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Täglich fahren 40 000 über ihn hinweg

Andreas Webers (55), Strassenbauer
Interview Roger Rüegger
Oben donnern die Fahrzeuge vorbei, unten arbeitet Andreas Webers. (Bild Nadia Schärli)

Oben donnern die Fahrzeuge vorbei, unten arbeitet Andreas Webers. (Bild Nadia Schärli)

Der Verkehr auf der A 2 rollt fast ohne Einschränkung auf beiden Spuren, obwohl seit Anfang Mai Bauarbeiten im Gange sind. Möglich macht dies die Fly-over-Rampe (siehe Kasten). Die Männer, die unter der Rampe auf der Triechterbrücke beim Tunnel Eich arbeiten, haben ein dickes Fell. Sie sind Lärm, Abgasen und Staub ausgesetzt. Wir haben Strassenbauer Andreas Webers (55) aus Wolfwil SO kurz bei der Arbeit unterbrochen. Unsere Übungsanlage: unmittelbar neben beziehungsweise unter herandonnernden Autos und Lastwagen ein Gespräch zu führen.

Andreas Webers, auf meinem Arbeitsweg fahre ich täglich auf der Rampe über Ihre Köpfe hinweg. Jetzt, wo ich Ihre Arbeitsbedingungen erlebe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Zu Recht?

Andreas Webers: Müssen Sie nicht, aber es ist schön, dass sich einmal jemand unsertwegen Gedanken macht.

Nun ja, ich nehme mich zumindest zusammen, wenn ich die Rampe befahre. Für Verkehrsteilnehmer ist die natürlich super. Keine Spur­reduktion, bloss etwas Geschwindigkeit rausnehmen. Halten sich die Leute auch an die Tempolimite?

Webers: Es geht so. Viele Lastwagenchauffeure scheuchen die Autos vor ihnen richtiggehend über die Rampe, weil diese aus ihrer Sicht zu wenig schnell fahren.

Und dann bricht an Ihrem Arbeitsplatz fast die Hölle los?

Webers: Warten wirs ab. Es dauert bestimmt nicht lange, bis ein LKW mit hohem Tempo an uns vorbeirauscht. Sie werdens erleben.

Neben der Fahrbahn bei der Rampe sind zahlreiche Radkappen zu einem Turm gestapelt, die vorbeifahrende Autos verloren haben. Webers und seine Arbeitskollegen sammeln sie.

Verkaufen Sie diese auf E-Bay?

Webers: Gute Idee, denn es verlieren zahllose Autofahrer ihre Radkappen. Aber nein, wir entsorgen sie.

Lärm, Abgase und Staub: Brummt Ihnen am Feierabend nicht der Schädel?

Webers: Das würde ich jetzt nicht sagen. Der Lärm auf dieser Baustelle ist permanent. Das macht ihn erträglich. Abgase und Staub gehören einfach zum Alltag.

Vermissen Sie die vorbeirauschenden Autos nach der Arbeit etwa?

Webers: Na, das dann sicher nicht. Wenn ich am Feierabend die Autobahn verlasse, geniesse ich die Ruhe schon.

Können Sie gut abschalten von Ihrem stressigen Alltag?

Webers: Abschalten brauche ich gar nicht. Ich wohne auf dem Land, wo es still ist. Das kommt von alleine. Vermutlich ist es in einer Stadt, in der abends Trams oder sonst unregelmässig Verkehr herrscht, viel unruhiger.

Was ist das Härteste an Ihrem Job?

Webers: Also derart überfordert sind wir bei der Arbeit nicht. Sie empfinden es vielleicht als unangenehm, wir aber sind es gewohnt, neben dem Verkehr mit all den Nebenerscheinungen mit schweren Maschinen und Material zu arbeiten. Wenn wir loslegen, fabrizieren wir auch Lärm.

Wie Webers angekündigt hat, rasen während unseres Gesprächs rund ein Dutzend Lastwagen mit weit mehr als den erlaubten 60 km/h über die Rampe. Im Unterschied zu denen, die korrekt fahren, vibriert die Rampe ordentlich, und auch der Windstoss ist mehr als unangenehm. Der Lärm ist ausserdem um ein Vielfaches grösser, sodass die Besucher der Baustelle mehr als einmal vor Schreck zusammenzucken.

Sie stehen täglich acht Stunden unter der Rampe. Trotzdem sei Ihre Arbeit kein Knochenjob, sagen Sie ...

Webers: Nein, das ist sie für mich nicht. Wenn ich meine Arbeit nicht gerne ausüben würde, wäre ich am falschen Platz und wir arbeiten übrigens neun Stunden am Tag. Und apropos arbeiten: Ich sollte nächstens ins Magazin, weil ich dort noch etwas zu erledigen hätte.

Noch eine Minute, bitte. Ich stelle mir vor, wie Sie Ihren Job tätigen. Die Rampe ist ja nur 1,70 Meter hoch. Sie aber sind gross gewachsen. Also gehen Sie mehrheitlich geduckt. Das ist doch irre?

Webers: Das ist doch kein Thema. Wenn wir einen Fahrbahnübergang einbauen, sind wir ohnehin fast nur auf den Knien. Und wenn wir mit dem Presslufthammer den Boden aufspitzen, stehen wir auch nicht aufrecht.

Dann spielt es für Sie keine Rolle, dass Sie unter der Rampe arbeiten?

Webers: Man kann sich fragen, ob es besser ist, bei 30 Grad auf einer Autobahnbaustelle in der Sonne zu arbeiten oder bei diesen Temperaturen im Schatten unter einer Rampe, die von über 40 000 Autos täglich befahren wird, zu stehen.

Und, was ist besser?

Webers: Unter der Rampe ist es für uns Arbeiter viel sicherer. Bei Baustellen mit einer Fahrbahnreduktion müssen wir stets auf der Hut sein. Es braucht nur ein Autofahrer auf sein Mobiltelefon zu schauen und einen Moment unachtsam zu sein, schon fährt er mitten durch die Baustelle.

Dafür könnten Sie an der Sonne den Autofahrerinnen mit ihrem musku­lösen gebräunten Büezer-Oberkörper eine Freude machen.

Webers: Die Zeiten der entblössten braunen Oberkörper sind vorbei.

Ach ja, wegen der Ablenkung!

Webers: Nee, darum gehts nicht.

Wieso dann?

Webers: Auf den Baustellen auf der Strasse müssen aus Sicherheitsgründen alle lange Hosen und gut sichtbare Oberbekleidung tragen. Ausserdem stehe ich nicht darauf, mir die Haut zu verbrennen.

Zwischendurch befahren auch immer wieder Lastwagen und Autos im gemächlichen Tempo die Rampe. Webers beachtet diese nicht, der Fotografin und dem Reporter fallen diese Verkehrsteilnehmer jedoch angenehm auf sie gleiten vergleichsweise lautlos und ohne Wind über den Fly-over.

Eine Kollegin meinte, Sie hätte Angst, dass die Rampe dem Verkehr nicht standhält. Teilen Sie diese Bedenken?

Webers: Nein. Die Rampe hält was aus. Das ist kein Problem. Vor gut einem Jahr meldete sich ein Spezialtransporter mit über 80 Tonnen Gesamtgewicht an. Der konnte aber problemlos passieren.

Und was tun Sie, wenn Sie nicht gerade unter der Rampe werken?

Webers: Wir Strassenbauer haben einen abwechslungsreichen Job. Im Tiefbau gibt es verschiedene Arbeiten. An einem Tag fahre ich Baumaschinen, an einem anderen gibt es etwas in der Kanalisation zu tun. Langeweile gibt es nicht, ich habe genau den richtigen Job gelernt.

Interview Roger Rüegger

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