Sie pflegt ihren dementen Nachbarn

Nein, in die Zeitung wolle sie nicht. Und auf ein Foto schon gar nicht. Oder höchstens am Rand. Denn was sie mache, sei ja nichts Aussergewöhnliches. Theres Truttmann (74) versteht deshalb die Aufregung um ihre Person nicht so ganz.

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Theres Truttmann (74) hilft ihrem Nachbarn Paul Althaus (86) im Alltag. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Theres Truttmann (74) hilft ihrem Nachbarn Paul Althaus (86) im Alltag. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Für ihre Tochter Ursi Truttmann ist die Rentnerin aus Attinghausen jedoch eine Heldin. Denn Theres Truttmann kümmert sich ganz uneigennützig um ihren betagten Nachbarn Paul Althaus (86). «Ohne grosses Aufsehen leistet meine Mutter eine immer seltener werdende Nachbarschaftshilfe», sagt Ursi Truttmann.

Er läutet zu jeder Tageszeit

Truttmann wohnt in einem Dreifamilienhaus im untersten, Althaus im obersten Stock. Vor zwei Jahren ist die Frau von Paul Althaus verstorben. Seither lebt der frühere Mechaniker und leidenschaftliche Schütze allein in seiner Wohnung. Und das trotz fortgeschrittener Demenz. Mehrmals täglich läutet Althaus bei Theres Truttmann. «Welcher Tag ist heute?» fragt er. Bei unserem Besuch ist es Mittwoch.

Mehrmals muss ihn Theres Truttmann daran erinnern, dass er heute, am Mittwoch, nicht in der «Krone» essen gehen kann. Sie macht das mit einer Engelsgeduld. Und sie lässt sich durch Althaus in ihrem eigenen Tagesablauf nicht stören. «Wenn er nachts läutet, öffne ich die Tür nicht, sondern schlafe weiter. Und wenn ich zum Jassen gehe oder meine Tochter zwei Tage besuche, bin ich halt einfach nicht da. Ich lebe mein Leben weiter», sagt Theres Truttmann. Sie selbst ist seit vielen Jahren Witfrau, hat eine Tochter und einen Sohn und drei Grosskinder.

Verwandt ist sie nicht mit Paul Althaus, aber sie wohnen seit mehr als 40 Jahren unter dem gleichen Dach. Sie macht ihm die Wäsche, schaut, dass er im Sommer nicht mit dem Wollpullover oder im Winter nur im T-Shirt bekleidet seinen Rundgang durchs Dorf antritt. Die Spitex schaut regelmässig vorbei. Für die finanziellen Belange hat Althaus einen Beistand. Für Theres Truttmann aber ist klar: Wenn sie nicht wäre, müsste Paul Althaus in ein Altersheim. Und das kommt für den dementen Rentner nicht in Frage.

Lieber gehe er in die Reuss als ins Heim, pflegt er zu sagen. «Ich wünsche mir, dass Paul einmal in seiner Wohnung einschlafen kann», sagt Theres Truttmann. Und: «Am Tag, an dem sie ihn fürs Heim abholen kommen, werde ich nicht da sein. Das würde mir zu fest weh machen.» Mit Kniffs gegen das Risiko Ein Demenzkranker alleine in seiner Wohnung – das birgt auch gewisse Risiken. Was, wenn er vergisst, den Herd auszuschalten? Theres Truttmann ist sich dieses Risikos bewusst.

Sie hat deshalb mit kleinen Kniffs vorsorgen lassen. Der Herd bei Paul Althaus schaltet sich nach drei Minuten automatisch ab. «Das reicht, um ein Chacheli Milch zu wärmen», sagt Theres Truttmann. Althaus vergesse viel, und die Krankheit werde schlimmer. Trotzdem sagt Theres Truttmann: «So lange er noch weiss, wo er wohnt, kann er hier bleiben.»

Christian Bertschi