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Wo man Gott auch auf der Strasse findet

In Luzern finden demnächst die «Strassenexerzitien» statt. Mit dabei ist der Gründer und Jesuit Christian Herwartz.
Vera Rüttimann
Der Berliner Jesuit Christian Herwarzt hat die Strassenexerzitien aus der Taufe gehoben. (Bild: Vera Rüttimann)

Der Berliner Jesuit Christian Herwarzt hat die Strassenexerzitien aus der Taufe gehoben. (Bild: Vera Rüttimann)

Christian Herwartz packt im Canisius-Kolleg in Berlin, wo er in einem Wohntrakt mit anderen Jesuiten wohnt, seine Reise­tasche. Der bekannte Jesuit, unverkennbar mit seinem weissem Bart und den Dornbusch-Tattoos an den Armen, geht auf Reisen. Er macht sich auf nach Luzern, wo er bald als Begleiter Strassenexerzitien durchführen wird. Der Arbeiterpriester hat diese besondere Form der geistlichen Übungen entwickelt, als er mit einer Gruppe randständiger Menschen in einer WG in Kreuzberg zusammenlebte.

Bei den Strassenexerzitien sind die Teilnehmenden auf Luzerns Strasse unterwegs, dies ab 29. September, 17 Uhr, bis 5. Oktober, Mittag. Im Seminar St. Beat, wo sich die Teilnehmer der Exerzitien treffen, gibt es täglich einen Morgenimpuls und einen Austausch am Abend über die Erlebnisse auf der Strasse. Christian Herwartz wird in Luzern von der Religions- und Sozialpädagogin Cornelia Pieren und dem Theologen Marco Schmid begleitet. Das Leitthema dieser Tage heisst: «Der eigenen Sehnsucht folgen.»

Die Jesuiten-WG

Der eigenen Sehnsucht folgen, das hat Christian Herwartz, der viele Jahre als Arbeiterpriester in einem Berliner Betrieb an der Werkbank gearbeitet hat, auch in Kreuzberg getan. Jenem Bezirk, in dem er vier Jahrzehnte mit anderen Jesuiten in einer WG in der Nähe der einstigen Mauer lebte. «Trinkteufel – Tor zur Hölle» nennt sich die Kneipe in der Naunynstrasse, wo er jeden Tag vorbeiging. Die Stammgäste des Lokals, darunter Punks und Hardrocker, kannten den Jesuiten und grüssten ihn.

Christian Herwartz lebte in einem Haus, in dem Menschen unterschiedlicher nationaler und religiöser Herkunft Heimat gefunden hatten, weil sie sich körperlich, materiell oder religiös in einer Notlage befanden. Bei ihm fanden sie ein offenes Ohr und ein Bett. Schon in den 70er-Jahren wandten sich die Brüder in Kreuzberg Randständigen zu und gingen zu ihnen auf die Strasse. Hier entstand die Idee zu Strassenexerzitien. Auch die Ordensleute gegen Ausgrenzung unterstützten dieses Projekt von Beginn an. Im Jahr 2000 fanden in der Kreuzberger Gemeinde St. Michael die ersten Strassenexerzitien statt.

Gott auf der Strasse suchen

Das Projekt Strassenexerzitien stösst bei jedem Teilnehmer erst einmal auf Neugier. Viele fragen sich, was es damit wohl auf sich hat. «Mit diesen Exerzitien gehen wir dorthin, wo sich das Leben Jesu wohl hauptsächlich abgespielt hat: auf der Strasse.» Dort habe er sich Randständigen aller Art gewidmet und Heil gebracht. «Wie kann ich dem Auferstandenen in unserer Zeit auf der Strasse begegnen? Um diese Frage geht es bei den Strassenexerzitien», erklärt Christian Herwartz.

Um ihm begegnen zu können, müsse der Exerzitienteilnehmer jedoch erst «in die Achtsamkeit kommen». Ein derzeit von Zeitschriften überstrapaziertes Wort, doch wer Christian Herwartz zuhört, merkt, dass dieses Wort bei ihm eine andere Bedeutung hat. Der Berliner spricht davon, «innerlich die Schuhe ab­zulegen, um in die Achtsamkeit zu kommen». So wie Moses, der in der Wüste einen brennenden Dornbusch entdeckte, wo ihn Gott bat, seine Schuhe auszu­ziehen und im zuzuhören. Für Christian Herwartz ist diese Stelle, wo Moses Gott begegnet, heiliger Boden. Übertragen auf die Strassenexerzitien, kann für ihn heiliger Boden beim Besuch eines Gefängnisses entstehen, im Gespräch mit einem Obdach­losen oder bei der Begegnung mit einem Suchtkranken. Schon Ignatius, so Herwartz, habe seine Bestimmung auf diese Weise auf der Strasse gefunden.

Die Schuhe ausziehen heisst für den Ordensmann: «Nicht immer alles gleich beurteilen, sich nicht über einen anderen stellen.» Strassenexerzitien sei etwas, was mit dem ganzen Körper und der ganzen Wahrnehmungen auszuüben sei.

Immer wieder fällt bei Christian Herwarzt das Wort Befreiung. «Bei diesen Exerzitien geht es immer auch um Befreiung. Sich frei machen von Zwängen, in denen wir leben.» Wenn wir in diese Befreiung geführt werden und den Mut haben, sie zu leben, so der Jesuit, «dann ist wirklich etwas in uns passiert». Wohin sich die Teilnehmer bei den Strassenexerzitien in Luzern führen lassen werden, darauf ist der Berliner sehr gespannt.

Eine Basisbewegung

Der einstige Arbeiterpriester ist stolz auf das, was aus dem Projekt Strassenexerzitien entstanden ist. Mittlerweile bieten über 100 Leute in verschiedensten Ländern selbst Strassenexer­zitien an und bringen ihre Erfahrungen und Fähigkeiten ein. An immer mehr Orten organisieren Menschen in Pfarreien, Schulen oder Sozialeinrichtungen solche Exerzitien. Ob diese Exerzitien in Berlin oder in Luzern stattfinden, darin sieht Christian Herwartz keinen Unterschied: «Ob arm oder reich, weiss- oder dunkelhäutig: Alle Menschen tragen Sehnsüchte in sich. Der Punkt ist, ob sie sich auf sie einlassen und zu handeln beginnen.» Das Heilige auf der Strasse – für Christian Herwartz ist es überall zu finden.

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