STILBLÜTEN: «Unsere Stilblüten zeigen, wie junge Menschen die Welt sehen»

Seit bald zwei Wochen steht das Buch unserer Zeitung auf Platz 1 der Schweizer Sachbücher-Charts. Wir freuen uns über diesen Erfolg und fragen nach Gründen.

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Der «Klub der jungen Dichter» gehört zu den schulischen Projekten, mit denen unsere Zeitung sprachliche Fähigkeiten fördern will. (Bild: Illustration Tiemo Wydler)

Der «Klub der jungen Dichter» gehört zu den schulischen Projekten, mit denen unsere Zeitung sprachliche Fähigkeiten fördern will. (Bild: Illustration Tiemo Wydler)

Arno Renggli, Sie haben über Jahre die Stilblüten aus dem «Klub der jungen Dichter» gesammelt. Überrascht Sie der Erfolg dieses Buches?

Arno Renggli: Natürlich haben wir gehofft, dass ein solches Buch auf Interesse stossen würde. Aber sicher waren wir uns überhaupt nicht, zumal es etwas ziemlich Erstmaliges ist. Dass es gleich so einschlagen würde, hat alle Beteiligten komplett überrascht, auch mich.

Trotzdem: Können Sie sich das irgendwie erklären?

Renggli: Nun, schlau ist man ja meistens erst im Nachhinein, sonst wäre es ja leicht, einen Bestseller kalkuliert zu produzieren. Ich kann nur Vermutungen anstellen: In einer Zeit, in der man die ganze Welt eher düster wahrnimmt, hat etwas Humorvolles sicher gute Chancen. Und vor allem handelt es sich hier um eine ganz besondere Art von Humor.

Inwiefern?

Renggli: Es ist ein Humor, den man sich nicht ausdenken könnte, er passiert spontan und unfreiwillig, in einer ganz realen Situation, wenn Kinder und Jugendliche über etwas schreiben. Diese reale Situation kann man sich beim Lesen wunderbar vorstellen. Der Realitätsbezug verstärkt sich noch, indem die Stilblüten sehr viel über die Gedanken und die Weltsicht von jungen Autoren verraten. Sie sehen, beurteilen, gewichten Dinge oft ganz anders als wir Erwachsenen. Das wiederum ist sehr komisch, aber auch sehr erhellend.

Können Sie diese andere Sichtweise noch etwas näher erläutern?

Renggli: Nun, wenn ein junger Autor fiktiv schreibt, er habe gerade im Lotto eine Million gewonnen und sich als Erstes eine Pizza bestellt, dann zeigt das den Stellenwert, den eine Pizza für ihn hat. Während wir Erwachsenen sie dann doch eher als Kleinigkeit erachten. Auf der anderen Seite sehen junge Menschen gewisse Dinge undramatischer und nüchterner als wir, gefallen sich in coolem Understatement. Da kann eine Beerdigung schon mal «ein voller Erfolg» sein. Von dieser Leichtigkeit, die wir als Erwachsene vielleicht etwas verloren haben, könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Und dann die Nuancen ...

Ja?

Renggli: Wenn einer schreibt, dass er zwar schon oft verliebt, aber noch nie verknallt war, fragt man sich natürlich als Erwachsener, was denn der Unterschied sei. Und warum «verknallt» quasi wichtiger sein soll als «verliebt»? Aber es handelt sich eben um die Sicht eines Kindes. Gleichzeitig darf man die jungen Autoren nicht unterschätzen. Manche der Stilblüten beinhalten freche Ironie oder Satire, die in Einzelfällen vielleicht sogar gewollt ist. Wir können nicht nachfragen, weil wir nicht wissen, wer was geschrieben hat.

Diese Anonymisierung ist gewollt, nehme ich an.

Renggli: Ja, ganz klar. Während wir die besten Texte des «Klubs der jungen Dichter» jeweils mit Namen und Bild der Autorinnen und Autoren in der Zeitung abdrucken, bringen wir die Stilblüten absolut anonym. Es wird niemand blossgestellt. Bereits wenn die Vorauswahl der Stilblüten von den Vorjuroren, seit einigen Jahren Studierende der Pädagogischen Hochschule Luzern, an mich gelangt, sehe ich nicht, wer sie geschrieben hat.

Das ist ja auch deshalb wichtig, weil viele Stilblüten dann doch einfach falsch sind.

Renggli: Sagen wir mal so: Bei den meisten Stilblüten ist etwas schiefgelaufen, sei es punkto Sprache, Logik oder Wissen. Jemand hat geschrieben, er sei nach «Bayern München» gereist. Das zeigt nun aber nicht nur leicht mangelhafte Geografiekenntnisse, sondern auch den medialen Background, den Jugendliche haben. Gerade das Fernsehen oder das Internet vermittelt ihnen sehr vieles, aber halt nicht immer ganz präzise. Jedenfalls ist die Lektüre der Stilblüten auch sehr lehrreich. Wir wissen von Lehrpersonen, welche die Stilblüten regelmässig im Unterricht einsetzen, als unterhaltsame sprachliche und logische Schulung.

Sie lesen ja seit vielen Jahren Texte des «Klubs der jungen Dichter». Hat sich im Laufe der Zeit etwas verändert? Sprachlich wie inhaltlich?

Renggli: Nicht bestätigen könnte ich die häufige Klage, die Sprachkompetenz habe abgenommen. Im Gegenteil kommen die Texte heute formal sauberer zu uns. Natürlich spürt man neue Tendenzen zu einer gewissen Verkürzung, auch Lakonie, in denen sich vielleicht SMS und Mails widerspiegeln. Mir persönlich gefällt das sogar. Thematisch spielen Schule und Familie immer eine grosse Rolle.

Eigentlich logisch.

Renggli: Klar, es sind die zentralen Lebenswelten von jungen Menschen. Gerade das zweite Thema ist sehr erfreulich: Familie hat einen hohen Stellenwert, auch wenn die Verhältnisse nicht nur ungetrübt sind. Natürlich sind auch die Gleichaltrigen wichtig, in diesem Kontext etwa das Thema Liebe. Gerade über die körperliche Liebe verfügen die Jungen heute über mehr Informationen, die dann allerdings nicht immer ganz präzise sind. Was einige der schönsten Stilblüten ergeben hat.

Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass Sie auch eine gewisse Emanzipation der Jungen gegenüber Autoritäten feststellen.

Renggli: Es ist nur ein allgemeiner Eindruck, den ich nun nicht statistisch belegen könnte. Es scheint mir aber, dass junge Autorinnen und Autoren sich zunehmend kritisch äussern über Autoritäten. Anders gesagt: Eltern, Lehrpersonen und Polizeibeamte kriegen ziemlich häufig ihr Fett ab. Das sieht man auch bei den Stilblüten.

Sie erwähnten den Lerneffekt, den Stilblüten haben. Der ganze «Klub der jungen Dichter» ist ja ein Projekt, beim dem es letztlich um die Förderung von sprachlicher Kompetenz geht.

Renggli: Das ist so. Wir wollen junge Menschen motivieren, sich mit Sprache zu befassen. Dies ja nicht nur mit dem Schreibwettbewerb, sondern auch mit anderen Projekten wie etwa «ZIP – Zeitung in der Primarschule», wo Schulklassen Zeitungsseiten mit eigenen journalistischen Beiträgen gestalten. Diese Sprachförderung leisten wir durchaus auch mit einem vitalen Eigeninteresse.

Worin besteht dieses?

Renggli: Nun, sprachliche Kompetenz erhöht die Bereitschaft, Informationen fundiert und vertieft aufzunehmen und sich auch am politischen und gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Und genau daraus erwachsen dann Menschen, die auch in Zukunft Zeitung lesen wollen. Indem wir sprachliche Kompetenz fördern, sorgen wir sozusagen auch für unsere künftige Kundschaft.