuer und Flamme waren für die revolutionären Ideen, die ihnen zugetragen wurden – im persönlichen Austausch etwa aber auch über Zeitschriften und Bücher. Ab 1773 stand dem Kloster sogar ein Abt vor, der sich den Postulaten der Aufklärung verschrieben hatte.

Wo hat die neu entdeckte Vernunft überall Einzug gehalten?

Schon ab 1750 wurden so in Einsiedeln die Naturwissenschaften vorangetrieben – und bald schon fanden sogenannte Elektrisiermaschinen Einzug in den Unterricht. Daneben setzte auch so etwas wie eine wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ein. Entscheidend wirkten sich die neuen Ideen auch auf das Volksschulwesen aus, sowie die Gottesdienstgestaltung. Ja die Wohlfahrt ganz allgemein rückte vermehrt in den Fokus. «Wie können wir den Menschen helfen?», fragten sich die Mönche. «Wie können wir Ihnen neue Einkünfte ermöglichen?» In diesem Zusammenhang hat das Kloster etwa das Torfstechen initiiert.

Und bei aller Begeisterung für die Aufklärung, das rationale Denken, keimten keinerlei Zweifel am Glauben auf, an der Existenz eines Gottes?

Andernorts hat die Aufklärung tatsächlich dazu geführt, dass sich die Mönche die Frage stellten: Was machen wir hier überhaupt noch? In der Folge wurden ganze Klöster aufgehoben. In Einsiedeln aber verhielt sich die Sache anders. In den Quellen fand ich keine Hinweise darauf, dass die neuen Ideen zu Widersprüchen geführt hätten. Der Glaube an Gott wurde nicht hinterfragt. Es galt vielmehr, die neue Geistesbewegung zum Wohle der Kirche zu nutzen.

Förderung von Bildung und Wohlfahrt: Zumindest in der heutigen Zeit klingt das alles sehr positiv. Kein Grund für Ihre Mitbrüder, sie wegen dieser Entdeckung zu ächten.

Klar, jetzt kann man stolz sein auf diese Vorreiterrolle. Bis tief ins 20. Jahrhundert war man darüber allerdings noch anderer Meinung. Man sah diesen Weg als irrige Sackgasse. Den Unmut meiner Mitbrüder aber hätte ich eher mit einer anderen Entdeckung auf mich ziehen können.

Das Kloster Einsiedeln war im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht nur viel stärker vernetzt als bis anhin angenommen, sondern auch in einen Fall von Landesverrat verwickelt:

Als die französischen Revolutionstruppen im Ersten Koalitionskrieg auch in die Eidgenossenschaft einfielen, bekam es der damalige Abt des Klosters Einsiedeln, Beat Küttel, mit der Angst zu tun. In der Folge bat er aber nicht etwa Schwyz oder eidgenössische Verbündete um Hilfe, sondern den Kaiser in Wien.

Blieb die Aktion damals folgenlos?

Nein. Zwar erreichte die Botschaft des Abts nie ihren Empfänger, weil der Überbringer – ein Schwyzer Ratsherr – bereits auf Zürcher Gebiet festgenommen wurde. Aber trotzdem setzte sie einiges in Gang: Mehrere Stände forderten die sofortige Aufklärung des Vorfalls. Nur die Schwyzer Obrigkeit war auffällig darum bemüht, das Vorgefallene herunterzuspielen. Ich vermute, einige Ratsherren wollten den Abt als Mittler nutzen – um dann allenfalls selbst von den kaiserlichen Truppen profitieren zu können. Denn meine Recherchen haben auch gezeigt: Der Kanton Schwyz war meist nur um das eigene Wohl besorgt und kümmerte sich wenig um das der übrigen Eidgenossenschaft.

Das macht die Tat des Abtes allerdings nicht rühmlicher.

Das stimmt – und dürfte der Hauptgrund sein, warum diese Episode über Jahrzehnte, ja gar Jahrhunderte im Archiv sicher verborgen blieb.

Werden Sie weiterhin eifrig die Geschichte umschreiben – jene des Klosters und jene der Innerschweiz?

Erst einmal möchte ich die Früchte der letzten drei Jahre Arbeit geniessen. Es war eine intensive Zeit, gespickt mit unvergesslichen Erlebnissen wie etwa einem mehrwöchigen Aufenthalt im Geheimarchiv des Vatikans. Mittelfristig werde ich aber die Finger wohl nicht von der Geschichte lassen können – auch wenn mir noch kein konkretes Nachfolgeprojekt vorschwebt.

Hinweis:
«Aufbruch und Widerstand. Das Kloster Einsiedeln im Spannungsfeld von Barock, Aufklärung und Revolution» von Pater Thomas Fässler ist 647 Seiten stark – und unter anderem hier für 48 Franken erhältlich. An folgenden Daten hält der Autor öffentliche Vorträge:
- Freitag, 8. März, 17.30 Uhr und Samstag, 9. März, 10.15 Uhr: Bundesbriefmuseum Schwyz
- Samstag, 23. März, 19 Uhr: Vortragssaal der Alten Mühle, Kloster Einsiedeln

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