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SÜDAFRIKA: Wolfgang Drechsler: «Eine tiefe Besorgnis wie um einen guten Freund»

Aufgewachsen in Göttingen, reiste Wolfgang Drechsler (51) 1985 als 22-Jähriger an Bord eines Containerschiffes abenteuerlich von Bremerhaven nach Kapstadt in Südafrika. Dort erlebte er als Journalist den Wandel des Landes von der Apartheid zur Demokratie mit. Drechsler arbeitet seit einigen Jahren auch für unsere Zeitung als Afrika-­Korrespondent.
Interview Turi Bucher
Wolfgang Drechsler. (Bild: PD)

Wolfgang Drechsler. (Bild: PD)

Wolfgang Drechsler, Afrika zählt 54 Länder. Sie können als Journalist ja unmöglich alle betreuen. In welchen Ländern waren Sie schon selber?

Wolfgang Drechsler: Nun, über die nordafrikanischen Länder berichte ich nicht, das ist dann schon wieder ein anderer Kulturkreis. Aber von den 48 schwarzafrikanischen Ländern habe ich bestimmt schon zwei Drittel bereist. Kleine Staaten wie beispielsweise Gambia oder Lesotho sind für die Berichterstattung in der Regel nicht ganz so wichtig wie die Lokomotiven, also grössere Länder wie Nigeria, Elfenbeinküste, Kenia oder dann im ­Süden Angola, Simbabwe oder der Hoffnungsträger Südafrika. Es gibt übrigens ein schönes afrikanisches Sprichwort, das lautet: «Jeder Mensch ist ein eigenes Land.»

Über die Boko Haram in Nigeria oder über die Wahlen in Sudan können Sie nicht vor Ort berichten, da die Gefahr zu gross ist.

Drechsler: Das Gefährlichste in Afrika sind nicht etwa die Überfälle. Die grössten Gefahren in Afrika lauern in dieser Reihenfolge: im Strassenverkehr, in den Krankheiten, in der Willkür. Die Strassen sind zum Teil in einem katastrophalen, verheerenden Zustand. Ich gebe Ihnen einen Tipp: Fahren Sie in Afrika nie nachts, nie in der Dunkelheit. Selbst einem risikofreudigen Menschen empfehle ich das nicht. Dann die Krankheiten. In den 1980er-Jahren hat mich einmal die Malaria erwischt. Hätte ich keine Tabletten dabeigehabt, könnte ich heute dieses Interview womöglich gar nicht geben. Und in vielen afrikanischen Kliniken ist es auch heute oft noch so, dass Sie da kränker rauskommen, als Sie beim Reingehen schon waren.

Und was meinten Sie mit der Willkür?

Drechsler: Wenn man als Berichterstatter an einen Ort reist, wo die Lage kritisch ist, kann die Stimmung sehr schnell umschlagen. Was passiert im nächsten Moment? Mittlerweile kann ich das mit meiner Erfahrung sehr gut einschätzen. Oder anders, vielleicht etwas zynisch ausgedrückt: So schnell verändern sich die Dinge in Afrika nicht, als dass man bei einem Vorfall gleich jedes Mal hinfliegen müsste.

Sie sind nun 30 Jahre in Süd­afrika. Feiern Sie das Jubiläum?

Drechsler: Ich bin am 27. Januar in Kapstadt zum Hafen runter und hab das ein wenig reflektiert. Als wir 1985 in Bremerhaven losfuhren, schneite es. Und als dann auf dem Schiff und im Hochsommer von Südafrika plötzlich der Tafelberg in der Ferne erschien, war das schon sehr emotional. So muss es 1652 den Holländern ergangen sein.

1985 rollte die finale Widerstandswelle gegen das Apartheit-Regime durchs Land. Wie haben Sie das erlebt?

Drechsler: Das Land stand sozusagen unter Quarantäne. Es wurde gemieden und boykottiert, war isoliert. Wegen der Rassentrennung eben. Als die afrikanische Wirtschaft einbrach, gerieten die weissen Machthaber unter Druck. Aber sie hätten Süd­afrika deshalb noch nicht aus der Hand gegeben. Erst als vier Jahre später in Berlin die Mauer und der Kommunismus fiel, waren die Weissen zu mehr bereit.

Sie haben einen 2 1/2 -jährigen Sohn. Wird er in Südafrika aufwachsen?

Drechsler: Ich denke schon. In der Kita, die Nicolas besucht, gibts Kinder aus acht Nationen. Herrlich, wie diese Kinder «farbenblind» sind. Mein Leben hat sich auf sehr angenehme Weise verändert, seit der kleine Mann ins Leben getreten ist.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Drechsler: Wenn ich nicht in einem anderen Land unterwegs bin, informiere ich mich morgens über die Nachrichten der BBC. Die BBC hat in Afrika enorme Kapazitäten, in jedem Land ihre eigenen Reporter. Die vermessen jedes afrikanische Land regelrecht.

Wie muss man sich Ihren Wohnort vorstellen? Mitten im Stadtgetümmel? Oder auf dem Lande?

Drechsler: Wir wohnen in der Stadt. In der Nähe des Stadtkerns, nahe auch bei Fussballstadion, in dem 2010 WM-Spiele stattfanden. So bin ich schnell beim Flughafen und auch schnell beim Parlament.

Welches ist die schönste Geschichte, die Sie über Afrika schreiben durften?

Drechsler: Das war wohl, als Nelson Mandela als Präsident vereidigt wurde. Das habe ich live in Pretoria miterlebt, als die Jagdflieger, die kurz zuvor teilweise noch scharfe Munition runtergelassen hatten, zur Parade über die Stadt flogen.

Warum ist es für uns Europäer oder Menschen aus dem Westen so schwierig, Afrika zu verstehen?

Drechsler: Afrika tickt anders. Der Kontinent tut sich leider schwer, aus sich auszubrechen. Afrika lebt zu sehr im Jetzt und auch zu sehr in der Vergangenheit, wo wir viel mehr in die Zukunft schauen. Ich bedauere es, dass die Afrikaner so sehr in der Opferrolle verharren. Das ruft in mir eine tiefe Besorgnis wie um einen guten Freund hervor. «Guckt nicht so sehr nach hinten», möchte ich Afrika zurufen. Als Europäer braucht man auf alle Fälle viel Toleranz und Geduld, um in Afrika dauerhaft glücklich zu werden.

INTERVIEW TURI BUCHER

Hinweis

Wolfgang Drechsler nimmt eine halbjährige Auszeit vom Korrespondentendasein, um ein Buch zu schreiben. Er wird in diesem Zeitraum nur sporadisch Artikel publizieren.

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