Trinkwasserverunreinigung
EWL: «Entwarnung gibt es erst, wenn die Lage über mehrere Tage hinweg stabil bleibt»

Die Bewohner des Quartiers Langensand-Matthof müssen ihr Trinkwasser weiterhin abkochen – oder neu an einer der Zapfstellen beziehen. Die Anzahl Proben mit Befund nahmen aber ab.

Sandra Peter
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Energie Wasser Luzern (EWL) hat im betroffenen Quartier temporäre Zapfstellen für Trinkwasser installiert, eine davon liegt an der Hirtenhofstrasse.

Energie Wasser Luzern (EWL) hat im betroffenen Quartier temporäre Zapfstellen für Trinkwasser installiert, eine davon liegt an der Hirtenhofstrasse.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 05. August 2022)

Für die bakterielle Verunreinigung des Trinkwassers im Luzerner Langensand-Matthof-Quartier gibt es noch keine Entwarnung. Dies verkündete Energie Wasser Luzern (EWL) am Freitagvormittag an einer Medienkonferenz. Die Anwohnenden im betroffenen Quartier müssen das Trinkwasser weiterhin abkochen – oder ihr Wasser an einem Zapfhahn mit sauberem Trinkwasser beziehen.

EWL hat im Langensand-Matthof-Quartier am Freitag fünf Zapfstellen mit sauberem Trinkwasser für die Anwohnerinnen und Anwohner installiert. Die Zapfhähne befinden sich an der Bodenhofstrasse 12, Studhaldenhöhe 8, Vorderrainstrasse 15, Hirtenhofstrasse 48 und Langensandstrasse 92.

Der Prozess, um einerseits dem Auslöser der Verunreinigung auf die Spur zu kommen und andererseits das Problem zu beheben, dauert an. Die Ausspülung eines gesamten Wasserversorgungsnetzes mit Frischwasser geschehe nicht binnen Minuten, erklärt Patrik Rust, Vorsitzender der EWL-Geschäftsleitung. Durch die Spülungen wird bestehendes Wasser mit neuem ersetzt. «Das geschieht über Hydrantenstellen und der Vorgang dauert mehrere Stunden», sagt er.

Um eine Probe auszuwerten, müsse man diese im Verfahren, das der Kanton anwende, 24 Stunden lang beobachten, erklärt Kantonschemiker Silvio Arpagaus. Ein kürzeres Verfahren sei nicht möglich. «So gesehen, hinkt unser Wissensstand der Realität etwa zwei Tage hinterher. Erst nach der Auswertung der Proben sehen wir, ob und welche Massnahme erfolgreich war.» Der Prozess liesse sich nicht beschleunigen, so Rust.

Angesprochen auf die von manchen Anwohnerinnen und Anwohnern kritisierte Kommunikation sagt er: «Wir können nur Angaben herausgeben, die gesichert sind und auch einen Informationsgehalt haben.»

Bakterien sind Indikatoren für mögliche weitere Verschmutzungen

Gefunden wurden in den verunreinigten Wasserproben Enterokokken. Solche Keime kämen im Darm von Warmblütlern, also Menschen und Tieren vor, dort seien sie ganz normal, erklärt Kantonschemiker Silvio Arpagaus. Werden solche im Trinkwasser nachgewiesen, bedeute das: «Achtung, da ist etwas ins Trinkwasser gelangt, das nicht reingehört. Und darunter könnten eben auch Krankheitserreger sein, die für die menschliche Gesundheit ein Risiko darstellen.» Die Keime an sich seien nicht problematisch, zeigten jedoch, dass auch andere Verunreinigungen ins Wasser gelangen konnten. Häufige Krankheitssymptome sind Magen-Darm-Erkrankungen. Je nachdem, was für Krankheitserreger im Wasser seien, könne es aber auch zu schwerwiegenderen Auswirkungen führen.

Ursache für die Verunreinigung noch nicht geklärt

Wie die Bakterien ins Leitungssystem in der Stadt Luzern gelangten, ist noch nicht klar. In den meisten bisherigen Fällen im Kanton Luzern sei jeweils das Quellgebiet betroffen gewesen, also verschmutztes Wasser direkt in die Quelle gelangt oder durch den Boden in die Quelle gesickert, sagt Arpagaus. Dies könne hier aber ausgeschlossen werden. «Doch auch andere Möglichkeiten können für Verschmutzung sorgen, beispielsweise wenn Geräte oder Apparaturen unsachgemäss ans Versorgungsnetz angeschlossen werden und so unreines Wasser ins System gelangt oder Installationen nicht sachgerecht ausgeführt werden.»

Üblicherweise wertet EWL auf dem gesamten Versorgungsgebiet rund 3000 Proben pro Jahr aus. Aktuell jedoch werden im von Verunreinigungen betroffenen Gebiet täglich 30 Wasserproben entnommen und ausgewertet. Wie eine Wasserprobe abläuft, zeigt ein Video von PilatusToday:

Das Video zeigt, wie eine Wasserprobe entnommen wird.

«Die Resultate der letzten Proben stimmen hoffnungsvoll», sagt Rust. «Die Anzahl Proben mit Befund nehmen ab und wir können das Problem laufend besser lokalisieren und isolieren.»

Der vermutete Ursprung der Verschmutzung habe auf drei Strassenzüge eingegrenzt und die entsprechenden Wasserleitungen vom Netz getrennt werden können. Jetzt stünden weitere Untersuchungen an. Um welche Strassen es sich handelt, kommuniziert Rust nicht, solange er keine Gewissheit hat.

Erst wenn Lage mehrere Tage stabil ist, gibt es Entwarnung

Dennoch sei nicht absehbar, bis wann die Massnahmen aufgehoben werden können. Arpagaus erklärt: «Wir beurteilen täglich die Gesamtsituation und berücksichtigen alle Faktoren; Laborwerte, die möglichen Ursachen und Indizien dafür, was ist der Trend, was sind allenfalls neue Erkenntnisse hinsichtlich der Keime im Wasser. Gelangen wir bei der Risikoabwägung zum Schluss, dass kein Risiko für die menschliche Gesundheit mehr besteht, werden die Massnahmen aufgehoben.» Einfacher formuliert es Rust:

«Eine gute Probe reicht nicht, die Lage muss über mehrere Tage hinweg stabil bleiben.»

Gefragt nach dem bisherigen Aufwand und den Kosten für die Behebung der Verunreinigung, antwortet Rust: «Natürlich entstehen viele Opportunitätskosten, da wir uns hauptsächlich darum kümmern.» Rund 40 bis 50 Menschen seien involviert, um das Problem baldmöglichst zu lösen. Eine Zahl will er nicht nennen, sagt aber: «Materiell gesehen, also etwa um Leitungen zu trennen oder Löcher zu öffnen, sind die Kosten bisher überschaubar. In dieser Situation geht es nun in erster Linie darum, die Kunden so schnell wie mögliche wieder ans Versorgungsnetz anzuschliessen.»

Einige Anwohnerinnen und Anwohner sorgen sich wegen höherer Gas- und Stromkosten, die durch das Wasserabkochen entstanden sind. Gibt es seitens des EWL allenfalls reduzierte Tarife? «Wir haben bisher alle Energie für die Lösung des Problems aufgewendet. Mit allfälligen Haftungsfragen befassen wir uns, wenn wir die Ursache für die Verunreinigung kennen», sagt Rust.