Kolumne Schnee von gestern
Mein treuster Begleiter

Bilder sagen mehr als tausend Worte, so heisst es. Gewisse Entdeckungen bedürfen dann aber doch der Einordnung.

Hans Graber
Hans Graber
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Kürzlich habe ich ein Foto von mir gesehen. Von hinten. Ich bin etwas erschrocken. Dabei war doch die Rückseite immer meine Schoggiseite. Wenn ich – nichts ahnend – von hinten fotografiert werde, mache ich keine bizarren Verrenkungen und verzichte auf eine Dimitri-artige Mimik, mit der ich locker wirken möchte und das pure Gegenteil erreiche. Von hinten jedoch ist alles perfekt. Hatte ich gemeint. Doch auf besagtem Foto war einerseits eine leichte Schieflage unverkennbar, und andererseits war da auch noch mein Rucksack.

Nicht der Rucksack des Kolumnisten – aber dieser hier ist auch ein älteres Modell.

Nicht der Rucksack des Kolumnisten – aber dieser hier ist auch ein älteres Modell.

Symbolbild: Serikbaib / iStockphoto

Die Schieflage kommt womöglich von einer gewissen Wankelmütigkeit. Das wirkt sich auf Dauer wohl auch körperlich aus. Zudem ist angeblich ein Schrumpfungsprozess im Gange. Gemäss einer aktuellen Messung in einer Arztpraxis bin ich jetzt drei Zentimeter kleiner, als es amtlich festgehalten ist. Das Eingehen bedrückt mich. Vielleicht war ich aber bloss während der Messung geknickt. In so Praxen bin ich stets neben den Schuhen und zeige keine wahre Grösse.

Nichts zu deuteln gibt es am Zustand des Rucksacks. Der sieht mittlerweile einfach etwas gar schäbig und abgewetzt aus. Ich trage ihn ja auch schon lange mit mir herum. Gegen 20 Jahre, schätze ich. Ein Spitzenmodell, quasi der SUV unter den Rucksäcken. Im Fachgeschäft ist mir damals vom Kauf ausdrücklich abgeraten worden! Der Rucksack sei zu gross, zu schwer, und er habe viel zu viele Taschen und Fächer. Ich habe ihn trotzdem gekauft. Klotzen statt kleckern.

Zwar stimmt alles, wovor ich gewarnt wurde, aber ich hänge trotzdem an ihm. Und er an mir. Voll ausgeschöpft habe ich sein Fassungsvermögen noch nie, nicht im Geringsten. Noch heute kommt – neben nie vermisstem Papierkram und auch mal einem seit Tagen vergessenen halben Liter Milch – ab und zu ein Fach zum Vorschein, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Das Wissen um diese Reserven beruhigt. Ich könnte noch so einiges einstecken, ohne in Verlegenheit zu geraten. Höchstens ein wenig mehr in Schieflage.

Aber eben, das Ding ist wirklich nicht mehr sonderlich schön. Nur ein kleiner Trost ist es, dass gemäss meiner Feldforschung viele Rucksäcke recht abgetragen und verschlissen wirken. Ob man wie bei Hunden auch vom Rucksack auf den Besitzer oder die Besitzerin schliessen kann, ist ungeklärt. Mich dünkt aber, dass etwelchen Rucksackmenschen etwas Halt- und Heimatloses anhaftet, teils geht’s gar ins Verwahrloste hinein. Seit ich das Foto meiner Rückseite gesehen habe, weiss ich definitiv: Das gilt auch für mich.

Was wäre die Alternative? Es hat bei mir schon Versuche gegeben mit anderen Rucksäcken. Aber kein Modell kam gefühlsmässig auch nur annähernd an meinen alten Sack heran, mit dem ich symbiotisch verbunden zu sein scheine. Die Radikallösung, also gar kein Rucksack, wäre theoretisch dann und wann machbar. Oft würde ein Handtäschchen vollauf reichen, aber ich habe mal den mir sehr einleuchtenden Satz gelesen, dass ein Herrenhandtäschchen nur etwas für Männer sei, «denen wirklich alles egal ist». So weit bin ich noch nicht.

Was tun? Ich werde vorderhand keine Rückwärtsfotos von mir anschauen. Das macht die Sache zwar nicht besser, aber letztlich hat ja jeder Mensch sein Bürdeli zu tragen. Solange es beim heruntergekommenen Rucksack bleibt, kann ich damit leben. Und während ich schrumpfe, leiert wenigstes er aus. So gleicht sich doch alles irgendwie aus.