Mittelmeermöwe bedrängt einheimische Wasservögel

Anhand der Zählungen der einheimischen Wasservögel lassen sich Klimaschwankungen ablesen. Wie sieht es beim Lauerzer- und Vierwaldstättersee aus? Experten stellen Aussergewöhnliches fest.

Franz Steinegger
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Der Lauerzersee ist ein beliebter «Teich», vor allem für fischfressende Wasservögel. Die Aufnahme entstand anlässlich der Zählung im Januar 2020.

Der Lauerzersee ist ein beliebter «Teich», vor allem für fischfressende Wasservögel. Die Aufnahme entstand anlässlich der Zählung im Januar 2020.

Bild: Pius Kühne

In 134 Ländern werden jeweils am immer gleichen Tag die Wasservögel gezählt. So auch auf unseren heimischen Gewässern wie auf dem Lauerzer- und dem Vierwaldstättersee. Weil Wasservögel sehr mobil sind, können die Bestände der einzelnen Arten stark schwanken. Doch es gibt auch Zeichen, dass sich langfristige und grossräumige Verschiebungen ergeben, in denen sich der Klimawandel spiegelt oder das Nahrungsangebot.

Christoph Angst zählt mit seiner Gruppe vom Vogelschutzverein Wasseramsel Innerschwyz seit sieben Jahren die Enten, Gänse und Schwäne auf dem Küssnachtersee. «Die häufigsten Gäste sind die Gruppe der Tauchenten, die ihre Nahrung am Seegrund holen», weiss er.

Darunter sind insbesondere die schwarz-weissen Reiherenten, die braun-grauen Tafelenten und die Kolbenente mit dem goldenen Kopf und dem roten Schnabel erwähnenswert.

Nahrungsangebot steuert die Migration

«Reiher- und Tafelente zeigen gleichzeitig einen auffälligen Peak in den 1990er-Jahren», erklärt Nicolas Strebel, zuständig für die Wasservogelzählungen an der Vogelwarte Sempach. Vermutlich waren in dieser Zeit grosse Bestände der Wandermuschel Dreissena polymorpha vorhanden. Die Art wanderte Mitte der 1970er-Jahre in den Vierwaldstättersee ein und vermehrte sich rasch. Seit Mitte der 1990er-Jahre geht der Bestand der Reiherente zurück, weil die Seen im Norden nicht mehr zugefroren sind und die Vögel deswegen auch im Norden genügend Nahrung finden und näher bei ihren Brutgebieten überwintern können, ergänzt Christoph Angst. Der Rückgang sei jedoch auch in den rückläufigen und sich qualitativ verschlechternden Feuchtgebieten in den Brutgebieten von Nordeuropa bis Sibirien begründet.

Viele Fischfresser auf dem Lauerzersee

Die leichte Abnahme der Stockente wird auch gesamtschweizerisch festgestellt und hat vermutlich damit zu tun, dass Vögel der zentral- und osteuropäischen Brutbestände immer weniger bei uns überwintern, erklärt Nicolas Strebel. Die Bestände der Tafelente und des Blässhuhns («Tucheli») hingegen haben zugenommen, was sich auf gute Bedingungen für die Armleuchteralge schliessen lässt. Ihr Bewuchs ist ein erfreuliches Zeichen für gute Wasserqualität.

Wie die Zählungen nahelegen, sind auf dem Lauerzersee die Fischfresser – Haubentaucher, Kormorane, Gänsesäger – überproportional gut vertreten. Wesentlich dazu tragen die intakten Schilfbestände am Nord- und Westufer und der Reichtum der Wasserpflanzen bei, welche den Fischen optimale Brutbedingungen bieten. Dies macht den Lauerzersee bezogen auf seine Fläche zum drittfischreichsten See der Schweiz.

Verdrängungskampf auf dem Vierwaldstättersee

Ein Verdrängungskampf zeichnet sich auf dem Vierwaldstättersee ab: Die Lachmöwe wird seit etwa 15 Jahren zunehmend von der viel grösseren und kräftigeren Mittelmeermöwe bedrängt. «Diese ist ein sehr effektiver Räuber, der während der Brutsaison gerne die Nester anderer Wasservögel räumt», sagt Christoph Angst.

Livio Rey von der Vogelwarte Sempach ergänzt: «Sobald die Mittelmeermöwe sich an einem möglichen Brutstandort der Lachmöwe installiert hat, ist ein erfolgreiches Brüten für die Lachmöwe kaum noch möglich. Da mögliche Brutstandorte in der Schweiz rar sind, kann dies zu einer Verdrängung der Lachmöwe führen.»

Wenn Spaziergänger ab und zu «exotische» Enten sichten, seien das «Flüchtlinge aus Volieren», erklärt Christoph Angst. Besonders beliebt sind die farbigen Mandarinenten. «Sie verschwinden wieder, weil sich die Einzelexemplare nicht reproduzieren können», ergänzt der Vogelkenner.