SERIE: Anita Müller ist die Unbekannte Heldin 2013

Anita Müller (56) wurde am Dienstagabend von einer Jury zur Unbekannten Heldin des Jahres 2013 gewählt. Sie pflegt ihren behinderten Sohn André mit viel Ausdauer und Liebe.

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Anita Müller aus Buchrain ist die Unbekannte Heldin des Jahres 2013. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Anita Müller aus Buchrain ist die Unbekannte Heldin des Jahres 2013. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Anita Müller aus Buchrain ist nicht die Art von Frau, die gerne im Rampenlicht steht. Schliesslich lebte sie die letzten 34 Jahre zurückgezogen im Kreis ihrer Familie, und sie wird dies auch nachher wieder tun. Nachher, das ist nachdem sie gestern auf die Bühne schritt, um sich von der «Neuen Luzerner Zeitung» zur Unbekannten Heldin des Jahres 2013 küren zu lassen.

Eigentlich war es mehr der Bühnenrand, an den sie sich zuerst stellte. Schliesslich nahm sie die Auszeichnung in Form eines Pokals und den Anerkennungspreis von 3000 Franken aber strahlend und mitten im Scheinwerferlicht entgegen: «Es ist schön, dass so viele Leute schätzen, was ich mache», sagte sie dem Publikum. Und das, wo sie doch eigentlich nur ihre Arbeit mache.

Anita Müller pflegt ihren schwerbehinderten Sohn André nun seit 34 Jahren ohne Gegenleistung, nicht einmal ein Lächeln ist ihr vergönnt. André wiegt bloss 30 Kilogramm und muss den Grossteil seiner Nahrung über eine Magensonde aufnehmen. Trotzdem haben Anita und ihr Mann Robert Müller ihren Sohn nie aufgegeben, versuchen ihm sein Leben Tag für Tag etwas zu erleichtern. So sitzen sie gemeinsam stundenlang auf einer sonnigen Bank vor dem Haus, wo die Mutter André Geschichten erzählt oder ihn einfach liebevoll im Arm hält. «Ich habe mich verändert durch André», sagt Anita Müller, «ich bin zufriedener geworden.»

Rekord bei Abstimmungen

Die «Neue Luzerner Zeitung» zeichnete am Dienstag im Hotel Schweizerhof zum dritten Mal einen Unbekannten Helden des Jahres aus. Fast 150 Personen besuchten die Jahresehrung, darunter namhafte Grössen aus Politik, Kultur und Wirtschaft – wie FCL-Präsident Rudolf Stäger, VBL-Direktor Norbert Schmassmann oder die ehemaligen Stadtpräsidenten Urs W. Studer und Franz Kurzmeyer.
Wie gut sich das Projekt etabliert hat, zeigte sich zudem am Rekord der Abstimmungen für die Quartalshelden: Über 3000 Stimmen gingen während des Jahres per E-Mail und Telefon ein. Ein Redaktionsausschuss wählte aus Leservorschlägen pro Quartal zwei Personen aus, die in der Zeitung porträtiert wurden. Die Leser stimmten dann für ihren Favoriten ab. Für Jurypräsident Franz Steinegger ist klar, was die «Unbekannten Helden» ausmacht: «Die Gesellschaft lebt vom Engagement Einzelner, die sich im Stillen einsetzen.» Eigentlich hätten alle den ersten Rang verdient, meinte Steinegger. Dass Anita Müller bereits seit 34 Jahren Tag für Tag ihren Sohn pflege – und damit auch die Gesellschaft entlaste, habe die Jury aber so tief beeindruckt, dass sie als Heldin gewählt wurde. Auf das uneigennützige Engagement ging auch der ehemalige Luzerner Stadtrat Ruedi Meier, der als Gastreferent seine Gedanken zum Heldentum kundtat, ein.

Freiwillig für Gesellschaft

Ebenfalls nominiert waren Martha Zimmermann (43) aus Gunzwil, die ihren Ehemann seit einem schweren Motorradunfall betreut, sowie Leo Steffen (75) aus Buonas, der seine Freizeit für betagte Menschen einsetzt. Zu guter Letzt zählte Heiri Heer (55) aus Horw zu den nominierten Quartalshelden, der seit 30 Jahren Anlässe für ehemalige Knechte organisiert. Heiri Heer galt denn auch die Überraschung des Abends, die ihm den Apéro nach der Feier nicht nur kulinarisch versüssen sollte: Das Turner-chörli Horw sang ihm überraschend ein Ständchen.

Offiziell führte der Luzerner Bruno Rigassi durch den Abend, der mit Liedern wie «My Way» von Frank Sinatra oder «Je ne regrette rien» von Edith Piaf auch inhaltlich die richtigen Töne traf.

Der Entscheid fiel fast einstimmig

Alt Nationalrat und Jurypräsident Franz Steinegger stellte in der gemeinsamen Diskussion zur dritten Wahl des «Unbekannten Helden des Jahres» zu Beginn fest, dass sich die Bevölkerung im vergangenen Jahr ausschliesslich für Quartalshelden entschieden hat, die längerfristige soziale Engagements wahrnehmen. Daran knüpfte die fünfköpfige Jury, bestehend aus alt Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz, alt Nationalrat Franz Steinegger, Verwaltungsratspräsident der LZ Medien Holding AG Erwin Bachmann, der Obwaldner Regierungsrätin Esther Gasser Pfulg und Beat Villiger, ehemaliger Direktor des Schweizer Paraplegiker-Zentrums in Nottwil, an.

Entscheid für mühsamen Weg

Mit Anita Müller wurde eine Mutter geehrt, die seit 34 Jahren ihren schwer behinderten Sohn André pflegt. Esther Gasser Pfulg, die selber mit einem behinderten Vater aufwuchs, begründete ihre Bewunderung für die 56-jährige Mutter so: «Ist man in einer solchen Situation, entscheidet man sich immer und immer wieder für den mühsameren Weg. Das muss eine riesige Liebe sein, für die man praktisch sein eigenes Leben aufopfert.» Mit vier von fünf Stimmen wählte die Jury deshalb Anita Müller fast einstimmig als Unbekannte Heldin des Jahres.

«Ungeschminkte Helden»

Ruedi Meier, der ehemalige Sozialdirektor der Stadt Luzern, setzte sich gestern in seiner Gastrede mit dem Begriff des Helden auseinander. Erste Erfahrungen mit dem Begriff machte er bereits als kleiner Bub: «Wenn ich mit wohl- temperiertem Anlauf in Penaltymanier den Fussball an die Hausmauer zirkelte, aber stattdessen die wunderschönen Rosen meiner Mutter fledderte, so lamentierte sie: ‹Du bist mir ein schöner Held!›»

In seinem Leben als Historiker, Stadtrat und interessierter Zeitgenosse habe ihn der ambivalente Heldenbegriff begleitet. Als Beispiele führte Meier Namen wie Josef Stalin an – von manchen verehrt, von anderen gehasst. «Ob ein Leben als heldenhaft gewürdigt wird, hängt offensichtlich von der Sichtweise und Werthaltung ab», folgerte Meier.

«Alle verdienen Anerkennung»

Trotzdem fand er: «Es gibt Leistungen, die ungeschminkt als heldenhaft bezeichnet werden können.» Da würden Engagements im Vordergrund stehen, in denen Leute sich mit allen Kräften, zuverlässig für längere Zeit oder mutig und kurz entschlossen für ihre Mitmenschen einsetzten. Solche Menschen seien die gestern Nominierten: «Alle vier Frauen und Männer erbringen auf ihre Art eine besondere Leistung, die höchste Anerkennung verdient.»

Rahel Schnüriger