Interview

Steine sind seine liebsten Sportgeräte – je schwerer, desto besser

Martin Jakober (33) aus Stalden zählt zu den besten Steinstössern im Land. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug will er aus dem Schatten der Schwinger heraustreten.

Roger Rüegger
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Martin Jakober ist Steinstosser. Er nimmt am Eidgenössischen Schwingfest in Zug teil. (Bild: Pius Amrein, Stalden, 9. August 2019)

Martin Jakober ist Steinstosser. Er nimmt am Eidgenössischen Schwingfest in Zug teil. (Bild: Pius Amrein, Stalden, 9. August 2019)

Martin Jakober importiert Traktoren aus Kanada. Im Winter fährt der Vater eines einjährigen Sohnes Pistenfahrzeug in Andermatt. Am Bernisch-Kantonalen Schwingfest, dem letzten Wettkampf vor dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug, warf er den 64 Kilo-Stein 4,08 Meter und siegte.

Steinstossen findet kaum Beachtung. Sie aber investieren viel Zeit. Was entschädigt Sie für den Aufwand?

Ich bin besessen. Es gibt wenige, die den 83,5-Kilo-Stein heben und vier Meter werfen können. Es ist ein gutes Gefühl, mit dem Sport einen Teil der Bevölkerung mitreissen zu können.

Beim letzten Wettkampf vor dem Eidgenössischen Schwingfest in Zug siegten Sie. Offenbar haben Sie auf den Punkt hin trainiert?

Es scheint zu passen. Der Sieg war ein Motivationsschub.

Einen Stein zu werfen, erachte ich nicht als Königsdisziplin. Was reizt Sie noch?

Das Steinstossen ist die älteste Sportart. In der Steinzeit ging es bei der Jagd um Leben und Tod.

Viele kennen Steinstossen dank dem Unspunnenfest in Interlaken. Ihr Sport wird aber schon öfter ausgeübt?

Der 83,5 Kilo schwere Unspunnenstein ist Eigentum des Turnvereins Interlaken. Der wird nur an eidgenössischen Anlässen und am Unspunnen-Schwingfest – alle sechs Jahre – gestossen. Unsere Wettkämpfe finden meist im Rahmen von Schwingfesten statt. Von Mai bis September bin ich fast jedes Wochenende unterwegs.

Welche Steine gibt es noch?

Am Eidgenössischen in Zug wird einer mit 20 Kilo sowie der 40-Kilo-Mythenstein, der dem Schwingerverband am Mythen gehört, gestossen. Der 64-Kilo-Stein jedoch nicht.

Trainieren Sie viel?

Während der Saison fast täglich. Zweimal pro Woche mit Kollegen in Engelberg, die anderen Trainings absolviere ich in Stalden. Krafttraining mache ich in Luzern. Dieser Sport ist ein Defizit-Geschäft vom Gröbsten.

Im Fitnesscenter gehören Sie wohl mit zu den kräftigeren?

Ja, aber ich trainiere nicht wie viele andere, um gut auszusehen. Ich arbeite an meiner Kraft, um etwas zu bewegen.

Reicht Kraft alleine aus?

Nur mit Muskelmasse hat man keine Chance. An Wettkämpfen versuchen oft auch Bodybuilder, den Stein hochzuheben. Es gelingt längst nicht allen.

Wie haben Sie die Spitze erreicht?

Es ist auch eine Frage der Einstellung. Ich trainiere auf professioneller Basis nach einem Trainingsplan, der für mich persönlich zusammengestellt wurde.

Welches ist Ihre Disziplin?

Für mich gilt: Je schwerer desto besser. Der Unspunnenstein liegt mir mehr als die leichteren.

Sind leichtere Steine für Sie keine Herausforderung?

Man wendet eine völlig andere Technik an. Auch der Anlauf unterscheidet sich je nach Kategorie. So einfach ist es nicht.

Steinstosser stehen im Schatten der Schwinger. Findet ihr in Zug mehr Beachtung?

Wir kämpfen ausserhalb der Schwingarena. Wie viel Beachtung wir haben, weiss ich nicht. Im gedruckten Festführer ist Steinstossen jedenfalls nicht aufgeführt. Bestimmt werden die ersten fünf der Qualifikation wahrgenommen. Die tragen das Finale in der Arena aus.

Martin Jakober wuchtet einen Stein in die Luft. (Bild: Pius Amrein, Stalden, 9. August 2019)

Martin Jakober wuchtet einen Stein in die Luft. (Bild: Pius Amrein, Stalden, 9. August 2019)

Sind Sie auch dabei?

Ich weiss, wie weit ich werfen kann. Im Training erreichte ich die nötige Weite mehrere Male. Der Wettkampf ist aber eine andere Sache. Natürlich ist das Finale mein Ziel. Meine Mentaltrainerin sagt, wichtiger sei, den Fokus auf meine Stärke zu legen.

Sie importieren Traktoren aus Kanada. Trainieren Sie in auch Übersee?

Meine Frau ist dort aufgewachsen. Ja, ich habe einen Stein bei ihrer Mutter in Ontario. Mit dem trainiere ich oft, zur Verwunderung der Einheimischen. Die Leute stellen schon Fragen. Wenn ich ihnen die Sache erkläre, staunen sie ob den Bräuchen, die wir in der Schweiz pflegen.

Erst mit 28 haben Sie mit Steinstossen angefangen. Warum diesen Sport?

Wohl weil ich ein grosser Schwingsport-Fan bin und als Steinstosser nahe am Geschehen sein kann. Eigentlich wäre ich gerne Schwinger geworden. Das war aus medizinischen Gründen aber nicht möglich.

Dafür haben Sie sich mit der Qualifikation für Zug ein Ticket fürs Schwingen gesichert. Ein Normalsterblicher kommt kaum zu Karten!

Steinstosser haben auch kein Anrecht auf Karten. Die musste ich kaufen, wie jeder. Einziger Vorteil war, dass ich Mitglied einer Schwingersektion bin.

Als Gewichtheber hätten Sie mehr Beachtung und die Möglichkeit, an olympischen Spielen teilzunehmen.

Das Steinstossen ist genau der richtige Sport für mich. Mein Vater war erfolgreicher Seilzieher, damit hätte ich vielleicht internationale Wettkämpfe bestreiten können. Doch ich bin Einzelkämpfer. In einem Team würde ich mich fürchterlich aufregen, wenn etwas nicht so laufen würde, wie es sollte.

Wie geht’s Ihrem Rücken?

Seit ich hart trainiere, hervorragend. Mit der richtigen Haltung beim Heben und gutem Muskeltraining ist es ungefährlich.

Unser Fotograf meinte, wenn man den Stein erst einmal oben habe, sei es nicht mehr schwer, diesen zu werfen?

Schicken Sie mir den vorbei, er soll mir das so zeigen.

Wie stösst man richtig?

Da ist relativ einfach. Den Stein muss man in einem Zug nach oben bringen. Schafft man’s nicht, hat man bereits zu viel Energie verloren. Ein gutes Resultat ist kaum mehr möglich.