Interview

Die Vehikel dieses Stansstaders ziehen alle Blicke auf sich: Seit 25 Jahren ist Stefano mit dem Dreirad auf Achse

Stefan Heer (60) aus Stansstad fährt seit Jahren Piaggio «Ape». Der Schulhausabwart rüstet sein Fahrzeug bei Bedarf vom Wohnmobil zum Pizzaofen um. Bald aber sagt er der italienischen Biene arrivederci – dem Dreirad bleibt er wohl trotzdem treu.

Roger Rüegger
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Stefan Heer mit seiner Ape und seinem Dreirad. (Bild: Nadia Schärli, Stansstad, 16. Mai 2019)

Stefan Heer mit seiner Ape und seinem Dreirad. (Bild: Nadia Schärli, Stansstad, 16. Mai 2019)

Im Strassenverkehr sind normale Leute mit vier oder zwei Rädern unterwegs. Sie fahren auf dreien. Haben Sie eines zu viel oder zu wenig?

Stefan Heer: Ansichtssache. Man kann sagen, ich habe ein Rad ab. Aber ich wurde nur rückfällig. Schon als Kind fuhr ich Dreirad.

Eines Ihrer Fahrzeuge ist ein Wohnmobil. Sehr exklusiv?

Da bin ich nicht der Einzige. Ich fahre seit vielen Jahren mit meinen Freunden vom «Piaggio Power Club Obwalden» an Treffen. Dabei wird meistens campiert. Früher schlief ich auf der Brücke unter einem Verdeck. Das war aber nicht heimelig. Zudem wollte mich meine Frau Chatkamol nie begleiten.

Kann man nachvollziehen. Ihre Ape ist nett anzuschauen, bequem scheint die aber nicht zu sein. Weder zum Reisen noch zum Schlafen.

Es ist ganz okay, wenn man es nicht übertreibt. Eine längere Fahrt planen wir im Voraus gut. An einem Tag fahren wir höchstens sechs Stunden. Jedoch nie am Stück. Mit so einem Fahrzeug passiert man Orte, die man sonst nie sieht. Weil man relativ gemütlich unterwegs ist, sieht man mehr von der Umgebung als im Auto oder auf dem Motorrad. Man macht auch öfters Pause.

Wo haben Sie den Wohnmobil-Aufbau gefunden?

Nirgends. Er entstand nach meinen Plänen. Bauen liess ich die Kabine in Süddeutschland von einem Spezialisten. Den Innenausbau habe ich dann selber gemacht.

Wieso können Sie so etwas?

Ich bin Modellbauer und arbeitete neun Jahre im Schiffsbau. Ich kann mit meinen Händen schon etwas herstellen. Seit 16 Jahren bin ich zudem Hauswart auf einer grossen Schulanlage in Luzern.

Welche Reichweite hat Ihre Ape?

Spätestens nach 150 Kilometern muss ich tanken. Wenn man bedenkt, dass ich für 100 Kilometer drei Stunden benötige, ist es nicht dramatisch. Ich will ja nicht schnell am Zielort ankommen. Ich fahre Dreirad, um mich zu erholen und herunter zu fahren.

Sie sagten, Ihre Frau habe am Anfang nicht bei Ausfahrten mitmachen wollen. Wie ist es Ihnen gelungen, sie zu überzeugen?

Bei der ersten Italienreise fragte sie schon nach zwei Stunden, wann wir wieder heimfahren. Ich antwortete, wir befänden uns bereits auf dem Heimweg. Bei uns ist der Weg ebenso wichtig, wie das Campieren am Zielort. Wir machen immer eine Rundreise und fahren kaum eine Strecke zweimal. Daher sind wir bei der Abreise bereits auf der Rückreise.

Der TV-Sender Kabel 1 hat einen Vergleich Ihres Mikro-Wohnmobils mit dem grössten der Schweiz angestellt. Die Ape ist chic, aber das Motorhome hatte auch Klasse. Wie neidisch waren Sie?

Niemals würde ich mein «Cucciolo» tauschen. Auch nicht, wenn ich viel Geld hätte. Meine Frau ist glücklich mit dem «Welpen». Das grosse Mobil ist zu sperrig und reizt mich nicht.

Haben Sie gute Beziehungen in der Heimat des Piaggios?

Wir kennen viele Leute in Norditalien und pflegen die Freundschaften. Ein Architekt aus Mailand etwa half mir, einen Motor aus dem Süden zu organisieren. Er bestellte die Maschine an seine Adresse, ich musste die Ware nur noch bei ihm abholen.

Fährt der Mann aus Mailand auch so viele Kilometer wie Sie und Ihre Frau?

Das ist kein Vergleich. Obwohl wir oft unterwegs sind, legen wir nicht aussergewöhnlich viele Kilometer zurück. Etwa 3000 im Jahr. Der Mann aus Mailand hingegen war schon in Ägypten und er fuhr sogar von Lissabon nach Peking. Für seine Ape nimmt er sich mehr Zeit als ich.

Darauf kommen wir noch zu sprechen. Ihre Ape nutzen Sie nicht nur zum Campieren, Sie sind mit ihr auch als Pizzaiolo Stefano Giacomo unterwegs.

Mein Bruder Giovanni Alfonso hatte vor 25 Jahren einen mobilen Pizzaofen aus Chromstahl angefertigt. Er wollte damit auf Tour gehen. Seine Idee war, dass der Ofen auf einem Autoanhänger transportiert wird. Ich intervenierte, weil ich fand, ein Pizzaofen gehöre auf ein typisches Italo-Fahrzeug.

Womit Sie recht hatten?

Mein Bruder meinte, dann solle ich ein passendes Fahrzeug auftreiben.

Nichts leichter als das, oder?

Es gab schon Probleme. Dank den Abgasvorschriften durfte damals keine Ape importiert werden. So musste ich ein Occasion-Fahrzeug in der Schweiz finden. Am Schluss waren es vier!

Eine hätte nicht ausgereicht?

Wir waren vier Männer, die mit Schürzen, Pizzaiolo-Hemden und Kopfbedeckungen an Hochzeiten, Firmenanlässen und Geburtstagen als «Pizza Mobile Lucerna» Gäste verpflegten. Fünf bis zehn Italianità-Anlässe hatten wir pro Jahr.

Damit wurden Sie nicht reich!

Für mich war es reine Selbstbefriedigung. Wir wollten unser Hobby nicht gewinnbringend betreiben. Wenn etwas hängen blieb, machten wir mit unseren Frauen einen schönen Abend. Sie mussten uns oft entbehren, also sollten sie entschädigt werden.

Warum reden Sie jetzt in der Vergangenheit?

«Pizza Mobile» ist Geschichte. Ende April waren wir zum letzten Mal mit dem Pizzaofen auf Achse. Wir lebten die Geschichte viele Jahre mit Leidenschaft, jetzt schliessen wir das Kapitel.

Einfach so?

Es war gut, nun wurde es Zeit loszulassen. Auch von meinen Apes verabschiede ich mich. Die Cucciolo und die grüne Calessino für sechs Personen, mit der ich Apérofahrten für Hochzeitspaare machte, gebe ich weg. Meine Tage in der Schweiz sind nach meiner Pension gezählt.

Sie haben vor, nach Thailand, in die Heimat Ihrer Frau, zu ziehen. Moment mal, dort gibt’s doch Tuk Tuks, dreirädrige Fahrzeuge?

Ja, davon habe ich gehört... (schmunzelt)

Sie werden doch nicht loslassen können, stimmt’s?

Ich könnte schon. Ich habe aber tatsächlich eine Idee.