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Geänderte Strassennamen in Schwyz: Der Ernst hinter der Sache

Die Strassennamen-Aktion, bei welcher die Herrengasse zur «Frauengasse» wurde, sorgte online für Entrüstung. Jetzt reden die Aktivistinnen.
Linda Leuenberger

Aktivistinnen haben im Kanton Schwyz in der vergangenen Woche Strassennamen abgeändert. Beim entsprechenden Facebook-Post der Luzerner Zeitung zur Aktion «Frauengasse statt Herrengasse» hagelte es zig Kommentare, wie wir berichtet haben:

Der Tenor der Kommentare ist unverkennbar: Die Aktion wurde nicht goutiert. Leserinnen und Leser warfen vielerlei ungeklärter Fragen auf: Warum sollte man Strassennamen ändern wollen? Haben wir denn keine wichtigeren Probleme, gibt es nichts Besseres zu tun? Heisst denn Frauenfeld im Gegenzug künftig «Herrenfeld»?

Désirée Schibig und Ruth Miksovic sind beide im Frauenstreikkomitee Kanton Schwyz tätig. Sie stellen gleich klar:

«Es ging bei der einmaligen und temporären Aktion darum, auf die weibliche Untervertretung in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.»

Die Strassennamen seien lediglich mit Papier überklebt worden. Es wurde nie beabsichtigt, eine entsprechende Forderung tatsächlich bei den Gemeinden einzureichen, wie die Aktion wohl missverstanden worden sei. Das Ganze sei indes ein schweizweites Unterfangen gewesen, welches am nationalen Frauenstreik-Vernetzungstreffen in Biel gutgeheissen worden ist.

Am vergangenen Dienstag wurden im Kanton Schwyz gemäss Angaben von Miksovic und Schibig in elf Dörfern an die 40 Strassen- und Platznamen geändert. Damit dürfe sich Schwyz als Spitzenreiter sehen, denn nirgendwo sonst wurden in der Schweiz an diesem Dienstag so viele Namensänderungen vorgenommen. Ruth Miksovic erklärt: «Falls Probleme entstanden wären, hätte die Polizei gewusst, bei wem sie sich melden kann. Die neuen Namen bleiben so lange hängen, bis sie jemand wieder wegnimmt.» Bei mehreren Schildern sei dies bereits nach wenigen Stunden der Fall gewesen.

Was konkret geändert wurde

Das Schwyzer Lokalblatt «Rigi Post» zählt ein paar Beispiele der Namensänderungen aus Arth und Goldau auf: Der Rathausplatz wurde zum Frieda-Kamer-Platz, womit die erste Gemeinderätin von Arth geehrt wurde. Die Mythenstrasse wurde zur Marie-Holdener-Strasse umbenannt, eine Änderung zu Ehren der Gründerin der Stiftung Alterszentrum Mythenberg. Weiter wurde aus dem Jägerweg der Jägerinweg, aus dem Pilgerweg der Pilgerinweg, die Rossbergstrasse wurde zur Rosmariestrasse, die Herrengasse zur Frauengasse. Und: Mit einem Augenzwinkern machte man aus dem Tannenweg den Mannenweg. Weitere Beispiele sind unter diesem Link ersichtlich.

Diskriminierung macht sich selber erst möglich

Die Fragen, welche sich die Frauen im Komitee gestellt haben, sind so grundlegend wie einfach: Warum gibt es kaum weibliche Strassennamen? Es könnte doch auch anders sein? Mit diesen Fragen ist die Erkenntnis verbunden, dass Frauen in der Öffentlichkeit generell untervertreten sind. Darin besteht eines der vier Hauptanliegen des Frauenstreikkomitees: Sie fordern mehr Frauen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung.

Die Diskriminierung der Frauen in diesen Lebensbereichen ist auch in der Wissenschaft unumstritten. Adrian Itschert lehrt und forscht an der Universität Luzern und promovierte in Soziologie. Als Experte insbesondere für Ungleichheitssoziologie erforscht er die sozialen Mechanismen, welche zur Ungleichstellung von Mann und Frau führen. Er weist auf herrschende Weltbilder im weiteren gesellschaftlichen Rahmen hin: Auf dem Arbeitsmarkt werden Frauen tendenziell nicht für Karrierelaufbahnen eingestellt, weil sie schwanger werden könnten. Dazu kommen gemäss Itschert geschlechterspezifische Stereotype, nach welchen Frauen eher sozial- als geschäftsorientiert sind und über wenig Durchsetzungsfähigkeit verfügen. Folglich sind sie vermeintlich nicht für Führungspositionen geeignet.

Studien zeigen, dass sich die Katze hier in den Schwanz beisst, wie Itschert weiter ausführt: Frauen in Positionen mit geringen Aufstiegschancen tendieren dazu, eher Wert auf die Beziehung zu Kolleginnen und Kollegen als auf solche zu Vorgesetzten zu legen. Daraus speist sich die stereotypische Annahme, Frauen seien von Natur aus weniger ehrgeizig. Dieser Mechanismus wird in der Soziologie «Feedbackschleife» genannt: Das System der Diskriminierung erschafft und erhält sich selber. Das bedeutet im Prinzip: Wer sich aktiv von Vorurteilen befreit, vermag den Zyklus zu brechen.

Das Ziel: Ungleichheiten veranschaulichen

Dagegen kämpfen also die Frauenstreik-Aktivistinnen: Gegen Stereotypisierungen; gegen veraltete Weltbilder. Die weibliche Bevölkerung soll im öffentlichen Raum besser repräsentiert und Frauenanliegen folglich intensiver diskutiert werden. Désirée Schibig macht folgendes Beispiel, um den Handlungsbedarf zu untermauern:

«Im Schwyzer Kantonsrat findet sich ein Frauenanteil von lediglich neun Prozent; der siebenköpfige Regierungsrat stellt gerade mal eine Frau.»

Die symbolische Strassennamen-Aktion ist eines von mehreren Unterfangen im Vorfeld des nationalen Frauenstreiks. Miksovic und Schibig beharren: Es gehe nicht darum, faktisch mehr weibliche Strassennamen durchzuboxen, der Punkt sei ein anderer: Strassen sind öffentlich, sie sind physisch vorhanden. Greifbar. Änderungen ihrer Bezeichnungen stechen den Leuten ins Auge. An den vorwiegend nicht-weiblichen Namen lasse sich der Missstand, dass Frauen unterrepräsentiert sind, für alle ersichtlich veranschaulichen.

So weit, so gut. Aber: Was bringt's?

Die Sprache beeinflusst das Denken, sind sich die beiden Aktivistinnen sicher. Dies bestätigt auch Adrian Itschert. Es gebe keinen Zweifel daran, dass unser Sprachgebrauch (und die Regeln, denen er folgt) einen Einfluss darauf hat, wie wir die Welt verstehen – was wir als natürlich gegeben empfinden. Die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir Wörter und Bezeichnungen gebrauchen, und darauf aufmerksam zu machen, dass es eben auch anders sein könnte, ist ein Weg, neue Denkweisen zu entwickeln. Und natürlich: alte Denkweisen verblassen zu lassen.

Trotz des überraschenden Shitstorms seien die beiden Aktivistinnen «irgendwo durch froh», so viel Aufmerksamkeit erweckt zu haben. Man werde erst im Nachgang der gesamten Frauenstreikaktionen erkennen können, ob das Ganze Früchte trägt. Bis dahin werden sich die Aktivistinnen unbeirrt weiter für das Durchsetzen von Frauenrechten engagieren, erklärt Ruth Miksovic:

«Wir haben unsere Strategie und das Grundlagenpapier erarbeitet und halten daran fest.»

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