SCHWYZ/LUZERN: Freizügige Kleider aus Schule verbannt

Hotpants und tiefe Ausschnitte sind für die Schüler in Steinen tabu. Und auch in Luzerner Schulen sind Kleiderregeln möglich. In der Arbeitswelt fehlen indes klare Richtlinien.

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Hotpants - was geht noch, was ist too much respektive too less? (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Hotpants - was geht noch, was ist too much respektive too less? (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Heisser Sommer. Und noch «heisser» ist oft die Bekleidung Jugendlicher. Mädchen trifft man in Hotpants, sehr kurzen, engen Hosen, an. Jungs laufen komplett oben ohne herum. Doch was ist, wenn die pubertierenden Teenager nach den Ferien derart aufreizend gekleidet in der Schule aufkreuzen?

«Männliche Lehrer schützen»

Diesem Szenario hat die Bezirksschule Steinen SZ einen Riegel vorgeschoben. Seit Semesterende gilt: keine Hotpants, sichtbare Unterwäsche, tiefen Ausschnitte, bauch- und rückenfreien Oberteile. Wer gegen diese Regel verstösst, wird mit T-Shirt und Boxershorts zwangseingekleidet. Der Grund: «Wir wollen die männlichen Lehrer schützen», sagt Schulleiterin Christa Wehrli gegenüber dem «Blick». Für eine Stellungnahme war sie gestern nicht zu erreichen.

Neu ist die Idee nicht, wie Charles Vincent, Leiter der Dienststelle für Volksschulbildung des Kantons Luzern, auf Anfrage sagt: «Vor fünf, sechs Jahren gab es eine Häufung von Anfragen seitens Schulleitungen an uns, ob man eine solche Kleiderordnung einführen dürfe.» Damals sei sehr knapp geschnittene Kleidung bei den Mädchen aus modischen Gründen sehr beliebt geworden. In letzter Zeit erhalte die Dienststelle jedoch keine neuen Anfragen.

Schulleitung kann eingreifen

Die Schulen dürfen Regeln aufstellen, so Vincent weiter: «Eine Kleiderordnung zu erlassen, liegt in der Kompetenz der Schulleitung beziehungsweise der Schulpflege.» Dies gelte, wenn die Kleidung die Schüler gefährde – etwa das Tragen von Schmuck während des Turnunterrichts – oder wenn die Kleidung den Unterricht störe. Vincent: «So wie Baseball-Mützen bei den Jungs den Unterricht beeinträchtigen, können aus den Hosen hervorblitzende Tangas die Mitschüler vom Unterricht ablenken.»

In den Stadtluzerner Schulhäusern ist das Thema Kleidung bereits seit 2006 in der Schulordnung verankert: «Die Lernenden und Lehrpersonen haben angepasst gekleidet am Unterricht teilzunehmen.» Martin Huber, Bereichsleiter Schulentwicklung und -organisation, sagt: «Bei uns ist zwar nicht klar ­deklariert, welche Kleidungsstücke verboten sind.» Ein Einschreiten liege im Ermessen der Schulleitung und Lehrerschaft. Die Kleidung der Jugendlichen werde nicht als problematisch erachtet: «Es handelt sich höchstens um Einzelfälle. Seitens der Schulleitungen ist ­jedoch nicht mehr Intervention erwünscht», sagt Huber.

Regeln als letzte Massnahme

Gemäss Nik Riklin, Schulleiter Schulen Malters und Präsident des Verbands der Schulleiterinnen und Schulleiter der Volksschulen des Kantons Luzern, muss eine Kleiderordnung die letzte Massnahme darstellen: «Man kann mit den jungen Leuten ja reden, und wenn sich das Problem nicht bessert, die Eltern beiziehen.» Eine Schule müsse abwägen, ob es sich um problematische Einzelfälle handle oder ob die sexy Bekleidung tatsächlich zum Dauerbrenner avanciert sei. So sei die Bekleidung an den Schulen Malters auch nicht reglementiert. Dennoch heisst auch Riklin Hotpants und knappe Oberteile nicht gut: «Schule ist nicht Freizeit, sondern entspricht einer Berufsbetätigung. Deshalb sollen sich die Schüler auch passend kleiden.»

Bauchfrei im Büro?

Apropos Beruf: Was sieht das Arbeitsrecht vor? Darf es im Job bauchfrei sein? «Klare Richtlinien gibt es nicht», erklärt Gabriela Riemer-Kafka, Professorin für Sozialversicherungsrecht und Arbeitsrecht an der Universität Luzern. «Das Gleichstellungsgesetz sagt lediglich, dass der Arbeitsplatz im Sinne von sexueller Belästigung nicht sexistisch sein darf. Das Arbeitsvertragsrecht besagt nur, dass bei einem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Arbeitnehmers die Interessen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber abgewogen werden müssen.» Im Grundsatz müsse der Arbeitgeber die Persönlichkeitsrechte der Arbeitnehmer wahren – dazu gehöre auch die Art, wie man sich kleide. Man müsse aber differenzieren: Betriebe mit ideologischem, religiösem oder politischem Hintergrund dürfen von ihren Arbeitnehmern verlangen, sich den jeweiligen Grundwerten entsprechend zu kleiden. Zum Beispiel: Eine Tierschutzorganisation könnte verlangen, dass keine Lederkleider getragen werden. «Für alle anderen Arbeitgeber gilt: Wenn der Arbeitnehmer Kundenkontakt hat, darf der Arbeitgeber stärker in dessen Persönlichkeitsrechte hineinfunken, als wenn er alleine im Büro arbeitet», erklärt Riemer.

Irene Wüest Häfliger, Expertin für Stilfragen unserer Zeitung, sagt: «Die Mindestanforderung im Beruf ist, dass Schultern, Bauch und die männlichen Beine bedeckt sind.»

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