Interview
«Ich erwarte, dass die Leute spontan sind und auch mal einen Witz vertragen»

Seit 1998 ist René Schlegel Maschgradenvater in Schwyz. Im Samstagsgespräch verrät er dem «Boten», wie viele Kilometer er schon als Maschgrad unterwegs war und wie man es schafft, eine Rott beisammenzuhalten.

Silvia Camenzind
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René Schlegel, Maschgradenvater bei den Schwyzer Nüsslern, freut sich: Das Maschgradenlaufen boomt. Mit ihm und den Tambouren zieht eine grosse, lebendige Rott durch Schwyz.

René Schlegel, Maschgradenvater bei den Schwyzer Nüsslern, freut sich: Das Maschgradenlaufen boomt. Mit ihm und den Tambouren zieht eine grosse, lebendige Rott durch Schwyz.

Bild: Silvia Camenzind

Wie schafft man es, eine quirlige Rott beisammenzuhalten?

Am Vormittag ist es definitiv einfacher, da sind die Maschgraden gerne mit der Rott zusammen. Je später der Nachmittag, umso schwieriger wird es. Da am Nachmittag viele Leute in den Restaurants sitzen, ergibt sich die eine oder andere Begegnung und das eine oder andere Gespräch. Das kann halt länger dauern als die halbe Stunde, die wir in einem Restaurant sind.

Wo verliert die Rott ihre Maschgraden?

Der Hauptplatz ist immer ein Problem. Mitten in den vielen Leuten finden die Maschgraden nicht mehr zu uns zurück. Das ist inzwischen dank unserer Absperrmannschaft viel besser geworden. Sie sperrt mitten auf dem Hauptplatz einen Raum ab, in dem sich die Maschgraden wieder treffen können. Von dieser Absperrung aus zieht die Rott weiter.

Ohne Publikum wäre die Fasnacht nicht lustig. Welche Erwartungen hat der Maschgradenvater an die Zuschauer?

Ich erwarte, dass sie spontan sind und auch mal einen Witz vertragen. Das ist Fasnacht, da sollte man nicht wütend werden. Der Maschgrad seinerseits erwartet in einem Restaurant, dass die Leute, die er unterhält, ihm auch etwas zu trinken anbieten. Der Maschgrad nimmt dies jedoch nicht als Selbstverständlichkeit. Im Gegenzug werden die Kinder und die Erwachsenen von den Maschgraden mit Orangen und Süssigkeiten verwöhnt.

Haben Sie auch Erwartungen an die Wirte?

Die Wirte der Schwyzer Restaurants sind sehr grosszügig gegenüber den Maschgraden. Am Vormittag erhalten diese beim Wirtshausbesuch jeweils ein Einerli Weisswein. Ich persönlich finde es schade, dass die Restaurants kaum mehr dekoriert sind. Früher waren sie wirklich komplett fasnächtlich. Natürlich weiss ich, dass es heute vonseiten der Feuerpolizei strengere Auflagen gibt. Trotzdem fände ich es schön, wenn mehr Restaurants dekoriert wären.

Was macht einen guten Maschgraden aus?

Trägt er seine Maske, ist er ein anderer Mensch – ein Clown, ein wirklicher Narr. Ein guter Maschgrad ist grosszügig und spontan. Übrigens: Viele gute Maschgraden sind in der Klausenzeit auch Samichlaus, auch da ist Spontaneität gefragt. Ein guter Maschgrad reagiert, intrigiert und ist grosszügig. Er zählt den Rappen nicht und verteilt die Orangen an die Leute.

Muss der Maschgrad nüsseln können?

In der Rott ist das nicht das Wichtigste. Wichtiger sind das Intrigieren und das Verteilen.

Haben sich bei den Maschgraden neuzeitliche Mödeli eingeschlichen?

Vielleicht zieht sich der Maschgrad einmal in einen ruhigen Raum zurück, zieht die Maske aus und schaut auf sein Handy. Heute sehe ich dieses Zurückziehen viel weniger als früher. Aus meiner Sicht ist es eine Riesenleistung der Maschgraden, den ganzen Vor- und Nachmittag lang die Maske vor dem Gesicht zu behalten. Selfies kommen vor, sind aber kein Problem. Andere Mödeli kenne ich nicht. Die Fasnacht lebt, sie verändert sich, wie die Gesellschaft sich auch verändert. Das soll so sein.

Was genau hat sich in den letzten 20 Jahren verändert?

Das Maschgradenlaufen insgesamt hat sich positiv verändert. Wir haben heute viel mehr Maschgraden in der Rott als noch vor 20 Jahren, und dies bereits am Vormittag. Vor meiner Zeit, erzählt man, habe es 1. Fasnachtstage gegeben, da musste einer unserer Tambouren in ein Gwändli steigen, damit am Morgen überhaupt ein Maschgrad mitlief. Das hat sich zum Positiven geändert. Wir haben heute schon am Vormittag eine schöne Rott. Insgesamt ist der Maschgrad spontaner geworden und auch trinkfester. In den letzten Jahren habe ich selten einen gesehen, der zu viel getrunken hat. Heute offerieren die Leute den Maschgraden auch gerne einmal ein Wasser, das ist überhaupt kein Problem. Auch in der Mittagspause wird Wasser getrunken. Der Maschgrad ist mündiger geworden.

Warum boomt die Tradition?

Vielleicht trägt dazu bei, dass wir Schwyzer Nüssler den Brauch pflegen. Wir gehen an die Schulen, erklären das Brauchtum, erklären, was das Maschgradenlaufen ist. Erzählen, dass ein Maschgrad in der «Maskere» nicht gut sieht und es deshalb auch einmal passieren kann, dass eines der Kinder weggeschoben wird. Ich glaube, die Mitwirkenden fasziniert, dass sie als Hudi, Blätz oder Zigeuner in eine andere Welt eintauchen können, und das nicht alleine. Man ist in einer Gruppe aufgehoben, die Gruppendynamik wirkt.

Auch wenn der Maschgrad selber eine Maske trägt und nicht weiss, wer die anderen Maschgraden sind?

Ja klar. Insgesamt lässt sich sagen, jede Tradition hat mal mehr, mal weniger Zuspruch. Man muss einfach aufpassen, dass die Tradition nicht verloren geht. Sie kurz vor dem Aussterben wieder zu aktivieren, ist sehr schwierig.

Sie sind nun schon 23 Jahre Maschgradenvater. Dürfen Sie so lange bleiben, wie Sie wollen? Oder gibt es eine Grenze?

Nein, die gibt es nicht. Ich kann selber entscheiden. Ich war sehr jung, als ich Maschgradenvater wurde. Als ich angefragt wurde, benötigte ich eine Woche, um mich zu entscheiden. So jung wie ich war, ging ich doch zwischendurch auch gerne mal maschgradenlaufen. Ich war übrigens letzthin in Seewen an der Abendrott. Da musste ich mich doch etwas in meine Figur einleben, und im Restaurant wäre ich auch gerne lieber länger geblieben.

Was sind die Voraussetzungen für einen Maschgradenvater?

Es muss jemand sein, der immer gerne in der Rott mitgelaufen ist. Vielleicht könnte es auch einmal eine Maschgradenmutter sein.

Als Maschgradenvater ist man ziemlich angebunden. Was sagt die Familie?

Sie kommt auch gerne an die Fasnacht, zudem ist es tagsüber. Wir können auch mal in einem Restaurant zusammensitzen. Mein Sohn ist in der Absperrmannschaft. Meine Tochter Aline ist gerade in der Übergangsphase: zu gross für die Kinderfasnacht, aber noch zu jung für die Rott. Bei diesen Jugendlichen gilt es, den Virus beizubehalten und sie trotzdem bei den Schwyzer Nüsslern zu integrieren. Letzthin waren wir an einem Kinderumzug in Rapperswil. Da konnten die Teenager auch schon mit Masken mitlaufen.

Haben Sie jeweils ausgerechnet, wie lange Sie für die Rott unterwegs sind?

Kürzlich habe ich das. Ich absolviere pro Jahr 40 Kilometer, das vom 1. Fasnachtstag in Schwyz bis zur Kinderfasnacht am Güdeldienstag, und dann kommen noch die Umzüge dazu, an denen wir teilnehmen. Für mich sind das inzwischen 1000 Kilometer, das ist eine Pilgerreise von hier nach Rom – dies mit Trommelbegleitung. Ich finde es wichtig, dass ein Maschgradenvater länger dabeibleibt. Bei einem Zwischenfall erschrecke ich nicht. Ich weiss, wie reagieren. Auch im Ministerrat kann ich meine Erfahrungen einbringen.

Wie ist das Verhältnis zu den Maschgradenvätern anderer Rotten?

Das ist sehr gut. Es ist ein fasnächtlich-neckisches Verhältnis. In diesem Jahr hatten wir erstmals ein Maschgradenvater-Treffen im Talkessel. Das wird weiter gepflegt. Auch die Brunner haben sich noch angemeldet. Das ist schön. Am Blätzverbrennen kommen alle Maschgradenväter aus der Gemeinde zusammen, und wir verbringen zusammen einen lustigen Abend.