Zentralschweizer Spitäler sind bereit:
So steht es um die E-Dossiers

Ab April müssen alle Spitäler elektronische Patientendossiers einführen. Die Frist sorgte bei einigen für Herausforderungen.

Julian Spörri
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Wer will, kann sich Röntgenbilder bald im digitalen Patientendossier ablegen lassen.

Wer will, kann sich Röntgenbilder bald im digitalen Patientendossier ablegen lassen.

Bild: Getty

Wer sich für ein elektronisches Patientendossier (EPD) registriert, kann Dokumente zu seiner Gesundheit wie den Impfausweis oder Röntgenbilder bequem über das Internet abrufen. Ausserdem sind die Informationen für Gesundheitsfachpersonen zugänglich  – für welche, das bestimmt der Patient. Im April müssen alle Schweizer Akutspitäler, psychiatrische Kliniken sowie Reha-Kliniken ihren Klienten ein EPD anbieten. In einer Ende Dezember publizierten Mitteilung schreibt eHealth Suisse, die Kompetenz- und Koordinationsstelle von Bund und Kantonen, dass mit einem schweizweiten Start auf Mitte April nicht zu rechnen sei. Das aufwendige Zertifizierungsverfahren der Stammgemeinschaften, welche das EDP in Zukunft anbieten werden, dauere länger als bisher angenommen. Es gebe leichte Verzögerungen.

In der Zentralschweiz haben sich alle Spitäler der Stammgemeinschaft XAD der Zürcher Axsana AG angeschlossen. Sie befindet sich derzeit im Zertifizierungsverfahren und hat im Dezember den ersten Teil bestanden – als erste Stammgemeinschaft in der Schweiz. Gemäss Geschäftsführer Samuel Eglin strebt die Axsana AG den Abschluss der Zertifizierung und den Betriebsstart per 15. April an. Dann soll es in jedem Kanton zumindest eine Stelle geben, bei der vor Ort ein EPD eröffnet werden kann. Das Netz dieser Stellen werde dann im Laufe 2020 schrittweise ausgebaut.

Luzerner Kantonsspital treibt zwei Projekte gleichzeitig voran

Spitäler und Kliniken arbeiten mit Hochdruck an der EPD-Einführung. Die Rückmeldungen der Zentralschweizer Institutionen sind erfreulich. Markus von Rotz, Kommunikationsbeauftragter des Luzerner Kantonsspitals (Luks), sagt:

«Soweit es an uns liegt, sind wir trotz engem Zeitplan auf Kurs.» 

Er weist darauf hin, dass das EPD ein nationales Projekt sei, im Unterschied zum Projekt «Mein Luks». Dieses Portal bietet Patienten des Spitals Zugang zu ihren persönlichen Behandlungsdaten. Zudem sind Terminvereinbarungen oder das Abrufen von Behandlungsplänen möglich. Offiziell eingeführt wird «Mein Luks» gemäss von Rotz im Verlauf des Jahres. Derzeit läuft der Pilotversuch.

Das Patientenportal «Mein Luks» und das E-Dossier sind für den Patienten freiwillig. Wie wissen Interessierte, für welches der beiden Angebote sie sich entscheiden sollen? Grundsätzlich gilt: Wer sich beruflich und privat in der Region bewegt und Zusatzfunktionen wünscht, dürfte sich für «Mein Luks» entscheiden. Ein Aussendienstmitarbeiter, der viel unterwegs ist, profitiert eher vom E-Dossier.

Die Privatklinikgruppe Hirslanden teilt mit, dass sie ab dem 15. April in allen Kliniken EPD einführen kann, so auch in der Luzerner Klinik St.Anna, in der Klinik Meggen und in der Andreas-Klinik in Cham. Bis dahin sind aber noch Arbeiten zu erledigen: «Dazu gehören die Schulung der Mitarbeitenden, die Etablierung der Prozesse rund ums EPD und die Weiterentwicklung der direkten Anbindung an die Stammgemeinschaften», sagt Lukas Hadorn, Leiter Klinikkommunikation der Klinik St.Anna. Eine besondere Herausforderung ergab sich für die Hirslanden-Gruppe, weil sie Kliniken in zehn Kantonen betreibt und ihre Systeme auf verschiedene Stammgemeinschaften abstimmen muss.

«Die unterschiedlichen Fortschrittsgrade in der Entwicklung der IT-Systeme der Stammgemeinschaften machten es für unsere Gruppe herausfordernd, einen gemeinsamen Nenner für alle Kliniken zu finden.»

Stationäre Fallzahlen stagnieren

Ambulant vor stationär: Diese Strategie verfolgt das Luzerner Kantonsspital (Luks) seit dem Sommer 2017. Die neuesten Zahlen zeigen: Die stationären Fallzahlen haben sich fast nicht verändert. Haben 2017 die Ärzte des Luks noch insgesamt 42'649 Patientinnen und Patienten stationär operiert, waren es 2018 nur fünf weniger – also 42'644. Dies bestätigt auf Anfrage Markus von Rotz, Kommunikationsbeauftragter des Luks.

Weiter sagt von Rotz: «Zahlreiche Eingriffe erfolgten am Luks schon früher zu einem hohen Anteil ambulant.» Zudem müssen die Zahlen im Kontext eingeordnet werden: So hatte das Luks 2018 gegenüber 2017 gesamthaft rund 60'000 ambulante Patientenkontakte mehr. Auch die Bevölkerungszahl und die Alterung der Gesellschaft ist tendenziell steigend.

Jährliche Einbusse von rund 1,5 Millionen Franken

Ambulante Eingriffe sind in der Regel für Spitäler weniger lukrativ als stationäre Behandlungen. Dies spürt auch das Luks. Von Rotz sagt: «Die jährliche finanzielle Einbusse durch die Massnahme ambulant vor stationär bezogen auf die Luzerner Patienten betragen beim Luks schätzungsweise 1,5 Millionen Franken.» Dass die Patienten bei den Eingriffen Qualitätseinbussen in Kauf nehmen müssen, ist indes nicht zu befürchten. Möglich machen dies vor allem neue fortschrittliche medizinische Methoden wie minimalinvasive Techniken oder weniger belastende Anästhesieverfahren.

Von Rotz stellt klar: «Ambulante Eingriffe erfolgen in gleich hoher Qualität und Sicherheit wie stationäre Eingriffe.» In der heutigen schweizweiten Strategie war der Kanton Luzern ein Vorreiter: Als erster Schweizer Kanton führte er nämlich im Sommer 2017 eine Liste mit Eingriffen ein, die er nur noch dann mitfinanziert, wenn die stationäre Durchführung medizinisch begründet ist. Seit einem Jahr hat auch das Bundesamt für Gesundheit eine schweizweite Regelung eingeführt. Sinn der Strategie: Operationen, die aus medizinischer Sicht keinen stationären Eingriff anzeigen, sollten ambulant durchgeführt werden. Ziel ist es, Kosten zu sparen. (stp)

Bereits abgeschlossen sind die Vorbereitungsarbeiten im Kantonsspital Obwalden. Laut Spitaldirektor Andreas Gattiker lag eine Schwierigkeit darin, dass seitens des Bundes vieles unklar war und noch immer ist. Die Kosten für das Spital seien noch nicht abschätzbar, weil das EPD erst einen kleinen Teil der Krankengeschichte abdecke und der Gesetzgeber in Zukunft noch weitere Entwicklungen vorschreiben werde. «Für diese gehen wir aktuell von einem sechsstelligen Betrag aus. Das ist für kleine Spitäler eine signifikante Investition», sagt Gattiker.

Im Kantonsspital Nidwalden zeigt man sich optimistisch, dass der vom Bund vorgegebene Termin eingehalten werden kann. Anja Harsch, Leiterin Qualitätsmanagement im Kantonsspital Nidwalden, sagt: «Es war eine Herausforderung, für die Umsetzung intern genügend personelle Ressourcen zur Verfügung zu stellen.» Sie weist darauf hin, dass die Schweizer Spitäler unter grossem Kostendruck stünden und alle zusätzlichen Aufwände eine finanzielle Belastung darstellen würden. Die internen und externen Kosten betragen gemäss Angaben des Spitals rund 200'000 Franken.

Das Zuger Kantonsspital teilt auf Anfrage mit, dass die nötigen Vorbereitungen für die Einführung des EPD getroffen worden seien. Auch das Kantonsspital Uri könne den vom Bund gesetzten Termin aus jetziger Sicht einhalten, sagt Claudia Jauch-Zgraggen, Leiterin HR und Kommunikation.

«Keine Zeit» – Ärzte machen nicht mit

Pflegeheime und Geburtshäuser haben im Vergleich zu den Spitälern noch zwei Jahre mehr Zeit für die Einführung der E-Dossiers. Alle anderen Behandelnden wie Hausärzte, Apotheken oder Spitex-Dienste können freiwillig teilnehmen. Für Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, ist klar, dass nur die wenigsten Ärzte mitmachen werden.

«Wir sind nicht grundsätzlich gegen die elektronischen Patientendossiers, aber wir haben keine Zeit dafür.»

Der Aufwand für die Praxen sei enorm. Zudem entstehe ein regelrechter «PDF-Friedhof», weil jede behandelnde Institution massenweise Dokumente hochladen würde. Informationen müssten dann aufwendig zusammengesucht werden. «Diese Zeit fehlt uns Ärzten dann für die Patienten.» Man begrüsse, wenn aktuellste Medikationslisten zwischen allen Institutionen und Ärzten ausgetauscht werden, so Kramis. «Ein EPD würde auch Sinn machen, wenn man die Allergien oder bereits gemachten Operationen einer Person leicht nachschauen kann. Noch fehlen dafür aber die standardisierten Verfahren.»

Samuel Eglin, Geschäftsführer der Axsana AG, erwidert: «Die Gesundheitseinrichtungen bestimmen selbst, welche Informationen sie als behandlungsrelevant einstufen und im EPD eines Patienten registrieren. Mit der Zeit wird das EPD immer mehr strukturierte Informationen enthalten, was die Arbeit der Behandelnden erleichtern wird.»