Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Interview

Sie leistet in Baar Entsorgungsdienst mit einem Hauch Nostalgie

Sonja Steiner (33) ist in ihrer Heimatgemeinde bekannt wie ein bunter Hund. Die Mutter eines zweijährigen Buben tourt mit ihrem Rösslitram durch Baar und holt mit Ross und Wagen recyclierbaren Abfall bei den Leuten zu Hause ab.
Roger Rüegger
Rösslitram Baar: Sonja Steiner ist die Fuhrhalterin und sammelt mit Leuten vom GGZ Recyclingmaterial ein. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

Rösslitram Baar: Sonja Steiner ist die Fuhrhalterin und sammelt mit Leuten vom GGZ Recyclingmaterial ein. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

(Telefongespräch)

Sonja Steiner, Sie behaupten, einen schönen Job zu haben. Mit Ross und Wagen unterwegs zu sein, ist romantisch. Den Abfall anderer Leute zu transportieren, finde ich nicht prickelnd. Erklären Sie.

Begleiten Sie mich auf einer Tour, dann wissen Sie, was ich meine. Aber ziehen Sie sich warm an.

Am nächsten Tag sitze ich neben Sonja Steiner auf dem Kutschbock. Dienstagmorgen, 8.30 Uhr, minus 6 Grad. Spassfaktor unter null.

Finden Sie die Arbeit auch bei diesen Temperaturen lässig?

Mir kommt es nicht auf das Wetter an. Ich habe gesagt, dass es kalt ist. Ich ziehe mich warm an, habe eine Kanne Tee und bin gut ausgerüstet. Ja, die Arbeit ist gut. Meine Helfer leiden vielleicht mehr unter der Kälte. Es sind stellenlose Menschen, darunter auch Asylbewerber, die im Rahmen einer Arbeitsintegrationsmassnahme der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug beschäftigt sind.

Was ist das Rösslitram?

Ich und manchmal auch meine Schwester fahren vier Tage pro Woche mehrere Haltestellen an. Meistens warten Leute auf uns, um ihren Abfall zu entsorgen.

Finden Sie das nicht seltsam? Auf die Güselabfuhr wartet doch sonst niemand.

Die kommt ja nicht immer zur selben Zeit – und nicht mit Ross und Wagen. Wir sind schon eine kleine Attraktion in Baar. Klar, für manche Leute sind wir nur die Recyclingtruppe, andere aber warten darauf, um mit uns zu plaudern und ihre Geschichten zu erzählen. Es gibt auch manchmal Schoggi für mich und Rüebli für die Pferde. In einigen Quartieren wurde das Rösslitram zu einem Treffpunkt. Die Bewohner unterhalten sich noch lange, nachdem wir weg sind.

Das Rösslitram ist also auch eine soziale Geschichte?

Unbedingt. Die Helfer kommen gerne mit und sortieren das Material auf dem Wagen. Dadurch haben sie eine Tagesstruktur, und ihnen wird dieselbe Wertschätzung entgegen gebracht wie mir.

Wie zeigt sich diese?

Bei der Tour am Donnerstag hat uns über mehrere Jahre ein älteres Paar Kaffee und Guetzli offeriert und sich mit uns unterhalten. Einmal sagte die Frau einen Arzttermin ab, weil sie denen vom Rösslitram Kaffee ausschenken wollte. Solche Dinge machen diese Arbeit fast unbezahlbar.

Die kleine Gioia Messina bringt bei der Haltestelle Zugermatte Recyclingmaterial zum Rösslitram (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

Die kleine Gioia Messina bringt bei der Haltestelle Zugermatte Recyclingmaterial zum Rösslitram (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

Aber nur fast. Sie sind von der Gemeinde Baar angestellt.

Ich bin selbstständig im Auftrag der Gemeinde unterwegs.

Kennt man Sie im Ort gut?

Hier bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Natürlich kennen mich die Leute. Viele aber auch erst als Kutscherin. Wenn ich einkaufen gehe, werde ich immer angesprochen.

Kennt Sie das ältere Paar von früher oder vom Rösslitram?

Erst durch den Güseldienst. Aber die beiden warten nicht mehr. Der Mann ist gestorben und die Frau erkrankte später im Altersheim. Das ist die andere Seite meines Berufs. Wenn jemand nicht wie gewohnt wartet, macht man sich Sorgen und befürchtet, dass etwas geschehen ist.

Wie verhalten sich die Verkehrsteilnehmer, wenn Sie mit Ihrer Kutsche fahren?

Den einen sind wir ein Dorn im Auge, weil wir langsam unterwegs sind. Es gib solche, die rücksichtslos überholen. Andere sind dafür umso freundlicher und trauen sich kaum in unsere Nähe.

Wie reagieren die Pferde im Strassenverkehr?

Meine Schwester, mein Vater und ich besitzen fünf Pferde, die wir einspannen. Die Tiere sind alle recht ruhig und wissen, wie der Karren läuft. Nur einer ist etwas scheu in der Nähe von Lastwagen.

Ich sehe, dass die Stute Soraya öfters den Wallach Exgüsi neckt. Was soll das?

Sie ist eine Stute und manchmal etwas zickig. Heute zum Beispiel wollte sie nicht eingespannt werden und lief mir davon. Pferde haben ihre launigen Tage wie wir Menschen. Es gibt auch Touren und Orte, wo sie nicht gerne hingeht. Im Dorf und am Bahnhof wird sie zum Beispiel unruhig.

Und Exgüsi?

Den spannen wir erst seit zwei Jahren vors Rösslitram. Vorher wurde er an der Gotthardkutsche eingesetzt. Das war eine gute Schule für ihn. Er kann jetzt fast alles. Aber er ist ein «Tschaupi». Man muss ihm die Hufeisen häufiger wechseln als den anderen Pferden. Und er ist sehr sensibel.

Nach einer Tour durch das Dorf entsorgt Sonja Steiner die Werkstoffe im Ökihof. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

Nach einer Tour durch das Dorf entsorgt Sonja Steiner die Werkstoffe im Ökihof. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 31. Januar 2019))

Bevor wir bei der zweiten Station Halt machen, springen die Helfer für die Znünipause vom Wagen. Sonja nimmt Recyclingmaterial entgegen und sortiert Karton, Glas sowie Büchsen. Wir unterstützen sie und erfahren die Wertschätzung der Leute selber. «Thank you dear», sagt eine Frau, die einen Stapel Karton herbei trägt.

Was machen die Leute, wenn das Rösslitram Pause hat?

Das haben wir über Weihnachten erlebt, als wir zwei Touren ausfallen liessen. Nur wenige haben ihren Abfall selber in den Ökihof gebracht. Wir haben Berge von Geschenkpapier und vor allem Glas aufgeladen. Das Rösslitram ist offensichtlich ein Bedürfnis. Ganz sicher für die älteren Leute und jene, die nicht mobil sind.

Haben Sie einen Fahrausweis für die Kutsche?

Den habe ich seit 2008. Ich finde es richtig, wenn man in meinem Job eine Ausbildung für Kutschen hat, obwohl das nicht Pflicht ist.

Was wird an der Kutscherprüfung verlangt? Seitwärts parkieren und so?

Das nicht. Aber wie man die Zügel nach der Achenbach-Methode hält, das Ein- und Ausspannen der Tiere und Kutschenkunde. Man muss den Wagen kennen, auf dem man fährt. Die Fahrpraxis wurde auch geprüft. Mit Kutschen muss man exakter manövrieren als mit Autos.

Haben Sie sich mit dem Rösslitram einen Wunsch erfüllt?

Im Gegenteil. Ich kannte zwar meinen Vorgänger, aber ablösen wollte ich ihn zuerst nicht. Als Landschaftsgärtnerin bin ich es gewohnt, mit den Händen anzupacken, deshalb wollte ich den Job nicht. Die Entsorgungsdienstleistung macht mir aber Freude und mit dem Misten und Pflegen der Pferde kommt die körperliche Arbeit nicht zu kurz. Zudem biete ich auch Gesellschaftsfahrten mit Kutschen an.

Also haben Sie mit der Gartengestaltung aufgehört?

Es würde mich reizen. Aber mit fünf Pferden, einem Mann, dem Hof und unserem zweijährigen Sohn wird es nie langweilig.

Fährt Ihr Sohn später mit?

Das tut er heute schon im Kindersitz. Wenn er dabei ist, haben die Leute noch mehr Freude an uns.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.