STEUERBELASTUNG: «Zentralschweiz macht fast alles richtig»

Keine andere Region ist für Spitzenverdiener so attraktiv wie die Zentralschweiz. Andere Kantone könnten kaum folgen, sagt Ökonom Reiner Eichenberger.

Alexander von Däniken
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Die Zentralschweiz ist für Spitzenverdiener nicht nur optisch, sondern auch steuerlich attraktiv. Im Bild: Blick vom Stanserhorn auf den Vierwaldstättersee. (Bild Pius Amrein)

Die Zentralschweiz ist für Spitzenverdiener nicht nur optisch, sondern auch steuerlich attraktiv. Im Bild: Blick vom Stanserhorn auf den Vierwaldstättersee. (Bild Pius Amrein)

Über hohe Gehälter und Boni lässt sich streiten. Abgesehen davon erfüllen Konzernbosse, Chefärzte oder Manager in der Schweiz aber eine wichtige Rolle. Rund 3 Prozent der Steuerpflichtigen in der Schweiz, also eine Minderheit, haben ein steuerbares Einkommen von mindestens 200 000 Franken pro Jahr – sie tragen aber die Hälfte zu den gesamten Steuereinnahmen bei. Das zeigen Zahlen der Eidgenössischen Steuerverwaltung aus dem Steuerjahr 2010 anhand der Bundessteuer. Umgekehrt versteuern knapp 35 Prozent der Einwohner ein Einkommen von maximal 50 000 Franken, beteiligen sich aber mit weniger als 3 Prozent an den gesamten Steuereinnahmen.

Für Gemeinden und Kantone zahlt es sich wortwörtlich aus, Steuererklärungen an den einen oder anderen Spitzenverdiener schicken zu können. Die potenten Steuerzahler finanzieren die weniger Privilegierten mit, was den Steuerfuss insgesamt senkt. Doch welche Kantone sind für Spitzenverdiener steuerlich am attraktivsten? Es sind die Zentralschweizer Kantone, wie der «Swiss Tax Report 2014» des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG zeigt.

Uri: Vom Mittelfeld auf Platz 5

Auf Platz 1 steht – wenig überraschend – Zug (siehe Grafik). Hier beträgt der maximale Einkommenssteuersatz 22,86 Prozent (ledige Personen, kinderlos, konfessionslos, Steuerjahr 2013). Hinter Zug rangieren Schwyz, Obwalden und Nidwalden. Auf Platz 5 ist bereits Uri zu finden. Noch im Jahr 2006 rangierte Uri mit 33 Prozent im Mittelfeld. Grund für die starke Verbesserung ist die ab 2006 schrittweise eingeführte Flat Rate Tax. Dieser einheitliche Steuertarif hat schon Obwalden vom Ruf der Steuerhölle befreit. Das zeigte sich auch beim neuen Finanzausgleich (NFA). 2008 erhielt Obwalden noch rund 62 Millionen Franken aus dem Ausgleichstopf. Dieser Betrag hat sich bis heute auf rund 33 Millionen fast halbiert.

Auch das mittlerweile als Tiefsteuerparadies für Unternehmen geltende Luzern (siehe Kasten) mischt vorne mit: Ein Maximaleinkommenssteuersatz von 31,17 Prozent bedeutet Platz 8 hinter den beiden Appenzell. Zum Vergleich: Das Schlusslicht, der Kanton Genf, verlangt einen maximalen Einkommenssteuersatz von 44,75 Prozent. Laut Marcel Schwerzmann, Finanzdirektor des Kantons Luzern und Präsident der Zentralschweizer Finanzdirektorenkonferenz, gibt es für die starken Positionen der Zentralschweizer Kantone zwei Gründe: «Zum einen haben wir hier sechs Kantone auf engem Raum, was den Steuerwettbewerb fördert. Zum anderen sind alle Zentralschweizer Kantone der Meinung, dass es sich lohnt, Spitzenverdiener verhältnismässig moderat zu besteuern.» Damit würden Anreize geschaffen, um mehr Spitzenverdiener anzusiedeln, die – wie die Verteilung des Steuersubstrats zeigt – für alle Steuerzahler wichtig sind: «Durch diese Transferzahlungen sind wir zum Beispiel in der Lage, Prämienverbilligungen für jene zu erlassen, die weniger verdienen.»

Steuern so hoch wie in Deutschland

Wie wichtig sind die Steuersätze überhaupt für die Spitzenverdiener? Peter Uebelhart, Geschäftsleitungsmitglied des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG und dort für Steuern verantwortlich, erklärt: «Für einige Gutverdiener ist die Steuerbelastung sehr wichtig. Es kommen aber weitere Faktoren dazu. Zum Beispiel die Immobilienpreise und der Arbeitsweg.» Bei Letzterem nähmen Spitzenverdiener durchaus 60 Minuten und mehr pro Weg in Kauf, «was in der kleinräumigen Schweiz schon einmal erlaubt, Kantonsgrenzen zu überwinden.»

Für den renommierten Ökonomie-Professor Reiner Eichenberger ist klar: «Die Zentralschweiz macht mit der Tiefsteuerstrategie fast alles richtig.» Zwar würden Normalverdiener in der Schweiz im internationalen Vergleich nur milde besteuert. Das gelte aber nicht für die Spitzenverdiener: «Wegen der starken Steuerprogression sind die Steuersätze auf Spitzeneinkommen in der Schweiz ähnlich hoch wie etwa in Deutschland oder Holland.» Denn anders als im Ausland gebe es hierzulande bei den Abgaben für AHV und ALV kein oberstes Limit. Ausserdem würden die Vermögen via Vermögenssteuer und Vollbesteuerung der Vermögenserträge sehr hoch besteuert: «Fast alle anderen OECD-Länder haben keine Vermögenssteuer und besteuern Dividenden und Zinsen nur halb.»

Kaum Ausweg für Waadt und Co.

Traditionellen Hochsteuerkantonen seien in der Regel die Hände gebunden, wenn es ums Drehen an der Steuerschraube gehe. «Obwalden konnte mit den Steuern runter, weil dort sowieso nicht viele Spitzenverdiener wohnten. Der kurzfristige Effekt von geringeren Steuereinnahmen war also minimal. Der langfristige Effekt, wonach mehr Spitzenverdiener nach Obwalden zogen, setzte darüber hinaus schnell ein, wegen des Gangs vor Bundesgericht», sagt Eichenberger. Obwalden wollte nämlich zuerst einen degressiven Steuersatz einführen, kam damit vor Gericht aber nicht durch. Dafür wurde Obwalden als erster Kanton mit Flat Rate Tax schnell bekannt.

Eichenberger kritisiert, dass Steuerinnovationen durch Bund und NFA gehemmt werden: «Im Gegenteil sorgt das System derzeit dafür, dass Kantone bestraft werden, wenn sie – wie Schwyz zum Beispiel – die Dividendenbesteuerung stark senken. Die zusätzlichen Einnahmen sind schnell kleiner als die zusätzlichen Ablieferungen in den Finanzausgleich. Das kann es nicht sein.» Eichenberger fordert deshalb eine Weiterentwicklung des Finanzausgleichs. «Innovationen, wie es Holland mit Lizenzboxen und Irland mit Finanzboxen praktizieren, müssen sich auch für Schweizer Kantone lohnen. Vor allem im Hinblick auf den wachsenden Druck von EU und OECD.»