TENNIS: Mit Ratschlägen von Heinz Günthardt

An den Schweizer Meisterschaften in Kriens gewinnt Medina Sahinagic bei den U 16 die Bronzemedaille. Die Erfolge der Schwyzerin fundieren auch auf Tipps von Tennisfachmann und Ex-Profi Heinz Günthardt.

Kurt Grüter
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Zählt derzeit zu den besten U-16-Spielerinnen in Europa: Medina Sahinagic aus Seewen. (Bild Kurt Grüter)

Zählt derzeit zu den besten U-16-Spielerinnen in Europa: Medina Sahinagic aus Seewen. (Bild Kurt Grüter)

Das Schweizer Fernsehen forderte 2012 im SF-Live-Chat seine Tennis interessierten Zuschauer auf, ihrem Experten Heinz Günthardt Fragen zu stellen. Dieser Aufforderung kam auch eine junge Schwyzerin nach. Sie schrieb: «Hallo Herr Günthardt. Ich bin Medina Sahinagic, habe erst mit neun Jahren angefangen, Tennis zu spielen. Im Dezember werde ich 14 Jahre alt und bin N4-klassiert. Es läuft nicht schlecht, aber in der letzten Zeit spüre ich, dass mir das Selbstvertrauen fehlt. Wie kann ich daran arbeiten? Können Sie mir einen Tipp geben?» Als Antwort schrieb ihr der Tennis-Kommentator: «Das Wichtigste ist, dass die Turnierplanung stimmt. Wenn man jung ist, sollte man zwar so oft wie möglich auch gegen Bessere spielen, weil man von ihnen lernen kann. Nur darf man dabei nicht vergessen, auch Turniere einzulegen, die man gewinnen kann. Denn das Selbstvertrauen kommt nur über das Siegen. Die Mischung macht es aus!»

Aufgeteiltes Programm

Das nahm sich das Tennistalent aus Seewen SZ zu Herzen. «Zusammen mit meinem Vater analysierte ich diese Antwort», erklärt Medina Sahinagic. «Wir kamen zum Schluss, in Zukunft mein Programm aufzuteilen: ein Drittel gegen Spielerinnen, die ich eigentlich schlagen sollte. Ein Drittel gegen solche, gegen die ich eine Siegchance habe und ein Drittel gegen stärke Gegnerinnen, von denen ich lernen kann. Diese Mischung hat sich bewährt.» Das kann man tatsächlich so sagen, denn die folgende Saison 2013 wurde zur bis anhin erfolgreichste. «Es begann im Januar mit meiner Finalqualifikation an der Schweizer Meisterschaft als jüngste Spielerin bei den U 16. Es folgte im Sommer mein erster internationaler Turniersieg in Podgorica, Montenegro, und endete im Oktober mit der Qualifikation für das U-16-Europe-Masters, zu dem die besten acht Spielerinnen im europäischen Ranking eingeladen sind. Es war ein Jahr, mit dem ich sehr zufrieden bin.»

Vom Fussball zum Tennis

Das aus Bosnien-Herzegowina stammende und im letzten November eingebürgerte Tennistalent begann mit sechs Jahren, beim SC Schwyz Fussball zu spielen. Vorbild war ihr Vater, der bei Schwyz und Altdorf in der 2. Liga gespielt hatte und heute noch als 2.-Liga-Schiedsrichter amtiert. Irgendwie faszinierte sie aber auch das Spiel mit dem Filzball, und für Roger Federer hegt sie seit je eine grosse Bewunderung. So begann sie mit neun Jahren, unter Trainer Reto Dubacher beim Tennisclub Macumba in Schwyz auch das Racket zu schwingen. Fussball oder Tennis hiess dann die Frage. Zwei Jahre liess sie die Antwort offen und spielte beides. «Irgendwann musste ich mich entscheiden. Beide Sportarten liessen sich zeitlich nicht mehr vereinbaren.» Tennis gewann ein grosses Talent, der Fussball verlor möglicherweise eines. Medina Sahinagic begann, ihren Tennistraum zu leben. Ein Traum, den sie dank Hauptsponsor Vecom und einem eigenen Förderverein nach wie vor intensiv lebt.

Die N3-Spielerin stellte am vergangenen Wochenende an der Schweizer Meisterschaft der U 16 in der Region Luzern ihr Können erneut unter Beweis. «Wenn man im Vorjahr im Final stand, will man wieder eine Medaille», umschreibt sie ihre Erwartungen im Vorfeld. Nach einem Freilos in der 1. Runde traf sie auf ihre Trainingskollegin Jessica Brühwiler, die sie mit einem souveränen Zwei-Satz-Sieg (6:3, 6:0) eliminierte. «Es ist immer eine spezielle Herausforderung, gegen eine Kollegin zu spielen, die man ganz genau kennt. Ich habe 2013 auch zweimal international gegen sie gespielt und beide Male gewonnen. Das gab Selbstvertrauen.» Als nächste Gegnerin wartete Jenny Dürst, die sie mit 6:0, 6:3 ebenfalls klar bezwang. Das Aus folgte im Halbfinal gegen Daniela Vukovic. «Im Auftaktsatz lag ich 1:4 zurück und konnten mich wieder herankämpfen. Das verlieh mir Auftrieb, machte mich gleichzeitig aber auch nervös. So schlichen sich wieder Fehler ein, und der Satz war mit 5:7 weg.» Im zweiten Satz dominierte sie Vukovic souverän und gewann mit 6:1. Im Entscheidungssatz lag Medina Sahinagic 3:4 zurück und führte 40:0. Sie konnte die Chance zum Ausgleich aber nicht nutzen, und das 3:5 bedeutet die Vorentscheidung. Sie verlor mit 3:6 gegen Vukovic, die anschliessend auch den Final gegen Tamara Arnold in zwei Sätzen gewann. «Die angestrebte Finalqualifikation habe ich zwar verpasst. Mit der Bronzemedaille bin ich jedoch auch zufrieden», meinte sie, nachdem sie ihre erste Enttäuschung überwunden hatte.

Viele internationale Turniere

Medina Sahinagic, die den Service, die Vorhand und ihre physische Verfassung als ihre Stärken bezeichnet, besucht seit 2011 die Nationale Elitesportschule Thurgau in Kreuzlingen. Dort absolviert sie ein anspruchsvolles Sport- und Ausbildungsprogramm. «Um sechs Uhr ist Tagwache, danach wechseln sich Schule und Tennis den ganzen Tag ab», beschreibt sie ihren Tagesablauf.» Anfänglich vermisste sie in der Ostschweiz ihre Familie. Inzwischen hat sie sich an diese Situation gewöhnt. «Ich habe dort tolle Kolleginnen gefunden, die für mich fast zur zweiten Familie geworden sind.» Heimweh kann sie sich auch gar nicht mehr leisten, ist sie doch in den nächsten Wochen viel an internationalen Turnieren im Ausland unterwegs. Als Nächstes bestreitet sie mit den beiden SM-Finalistinnen Vukovic und Arnold die U-16-Team-Europameisterschaft in Italien, danach folgen Turniere in der Slowakei, in Deutschland und Slowenien. «Ich will möglichst viele ITF-Punkte sammeln und mich kontinuierlich weiterentwickeln.» Dazu sucht sie wenn immer möglich den internationalen Kräftevergleich – der einzige richtige Weg an die Tennisspitze.