TALENTE: Sie durchschauen ihre Gegner schon bei der Eröffnung

Elija (10) und Noé Spichtig (12) aus Sachseln sind Schachspieler. Kürzlich gewann Elija ein Blitzschachturnier, und Noé setzte am selben Anlass mehrere Erwachsene Matt. Der grösste Gegner der beiden ist ihr Vater – weil er einen Trick kennt.

Roger Rüegger
Drucken
Teilen
Elija (links) und Noé Spichtig beim Schachspielen: «Es ist nicht lustig, wenn das Spiel schnell beendet ist.» (Bild: Dominik Wunderli (5. Januar 2017))

Elija (links) und Noé Spichtig beim Schachspielen: «Es ist nicht lustig, wenn das Spiel schnell beendet ist.» (Bild: Dominik Wunderli (5. Januar 2017))

Bei welchem Zug merkt ihr, wenn ein Gegner das Schachspiel nicht gut beherrscht?

Elija: Sofort bei der Eröffnung.

Noé: Wenn der Spieler schon bei seinem ersten Zug zögert.

Was macht ein Anfänger anders als ein geübter Spieler?

Elija: Da gibt es viele Möglichkeiten. Wer die Partie mit einem Randbauern eröffnet, verrät, dass er wenig spielt. Denn so eine Eröffnung gibt es eigentlich nicht.

Wieso? Kann man eine Partie nicht eröffnen, wie man will?

Noé: Doch. Aber der erste Zug mit dem Randbauern, der Figur vor einem Turm, bringt nichts. Ein Schachspieler muss versuchen, sein Spiel zu entwickeln. Mit einem Bauern am Brettrand geht das fast nicht.

Das leuchtet mir zwar nicht ein, aber egal. Wie beginnt man eine Schachpartie?

Elija: Kommt auf die Farbe an. Mit Weiss eröffne ich mit dem Königsbauern. Ich rücke zwei Felder vor auf e4. Man nennt dies auch «italienische Eröffnung». Bei Schwarz setze ich den Königsbauern auf e6, also ein Feld vorwärts. Diese Eröffnung heisst «französische Verteidigung».

Beginnst du immer so?

Elija: Meistens. Aber es gibt viele Arten der Eröffnung. Die Varianten lernen wir im Schachklub, wo wird seit 5 Jahren trainieren. Wer regelmässig spielt, sollte viele Eröffnungen auswendig kennen.

Also legt ihr einfach los mit einer Eröffnung, die ihr kennt. Ab welchem Zug müsst auch ihr überlegen, welches der nächste Schritt ist?

Noé: Nach vier oder fünf Zügen beginnt die Mittelpartie. Dann zeigt sich, wie sich das Spiel entwickelt.

Man kann Gegner auch in vier Zügen besiegen.

Noé: Es ist nicht lustig, wenn das Spiel schnell beendet ist. Im Schach ist es üblich, Fallen zu stellen. Etwa indem man eine Figur von zwei Seiten angreift oder eine angreift und zugleich den König bedroht.

Funktionieren die Fallen an Turnieren?

Elija: Kommt auf die Vorgaben an. Beim Blitzschach geht es, weil dem Gegner kaum Zeit bleibt, die Züge zu analysieren. Man spielt eher nach Instinkt.

Bei einem Blitzschachturnier vor Weihnachten in Sarnen beeindruckten Elija und Noé: Elija gewann das Turnier, Noé wurde Achter. Sie bezwangen einige Routiniers.

Wie fühlt es sich an, erwachsene Schachspieler zu besiegen?

Elija: Gut. Ausser wenn wir gegen Mami spielen. Das ist nicht lustig, weil sie nicht so gut spielen kann. In Sarnen freute ich mich sehr.

Wie trainiert man Schach?

Elija: Man sollte täglich spielen. Gegen bessere Gegner lernt man am meisten. Ich löse auch jeden Tag Taktikaufgaben. Dabei muss man ein Matt in einigen Zügen finden, einen Figurengewinn suchen oder sich sonst Vorteile verschaffen.

Wie lange spielt ihr schon?

Elija: Ich habe mit knapp vier die Regeln gelernt. Intensiv spiele ich seit vier Jahren. Im Durchschnitt beschäftige ich mich etwa eine Stunde täglich mit Schach.

Noé: Ich spiele, seit ich fünf bin.

Warum ausgerechnet Schach?

Elija: Papa hat es uns beigebracht, und es hat mich halt gepackt.

Noé: Ich mag das Strategiespiel mit den vielen Möglichkeiten, den Gegner zu überlisten.

Wie wird man ein guter Schachspieler?

Noé: Mit viel Übung ...

Elija:… Freude und viel spielen.

Könnt ihr auswendig bekannte WM-Partien spielen?

Elija und Noé: Nein

Elija: Das interessiert mich aber auch noch nicht so.

Schachspieler notieren oft ihre Züge. Macht ihr das auch?

Elija: Beim Blitzschach nicht. Aber im Training und bei Turnieren notiere ich die Partien. So kann ich diese später nachspielen und von Fehlern lernen. Etwa indem ich eine bestimmte Situation noch einmal aufbaue und das Spiel erneut zu Ende bringe.

Das macht ihr zu Hause mit eurem Vater, der beim Schachclub Sarnen für den Nachwuchs zuständig ist?

Noé: Ja, das hilft uns beim Lernen. Wir spielen auch online mit Spielern aus aller Welt. Das ist eine gute Lernmethode, weil da gleich starke Gegner zugelost werden. Oft sind das Blitzturniere. Die dauern nur eine gute Stunde.

Wie oft seid ihr am Brett?

Noé: Fast an jedem Abend machen wir ein kleines Turnier in der Familie. Elija, Papa und ich spielen gegeneinander. Manchmal springt Mama ein. Elija stellt oft Spielsituationen auf, die wir als Aufgabe lösen müssen.

Elija: Ja, ich probiere oft neue Varianten aus. Etwa eine Zick-Zack-Eröffnung, bei der ich jeden zweiten Bauern vorschiebe. (Er nimmt immer wieder Figuren zur Hand und spielt Situationen nach.)

Wer ist der Grossmeister in der Familie?

Elija: Papa und ich sind fast gleich stark. Noé gewinnt auch manchmal, aber nicht so oft wie ich.

Braucht ihr beim Schach Ruhe für die Konzentration?

Elija: Nicht unbedingt. Aber wenn Papa Rockmusik laufen lässt, ist das nicht witzig. Denn dann gewinnt meistens er.

Vielleicht sein Trick, um dich abzulenken?

Elija: Ja, diese Musik lenkt mich ab. Wenn Mami Gitarre spielt, ist es auch nicht entspannend.

Warum eigentlich Schach – und nicht Fussball?

Noé: Fussball spielen wir auch. Ich beim FC Sachseln im Mittelfeld.

Elija: Und ich tschutte auf dem Pausenplatz. Mein Lieblingsclub ist der FC Bayern München.

Wie verbessert man das Spiel?

Elija: Man sollte die eigenen Partien nachspielen, die man aufgeschrieben hat, und alleine oder mit einem Trainer analysieren. Und viele Taktikaufgaben lösen.

Ist es nicht stressig, so viele Möglichkeiten im Kopf zu haben?

Elija: Nein, das ist gerade das Interessante am Schach.

Noé: Manchmal brummt einem nach einer langen Partie der Schädel. Denn eine Schachpartie kann bis vier Stunden dauern.

Welche Ziele habt ihr?

Elija: Die Qualifikation für das Finalturnier der besten 16 meiner Alterskategorie und dabei in die Top-Ten zu kommen.

Noé: Besser werden als Papa!

Roger Rüegger

 

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch