SCHWYZ/LUZERN: So viele Selbsttötungen gab es noch nie

Die Zahl der Suizide hat 2015 einen neuen Höchststand erreicht. Immer öfter bestimmen die Menschen den Zeitpunkt ihres Todes selbst.

Andrea Müller, Christian Glaus und Gabriela Jordan
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Symbolbild: Ein Schlafmittel fotografiert bei EXIT Schweiz in Zürich. (Bild: KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Symbolbild: Ein Schlafmittel fotografiert bei EXIT Schweiz in Zürich. (Bild: KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Andrea Müller, Christian Glaus und Gabriela Jordan

Die Anzahl der Selbsttötungen im Kanton Schwyz hat 2015 einen auffallenden Höchststand erreicht: 41 Personen haben ihr Leben vorsätzlich beendet, 2014 waren es 32 Personen. Anders ausgedrückt, entspricht das einer Zunahme von rund 28 Prozent. Diese Zahl geht aus der Kriminalstatistik der Kantonspolizei Schwyz hervor. Der Chef der Schwyzer Kriminalpolizei, Stephan Grieder, sagte zu diesem Anstieg letzte Woche bei der Präsentation der Kriminalstatistik: «Im Vergleich zu den letzten zehn Jahren wurde bei den Selbsttötungen ein aussergewöhnlicher Peak erreicht.» Besonders seit 2013 ist eine stetige Zunahme zu beobachten: 2012 waren es 19 Fälle, ein Jahr später 24, 2014 dann 32 und, wie oben erwähnt, im letzten Jahr 41.

Dass die Zahlen ansteigen, habe nicht nur mit dem Bevölkerungswachstum zu tun, wie Grieder erklärte. «Der Anstieg ist zurückzuführen auf die Zunahme der Fälle von begleiteter Sterbehilfe.» Immer mehr Menschen im Kanton Schwyz entscheiden sich demnach für den selbstbestimmten Tod mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation wie zum Beispiel Exit oder Dignitas. Wie die Kantonspolizei auf Anfrage mitteilt, hat sich die Anzahl Selbsttötungen mit Begleitung von Selbsthilfeorganisationen folgendermassen entwickelt: 2013 waren es 4 Fälle, 2014 dann 9 und letztes Jahr 15.

Anstieg auch in Luzern

Ein Anstieg von Suiziden ist auch im Kanton Luzern zu beobachten (siehe Tabelle). Waren es 2012 insgesamt 58 Selbsttötungen, so waren es im letzten Jahr 82. Weitere 59 Personen versuchten sich das Leben zu nehmen. In den restlichen Zentralschweizer Kantonen zeigt sich hingegen kein klares Bild. In Uri und Obwalden haben sich in den letzten Jahren tendenziell weniger Menschen das Leben genommen. In Nidwalden schwankt die Zahl, der Kanton Zug führt in seiner Kriminalstatistik keine Suizide auf.

«Exit» hat immer mehr Mitglieder

Die Vermutung der Schwyzer Kantonspolizei, dass die Suizide aufgrund der Sterbehilfeorganisationen zunimmt, bestätigt sich in der Statistik von «Exit». Im letzten Jahr begleitete die Organisation schweizweit 782 Menschen in den Tod, 2011 waren es 305. Im Kanton Luzern stieg die Zahl im gleichen Zeitraum von 18 auf 40. Laut Bernhard Sutter, Geschäftsführer von Exit, gibt es vier Gründe, weshalb die Organisation mehr Sterbebegleitungen leistet. Hauptgründe seien das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Hochaltrigkeit. Zudem verweist er auf die stark wachsenden Mitgliederzahlen bei Exit. Allein in der Deutschschweiz hätten sich diese seit 2009 fast verdoppelt, von 50 000 auf bald 100 000. Das liege am gesellschaftlichen Wandel, sagt Sutter: «Die Menschen, die sich für eine Mitgliedschaft bei uns entscheiden, sind meist zwischen 50 und 60 Jahre alt. Sie entstammen mittlerweile einer Generation, die einen hohen Wert auf Selbstbestimmung legt – auch wenn es ums Sterben geht.» Als weiteren Grund für das Mitgliederwachstum nennt Sutter die schwächeren religiösen Bindungen als früher.

Dignitas widerspricht

Ein anderes Bild zeichnet die Sterbehilfeorganisation Dignitas. Von einem «Trend» hin zu mehr Sterbebegleitungen zu sprechen, sei irreführend, teilt Dignitas auf Anfrage mit: «In der Schweiz gibt es seit rund 30 Jahren die Möglichkeit der Freitodbegleitung, aber nur rund 1 Prozent aller Sterbefälle erfolgt durch Freitodbegleitungen. Diese Fälle haben sich parallel zum Wachstum der Bevölkerung und der zunehmenden Alterung entwickelt.»

Palliative Care immer wichtiger

Im Kanton Schwyz sind die Fachleute der Palliativstation des Spitals Schwyz (siehe Box) mit dem Thema konfrontiert. 2015 wurden dort 97 Personen betreut, die an einer fortschreitenden, unheilbaren Erkrankung leiden. Bei der palliativen Betreuung wird keine Sterbehilfe angeboten, es werden aber auch keine Massnahmen getroffen, um das Leben um jeden Preis zu verlängern. «Hier sehen die betroffenen Kranken, dass sie nicht leiden müssen und auch mitentscheiden können und die nötige Unterstützung erhalten», sagt die stellvertretende Leiterin der Palliativstation im Spital Schwyz, Ramona Baumann.

Aus Erfahrung weiss sie, dass Betroffene oft einer Sterbehilfeorganisation beitreten, weil sie das Gefühl haben, anderen nur noch zur Last zu fallen, keinen Platz mehr in der Gesellschaft zu haben, oder Leiden befürchten. Ausserdem würden sie beitreten, weil sie nicht wüssten, dass palliative Betreuung als Alternative existiere. «Über Exit wird viel in der Presse diskutiert, die palliative Betreuung hingegen ist noch fast unbekannt.»

Dass solche Gründe Menschen dazu bewegen, den Freitod als Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, findet Baumann problematisch. Auf der Palliativstation im Spital Schwyz sind momentan fünf Betten vorhanden. Die Nachfrage sei sehr gross und steige stetig an, sagt Baumann. «Wir wollen das Angebot Palliative Care weiter ausbauen.»

Schwyz bezieht keine Position

In der schwyzerischen Gesetzgebung gibt es keine spezifischen Regelungen zum Thema Sterbehilfe. Es gelten die Normen und Bestimmungen des Strafgesetzbuches. Demnach ist Suizidhilfe durch Organisationen wie Exit nicht strafbar, solange keine selbstsüchtigen Motive vorgeworfen werden können. Wie Martina Trütsch, Leiterin der Abteilung Spitäler beim kantonalen Amt für Gesundheit und Soziales, sagt, habe man Alters- und Pflegeheimen empfohlen, in ihrem Leitbild zu thematisieren, ob die indirekte aktive Sterbehilfe möglich ist. «Das Departement des Innern hat keine Position zu Sterbehilfe bezogen. Das ist auch nicht vorgesehen», sagt Trütsch. 

Luzern regelt Sterbehilfe

Anders sieht es in der Stadt Luzern aus. Bewohner von städtischen Pflegeheimen und Pflegewohnungen dürfen mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation Suizid begehen. Dafür müssen sie das Heim nicht mehr verlassen. Der Grosse Stadtrat hat im Dezember 2011 einen entsprechenden Bericht des Stadtrats zustimmend zur Kenntnis genommen. Das Recht auf Selbstbestimmung sei hoch zu gewichten, hiess es damals im Rat. Schutzbestimmungen sollen aber verhindern, dass etwa von Angehörigen Druck auf einen Bewohner ausgeübt wird.

amu/red

Bild: Tabelle Neue LZ

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