SINS: 9000 Patienten sollen nicht ohne Arzt sein

Der Gemeinderat will das Ärztezentrum erhalten und steht in Kontakt mit der Praxisgruppe Schweiz AG, die bereits 26 Hausarztpraxen betreibt. Das Unternehmen will den Betrieb nahtlos weiterführen.

Cornelia Bisch
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Aufatmen in Sins: Die Praxisräume des Ärztezentrums Sins werden nicht geschlossen. (Bild: Cornelia Bisch (28. Mai 2017))

Aufatmen in Sins: Die Praxisräume des Ärztezentrums Sins werden nicht geschlossen. (Bild: Cornelia Bisch (28. Mai 2017))

Überraschend waren der Gemeinderat und die Bevölkerung im Frühling dieses Jahres durch die Leitung des Spitals Muri von der Schliessung des Ärztezentrums Sins per Ende Juli 2017 in Kenntnis gesetzt worden. «Wir waren schockiert darüber, einerseits so spät und andererseits fast gleichzeitig mit der Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein», berichtet Gemeinderat Marco Meier. «In dieser kurzen Zeit war es kaum möglich, eine vernünftige Anschlusslösung zu finden.» Dass das Ärztezentrum Sins, das rund 9000 Patienten plus zwei Altersheime medizinisch versorgt, erhalten werden muss, war für den Gemeinderat klar.

Aus der Zeitung erfuhr Joseph Rohrer, Verwaltungsratspräsident der Praxisgruppe Schweiz AG, von der Schliessung und nahm Kontakt mit dem Gemeinderat auf. «Als mir klar wurde, um wie viele Patienten es geht, beschloss ich, der Gemeinde ein Angebot zu unterbreiten», erzählt Rohrer. Sein 2008 ge­gründetes, äusserst schlankes Unternehmen mit Hauptsitz in Hünenberg betreibt insge-samt 26 Hausarztpraxen in der Deutschschweiz, davon 10 im Kanton Aargau, mit rund 160 angestellten Ärzten und Medizinischen Praxisassistentinnen. «Wir konzentrieren uns ausschliesslich auf die klassische Hausarztmedizin und suchen Nachfolgelösungen in ländlichen Gebieten, gründen also keine neuen Praxen», so Rohrer. Er einigte sich mit der Gemeinde Sins und dem Spital Muri darauf, dass die Praxisgruppe Schweiz AG das Ärztezentrum Sins als Eigentümerin und Betreiberin übernehmen wird. «Wir haben ein ganz eigenes Führungs- und Entschädigungsmodell», erklärt Rohrer. «Nicht die Praxisgruppe steht im Vordergrund, sondern die Ärzte und deren Beziehungen zu den Patienten.» Im Klartext heisst das, das Unternehmen entlastet die Ärzte in sämtlichen administrativen Belangen, lässt ihnen aber im medizinischen Bereich vollkommene Freiheit. «Wir machen ihnen keinerlei Behandlungsvorschriften.» Ihr Einkommen ist gleich hoch wie jenes normal niedergelassener Hausärzte. «Wenn jedoch der letzte Patient die Praxis verlässt, hat bei uns auch der Arzt Feierabend.» Rohrer hat bereits zwei qualifizierte Hausärzte aus dem deutschsprachigen Ausland gefunden, die für den Praxisbetrieb in Frage kämen.

Schwierige gesetzliche Situation

«Beide entsprechen den Anforderungen und haben bereits mehrere Jahre in einer Schweizer Praxis gearbeitet», so Rohrer. Jedoch verfügen beide nicht über die dreijährige Erfahrung in einer FMH-anerkannten Weiterbildungsstätte, welche die gesetz­lichen Vorgaben des Kantons Aargau verlangen. Also kommen die beiden Ärzte für Sins nicht in Frage. Der Kanton hat damit die verschäfte, strikte Regelung des Bundes übernommen. «Im Gegensatz beispielsweise zum Kanton Zug sind im Aargau auch keine Ausnahmeregelungen möglich», betont Rohrer, was die Personalsuche enorm erschwert.

Für eine solche Ausnahmebewilligung jedoch will sich der Gemeinderat Sins noch diese oder nächste Woche direkt beim Regierungsrat einsetzen, wie Marco Meier betont. «Wir müssen auf politischer Ebene Einfluss nehmen, damit eine vernünftige Lösung gefunden wird. Es kann ja nicht sein, dass ein so grosses Einzugsgebiet ohne hausärztliche Versorgung bleibt.»

«Wir geben nicht auf», bekräftigt auch Joseph Rohrer. Geplant ist eine nahtlose Weiterführung der Praxis, eventuell mit zirka einwöchigem Unterbruch wegen technischer Anpassungen und Renovationen. Die Verträge der beiden momentan noch praktizierenden Ärzte des Zentrums laufen Ende August aus. Die Medizinischen Praxisassistentinnen würde man gerne übernehmen. Es ist jedoch nicht klar, inwieweit das noch möglich ist. Ziel ist es, den Betrieb mit zwei neuen Hausärzten aufzunehmen und mittelfristig auf vier Ärzte aufzustocken. «Es gibt fünf Sprechzimmer, sodass auch mehrere Teilpensen möglich sind», stellt Rohrer fest. Jeder Arzt soll grundsätzlich seine Patienten betreuen, sodass kein ständiger Wechsel stattfindet. «Aber natürlich können sie sich gegenseitig bei Abwesenheit vertreten.»

 

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch